InterviewAls Teenager wurde er beschimpft, mit dem ZSC und Lugano wurde er Meister. Heute sagt der deutsche Nationalcoach Harold Kreis: «Die Zeiten ändern sich. Und sie ändern dich»Kreis fand als Trainer in der Schweiz Inspiration: Mit 67 blickt er auf fünf Jahrzehnte im Eishockeygeschäft zurück. Am Montag duelliert sich sein Team an der WM mit der Schweiz.18.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenTief in der Schweiz verwurzelt: der «Bundestrainer» Harold Kreis.Slavomir Kubes / ImagoHarold Kreis, stimmt es, was Udo Jürgens einmal gesungen hat?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was sang er denn?Dass mit 66 Jahren das Leben anfange. Sie sind im Januar 67 geworden und mit Ihrem Alter im Trainermetier inzwischen eine Ausnahmeerscheinung.Ach, wissen Sie, der Sport hält jung. Ich profitiere von meiner Lebenserfahrung und gebe diese gerne weiter. Nur weil man alt ist, heisst das noch lange nicht, dass man sich auch alt fühlt.1978 bestritten Sie Ihre erste Profisaison, bald sind Sie seit fünfzig Jahren im Geschäft. Was haben Sie in fünf Jahrzehnten erlebt?Vielleicht sollte ich irgendwann ein Buch schreiben. Ich war Verteidiger und stand teilweise vierzig Minuten pro Abend auf dem Eis. So war das damals, die Teams waren kleiner. Heute würde ich mir wünschen, ich wäre früher runter, so wie die Knie und die Hüften schmerzen (lacht). Es ist schon viel geschehen. Die Zeiten ändern sich – und sie ändern dich. Das Eishockey hat sich enorm gewandelt, es ist mit dem Sport, den ich damals ausgeübt habe, fast nicht mehr zu vergleichen. Alles ist schneller, professioneller, ernsthafter geworden. Aber ich geniesse es immer noch. Am Zusammenhalt und Enthusiasmus der Menschen für diesen Sport hat sich nichts verändert.Als Sie 1978 als Kanadier in Mannheim landeten, wurden Sie als «Rucksack-Deutscher» beschimpft.Es landeten damals viele Nordamerikaner in Deutschland, das war wirtschaftlichen Überlegungen geschuldet – wir kosteten einfach viel weniger als die einheimischen Spieler. Ich stürzte mich in dieses Abenteuer, weil ich dachte: Cool, Eishockey spielen, und dann noch im Land meiner Vorfahren. Dass das negative Reaktionen auslösen könnte, war mir überhaupt nicht bewusst. Die Vorhaltung war, dass wir den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. In Rosenheim hat mich ein gegnerischer Fan einmal schon beim Aufwärmen beleidigt. Da bin ich zu ihm hingegangen und habe ihn gefragt, ob er Karl Friesen, den ebenfalls in Kanada geborenen Torhüter des Heimteams, eigentlich auch so anschnauze. Danach war Ruhe.Sie wuchsen in Kanada auf, Deutschland ist seit Jahrzehnten Ihr Lebensmittelpunkt. Aber was Ihre Trainerlaufbahn angeht, hat Sie auch die Schweiz stark geprägt. Wie kam es, dass Sie 2002 beim Nachwuchs des HC Davos landeten?Ich war bei Bad Nauheim entlassen worden und stellte mir die grossen Fragen: Willst du das wirklich dein Leben lang machen: Eishockeytrainer sein? Ich wusste gar nicht richtig, wer ich eigentlich bin. Davos hat mich gerettet. Dort habe ich die Inspiration gefunden, die mir zuvor gefehlt hatte.Es gibt diese legendäre Episode, die man sich bis heute erzählt: Die HCD-Junioren baten darum, sich im Bus zu den Auswärtsspielen Filme ansehen zu dürfen. Sie waren skeptisch, willigten aber ein. Es lief «Miracle on Ice» über das Wunder von Lake Placid von 1980. Der Coach der USA lässt seine Schützlinge dabei nach einem blamablen Remis gegen Norwegen zu einem Straftraining antanzen . . .. . . ja, und ich habe das nach einer Heimniederlage gegen Zug auch gemacht. Die Zuger haben vor der Abfahrt nach Hause höhnisch ans Plexiglas geklopft, das war die wahre Strafe.Straftrainings klingen sonst nicht nach Ihnen, Sie gelten als der ultimative Gentleman-Trainer.Es war das einzige meiner gesamten Trainerkarriere, ein spontaner Einfall, inspiriert eben von diesem Film.Kurz darauf fragten Sie Arno Del Curto, ob Sie nicht vielleicht Assistent der ersten Mannschaft werden dürften.Zum Glück hat er Ja gesagt! Ich habe von Arno enorm viel gelernt. Seine Leidenschaft und sein Feuer haben mich gepackt. Es war die Lockout-Saison mit Rick Nash und Joe Thornton. Arno liess diesen 2-1-2-Forecheck spielen. Bedingungslos, riskant, mutig. Das hat mir sehr imponiert. Und es funktionierte ja auch blendend.Danach wechselten Sie nach Chur in die zweithöchste Liga. Und als die Saison dort zu Ende war, wurden Sie während der Play-offs plötzlich als Trainer des HC Lugano vorgestellt.Ich habe mein Handy immer an. Nicht auf laut, aber mit dem Display nach oben. Beat Kaufmann hat mich angerufen, und ich konnte es kaum glauben. Als ich in Lugano das erste Mal vor die Mannschaft trat, sagte ich den Jungs: «Hey, ich bin genauso überrascht wie ihr.» Vielleicht war das der Eisbrecher, dass ich nicht sagte: Hey, hier kommt der grosse Retter. Es