Die Firma Fire Point stellt Drohnen und Marschflugkörper her, die Russlands Ölanlagen und Raketenfabriken attackieren. Lange scheute das umstrittene Unternehmen die Öffentlichkeit. Nun gewährt es einen seltenen Blick hinter die Kulissen.18.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenVon aussen wirkt das Fabrikgelände in der Zentralukraine unscheinbar. Auf der Strasse stehen parkierte Autos, Passanten spazieren mit Hunden vorbei. Sie ahnen nicht, dass sich hinter den Mauern dieser Gebäude eine Fabrik des wohl wichtigsten Rüstungsunternehmens der Ukraine verbirgt: Fire Point. Lange war über dieses Unternehmen nicht viel mehr bekannt als sein Name. Doch seit einigen Monaten sucht es gezielt die Öffentlichkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An Fire Point zeigt sich exemplarisch, wie die Ukraine in diesem Krieg praktisch aus dem Nichts und mit viel Improvisation einen dynamischen Rüstungssektor aufgebaut hat – der nun immer selbstbewusster wird. Entsteht hier gerade ein Zukunftsmodell für die internationale Waffenindustrie? Oder ist es doch nur ein «Spielen mit Lego», wie es der Rheinmetall-Chef Armin Papperger kürzlich formuliert hat?Drohnen aus Holzplatten und PlastikrohrenDer Besuch in den Werkhallen von Fire Point erfolgt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Schon vor dem Betreten der Gebäude müssen die Ortungsdienste auf dem Handy deaktiviert werden. Zwei Mitarbeiter durchsuchen die Taschen der Journalisten, fahren mit Metalldetektoren die Kleider ab. Später folgen zwei Sicherheitsleute den Besuchern auf Schritt und Tritt und geben penible Anweisungen darüber, was fotografiert werden darf. Nichts soll Rückschlüsse auf den Standort der Anlage erlauben – denn Moskau würde diese Fabrik am liebsten in Schutt und Asche legen.In der Fabrik von Fire Point stapeln sich Heckteile von Langstreckendrohnen bis fast unter die Decke.Die Waffen von Fire Point sorgen dafür, dass die Ukraine weit hinter der Front zuschlagen und damit die russische Kriegsindustrie ausbremsen kann. Ihre Langstreckendrohnen waren etwa an den Angriffen auf die russischen Erdölhäfen in Ust-Luga und Primorsk beteiligt. Im Februar traf ein Flamingo-Marschflugkörper von Fire Point eine russische Raketenfabrik in Wotkinsk – 1700 Kilometer von der Ukraine entfernt.Im Inneren der Fabrik ist es laut, stickig und eng. Aus einem Lautsprecher dröhnt Techno-Musik, während Dutzende Männer damit beschäftigt sind, dünne Aluminiumplatten an den künftigen Rumpf von Kamikazedrohnen anzubringen. Daneben stapeln sich grau gestrichene Tragflächen und Heckteile bis fast unter die Decke. In der Luft hängt der Geruch von Leim und Sägemehl, immer wieder surren Werkzeuge. Schnell wird klar: Das hier ist keine durchautomatisierte Produktionsstrasse. Die Anlage gleicht eher einer grossen, verwinkelten Werkstatt.Ohnehin fällt auf, dass in diesen Hallen kaum mit hochwertigem Material gearbeitet wird, sondern vor allem mit Holzplatten, Plastikrohren und Bauschaum. Ausgefeilt ist eigentlich nur die Elektronik, die die Drohnen an ihr Ziel bringen und sie vor Störsendern schützen soll.Mitarbeiter von Fire Point setzen Drohnenteile zusammen.Denn die Waffen von Fire Point sollen so billig wie möglich sein. Rund 40 000 Franken kosten die Langstreckendrohnen vom Typ FP-1, die hier zusammengebaut werden. Ihre Aufgabe: 60 Kilogramm Sprengstoff bis zu 1700 Kilometer weit zu tragen. Angetrieben werden sie mit handelsüblichem Benzin, die Tanks sind einfache Plastikkanister. Gewissermassen sind es fliegende Seifenkisten – sie müssen nicht schön sein, sondern nur ihre zerstörerische Mission erfüllen.«Wir produzieren hier inzwischen mehr als 100 Drohnen pro Tag», sagt Anna, eine Mitarbeiterin mit blonden Locken und Blazer, die die Besucher aus der Schweiz durch die Räume führt. Rechnet man die Produktion in anderen Werkstätten hinzu, produziert Fire Point insgesamt 200 Drohnen pro Tag – 6000 im Monat. Ihren echten Namen nennt die junge Frau nicht. Wie alle Mitarbeiter dürfe sie nicht einmal ihrer Familie erzählen, dass sie für Fire Point tätig sei, erklärt sie.Der Kreis der Eingeweihten muss so klein wie möglich bleiben – denn ein Rüstungsunternehmen wie Fire Point lockt Spione und Saboteure an. Vor ihrer Anstellung werden Mitarbeiter vor einen Lügendetektor gesetzt, ihre Handys werden durchsucht.Vom Startup zum RüstungskonzernDas Büro von Denis Schtilerman, dem Mitinhaber und Chefdesigner von Fire Point, ist eine Mischung aus Konferenzraum und Tüftlerwerkstatt: Moderne Bürostühle stehen um einen grossen Sitzungstisch, auf dem sich, säuberlich angeordnet, Softgetränke und Snacks befinden. Auf dem Boden daneben liegen mehrere Raketenteile, bunte Kabel und Werkzeuge verstreut. In einer Ecke lehnt ein noch in Plastikfolie eingewickeltes Gemälde mit dem Konterfei von Winston Churchill.Was im ukrainischen Rüstungssektor passiere, sei eine Revolution, sagt Denis Schtilerman, der Mitinhaber und Chefdesigner von Fire Point.«Die Welt braucht einen neuen Churchill», sagt Schtilerman, ein bulliger Mann im Polohemd, das um die Oberarme spannt. «Mit Selenski haben wir zwar einen. Doch leider hat er nicht so viel Einfluss wie das Original.»Dann erzählt er vom November 2022, jenem Monat, in dem Fire Point entstand. «Wir haben damals gesehen, dass die Waffenlieferungen unserer westlichen Partner nicht ausreichten und zu viel Geld kosteten.» Also habe er zusammen mit seinem Schulfreund Jehor Skaliha eine Firma gegründet, um möglichst günstige Langstreckendrohnen zu bauen. «Am Anfang waren wir achtzehn Leute. Wir haben die FP-1 entwickelt und sie kontinuierlich verbessert.» Doch der Durchbruch kam erst mehr als ein Jahr später.Die Geschichte, die Schtilerman erzählt, geht so: Im März 2024 veranstaltete die amerikanische Botschaft in Kiew einen internationalen Wettbewerb für Langstreckendrohnen, die unter Störsignalen einen Flug absolvieren mussten. «Wir waren das einzige Unternehmen, das den Test bestand», sagt Schtilerman. «Danach bestellte die ukrainische Armee sofort viele Drohnen. Jetzt haben wir mehr als 5000 Mitarbeiter.»Im Büro von Denis Schtilerman lehnt ein Porträt von Winston Churchill an der Wand.Doch es gibt auch jene, die hinter der Erfolgsgeschichte ein böses Spiel vermuten: Ukrainische Medien sagen der Firma Verbindungen zum Unternehmer und ehemaligen Selenski-Geschäftspartner Timur Minditsch nach, der im November 2025 nach einem Korruptionsskandal im Energiesektor aus dem Land flüchtete. Das ukrainische Antikorruptionsbüro leitete in diesem Zusammenhang auch Ermittlungen gegen Fire Point ein. Eine Anklage gibt es bis jetzt nicht.«Unser Vorteil ist, dass wir keine Erfahrung haben»Es war wohl auch die anfängliche Geheimniskrämerei um Fire Point, die ihren Teil zu den Gerüchten beitrug. Denis Schtilerman selbst hielt seine Beteiligung am Unternehmen lange Zeit geheim – auch deshalb, weil seine Ex-Frau und zwei seiner Kinder nach Kriegsbeginn noch in Russland lebten. Als eine ukrainische Zeitung seinen Namen und seine Rolle bei Fire Point publik machte, musste er seine Familie innert kürzester Zeit aus dem Land bringen lassen. «Das waren die schlimmsten Stunden meines Lebens», sagt Schtilerman, der in den neunziger Jahren selbst in Moskau studiert hatte.Im Sommer 2025 ging Fire Point dann mit einer PR-Kampagne in die Offensive. In einer dreistündigen Pressekonferenz zeigte sich die Führungsriege des Unternehmens erstmals gemeinsam auf einer Bühne. Dabei wurde deutlich, dass hier nicht erfahrene Waffeningenieure am Werk sind: Schtilerman ist eigentlich ein IT-Unternehmer, Jehor Skaliha war in der Filmbranche tätig. Die Dritte im Bunde, die 33-jährige technische Leiterin Irina Terech, führte zuvor eine Architekturfirma.