stand in der Viertelfinalserie gegen Ambri – ausgerechnet! – 0:2. Wir verloren auch das dritte Spiel. Drehten dann aber erst die Serie – und wurden anschliessend Meister. War schon ziemlich verrückt.Merkt man das an der Bande? Dass sich die eigene Mannschaft gerade in einen Rausch spielt und es nicht schiefgehen kann?Es gibt schon so Momente. Aber das ist flüchtiges Glück. Es gibt vielleicht den perfekten Einsatz, dreissig Sekunden, oder mit viel Glück ein fast perfektes Drittel. Aber ein perfektes Spiel, geschweige denn eine Play-off-Serie? Ich glaube nicht, dass ich das jemals erlebt habe.Zwei Jahre nach dem Triumph mit Lugano wurden Sie auch mit den ZSC Lions Meister.Emotional hat mich das stärker berührt. In Lugano war ich nur so kurz, dort war es der Titel der Mannschaft. Aber in Zürich habe ich den gesamten Prozess mitgemacht. All die Hochs und Tiefs. Der Medienplatz Zürich war damals ein ziemlich aggressives Pflaster, da musste man sich als ZSC-Trainer einiges anhören, wenn es mal nicht lief.2014 hätten Sie Schweizer Nationaltrainer werden können, zogen aber das Angebot des EV Zug vor.Das weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Aber ich habe keinen meiner Schritte bereut. All die Erfahrungen haben mich zu dem Menschen werden lassen, der ich heute bin.Man hat Sie in all den Jahren kaum einmal die Contenance verlieren sehen. Was macht Sie so gelassen?Man darf nicht vergessen, dass Eishockey ein Spiel ist. Es gibt im Leben mehr als Sieg und Niederlage. Wenn’s nur ums Gewinnen geht, dann kann es schnell unethisch werden. Aber für mich muss eben auch der Prozess stimmen. Ich habe immer versucht, ich selbst zu bleiben. Gerechtigkeit und Fairness sind mir sehr wichtig. Auch wenn mir natürlich Fehler unterlaufen sind. Auch die sind Teil des Reifeprozesses.Was schätzen Sie an der Schweiz?Vieles. Die Freundlichkeit der Menschen und auch ihre Verbindlichkeit. Dass ein Wort gilt. Die Natur. Ich habe es geliebt, mit dem Mountainbike durch das Flüelatal zu fahren. Oder mich in Luzern an den See zu setzen.Seit 2023 sind Sie deutscher Nationaltrainer. Manche Ihrer Spieler sind vierzig Jahre jünger als Sie. Wie findet man da eine gemeinsame Wellenlänge?Ich bemühe mich, alle mit Respekt zu behandeln. Ja, die Generation Z hat vielleicht andere Interessen als ich. Aber das ist eben gerade zentral: Sie sind nicht besser, nicht schlechter, sondern: anders. Es gibt Themen, da lerne ich dazu. Und gleichzeitig versuche ich, das weiterzugeben, was ich über all die Jahre gelernt habe. Es kann schon helfen, wenn man gewisse Situationen schon einmal erlebt hat. Weil man dann nicht gleich die Nerven verliert, sondern mit Bedacht reagieren kann.Am Montag treffen Sie mit Ihrem Team in Zürich auf die Schweiz. Deutschland zählt nur knapp halb so viele lizenzierte Eishockeyspieler wie die Schweiz.Die Bedeutung des Eishockeys in der Schweiz ist eine andere als in Deutschland. Wenn man in der Schweiz die Zeitung aufschlägt, dann sind die Spalten voll mit Berichten übers Eishockey. Hier ist das anders. Am Fussball gibt es kein Vorbeikommen, das muss man akzeptieren. Aber wir haben auch schöne Fortschritte erzielt. Unsere beiden höchsten Ligen funktionieren, die Stadien sind voll. Wir müssen aber aufpassen, dass wir einen guten Weg finden, den Nachwuchs zu fördern.Ihr Team hat diverse Absagen zu verkraften, unter anderem fehlen die Weltklassestürmer Leon Draisaitl und Tim Stützle. Als Nationaltrainer ist die Abhängigkeit davon, welche Spieler gerade verfügbar sind und Lust auf eine WM verspüren, riesig. Wie gehen Sie damit um?Das gehört dazu. Manchmal würde man sich vielleicht wünschen, dass die Erwartungshaltung damit korrespondiert, wer alles dabei ist . . . Aber wir werden wie jedes Jahr ein starkes, motiviertes Team haben. Und es unseren Gegnern schwer machen.Die Bedeutung der WM hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Machen Sie sich Sorgen um das Format?Sorgen nicht. Wer je eine WM besucht hat, weiss, was für eine aussergewöhnliche Stimmung dort herrscht. Das wird sich nicht verändern. Aber was den Terminkalender angeht, wird es schwieriger, keine Frage. Die NHL erhöht ihre Regular Season von 82 auf 84 Spiele. Es gibt den World Cup. Irgendwann ist für die Spieler die Grenze der Belastbarkeit erreicht.2027 wird die WM in Deutschland stattfinden, Ihr Vertrag endet dann. Wird die Heim-WM Ihre Abschiedsvorstellung?2028 wird der World Cup stattfinden, ich gehe nicht davon aus, dass ich dann noch als Trainer unterwegs sein werde. Ich freue mich darauf, mehr Zeit mit meinen Enkeln zu verbringen. Sie aufwachsen zu sehen. Aber noch ist der Moment nicht gekommen, in dem ich mich auf den Ruhestand freue. Heute freue ich mich auf die WM, auf das Duell mit der Schweiz.Passend zum Artikel
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