«Unser Vorteil ist, dass wir keine Erfahrung im Rüstungssektor haben», sagt Schtilerman. Fire Point strebe nicht nach Perfektion, sondern nach Effizienz: «Unsere Drohnen haben vielleicht nicht die beste Aerodynamik. Aber sie sind billig und lassen sich schnell zusammenbauen. Das ist das Wichtigste.» Irina Terech hat jüngst erklärt, dass die Firma viele Technologien auf Youtube und Google gefunden habe.Vor der Fertigstellung bringen Mitarbeiter diverse Kleber mit Warnhinweisen an den Drohnen an.Fire Point ist bei weitem nicht das einzige Rüstungs-Startup in der Ukraine. Schon kurz nach Kriegsbeginn hatte die Regierung in Kiew die bürokratischen Hürden für die Produktion von Waffensystemen massiv reduziert. Seither sind Dutzende neue Firmen entstanden, vor allem im Bereich der Drohnentechnologie. «Die Ukraine ist im Rüstungssektor das freieste Land der Welt. Wir müssen nicht viel Zeit mit Papierkram verbringen. Den Marschflugkörper Flamingo haben wir in nur neun Monaten entwickelt», sagt Schtilerman.In der Ukraine ist es heute möglich, dass Rüstungsfirmen eigentlich unfertige Waffensysteme an die Armee liefern, um sie unter realen Bedingungen zu testen. Die Verbesserungsvorschläge der Soldaten fliessen dann direkt in den nächsten Produktionszyklus ein. «Wir haben in diesem Krieg unser Navigationssystem sieben Mal angepasst», sagt Schtilerman. Was in der Ukraine passiere, sei mehr als Innovation. «Es ist eine Revolution.»Ballistische Raketen auf Moskau?Trotzdem sagt der Unternehmer: «Es gibt noch nicht viel, auf das wir stolz sein können. Unser wichtigstes Ziel ist es, das russische Imperium zu zerstören. Russland darf kein Gefängnis für Völker mehr sein.» Ihm scheint eine Situation vorzuschweben, in der Russland in mehrere kleinere Staaten zerfällt, die von den jeweiligen ethnischen Minderheiten selbst regiert würden. Der Kollaps des russischen Staates ist eine Idee, die von vielen ukrainischen Propagandisten heraufbeschworen wird – dass sich dies mit Drohnenangriffen erreichen lässt, erscheint aber äusserst zweifelhaft.Doch aus Sicht von Schtilerman hat die Arbeit ohnehin erst gerade angefangen: Bereits läuft die Entwicklung der FP-7, einer ballistischen Kurzstreckenrakete, die dereinst auch als günstige Alternative zu den Patriot-Flugabwehrrakete fungieren soll. Und die FP-9, eine weitere ballistische Rakete, soll noch in diesem Jahr Ziele in Moskau treffen. Künftig werde Fire Point gar Satelliten ins All schicken, sagt er.Aber die Entwicklung von komplexen Waffensystemen wie ballistischen Raketen ist eine andere Liga als der Bau von Langstreckendrohnen. Das hat sich bereits bei dem als Wunderwaffe angepriesenen Marschflugkörper Flamingo gezeigt. Dieser hat zwar einige Achtungserfolge erzielt. Doch bei der Trefferquote und der Produktionsrate bleibt er bis jetzt hinter den Erwartungen zurück.Ein Video von Fire Point zeigt den Start eines Flamingo-Marschflugkörpers.Fire PointNoch fehlt es dem Unternehmen etwa in der Radartechnologie oder bei Zielerfassungssystemen an Know-how. Fire Point hofft deshalb auf ein Tauschgeschäft: «Wir laden unsere Partner ein, ihre Radarsysteme an unseren ballistischen Raketen zu testen. Im Gegenzug möchten wir einzig ihre Software untersuchen können», sagt Schtilerman. Langfristig sei das Ziel, dass künftig ukrainische Abfangraketen in einen europaweiten Abwehrschirm für ballistische Raketen integriert würden.Drohnen werden immer wichtigerSo geht es für Fire Point nicht nur darum, die Russen zurückzuschlagen und sich von den versiegenden Waffenlieferungen der westlichen Partner unabhängiger zu machen. Ziel ist auch, die inzwischen kampferprobte Ukraine gegenüber dem Westen als unentbehrlichen Rüstungspartner zu positionieren. Zwar können es die ukrainischen Startups noch lange nicht mit der überlegenen Waffenindustrie Russlands aufnehmen. Aber sie holen auf – und spielen im Bereich der Drohnen längst ganz vorne mit.Diese bleiben zumindest vorläufig das wichtigste Produkt von Fire Point. Im letzten Raum der Fabrik werden die fertigen Langstreckendrohnen wieder in ihre Einzelteile zerlegt und in unauffällige Anhänger verladen. Niemand soll sehen, dass von hier aus Waffen ausgeliefert werden. Schon bald werden diese Drohnen aus Holz und Plastik in den Himmel steigen – und Kurs nehmen auf Ziele, die tief in Russland liegen.Passend zum Artikel
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