Nachrichten aus der Unterwelt – wie Ermittler mit abgefangenen Chats aus Sky ECC kriminelle Netzwerke enttarnt habenDas «Whatsapp für Kriminelle» hat Schweizer Ermittlern einen noch nie da gewesenen Einblick in das organisierte Verbrechen ermöglicht. Doch nun müssen sie auf ein alles entscheidendes Urteil hoffen.18.05.2026, 05.05 Uhr7 LeseminutenDürfen Ermittler Chats aus dem «Whatsapp für Kriminelle» verwenden? Diese Frage muss das Bundesgericht klären.Illustration Ida Götz / NZZFür Ermittler war es eine Goldgrube. 2021 gelang es Ermittlern aus mehreren Ländern, den unter Schwerverbrechern weit verbreiteten, verschlüsselten Messenger Sky ECC zu knacken. Monatelang verfolgten die Behörden danach praktisch live, wie die Kriminellen agierten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Kriminellen fühlten sich darauf so sicher, dass sie sogar Selfies von sich verschickten, auf denen sie in ihren Häusern oder vor einer Ladung Kokain posierten. In Chats sprachen sie hemmungslos über ihre Geschäfte. Vom Coup profitierten auch die Schweizer Strafverfolger. Die Sky-Daten ermöglichten ihnen den grössten Schlag gegen die organisierte Kriminalität seit Jahren.Doch dann kam das Urteil des Zürcher Obergerichts. Im August 2025 erklärte die zweite Strafkammer abgefangene Nachrichten des verschlüsselten Messenger-Dienstes Sky ECC für absolut unverwertbar.Was von Strafverteidigern als Sieg des Rechtsstaats bejubelt wurde, war für die Schweizer Ermittler ein Super-GAU.Denn sollte das Urteil auch vor dem Bundesgericht Bestand haben, wären die Folgen einschneidend. Dann könnten mehrere Dutzend grosse Ermittlungsverfahren in sich zusammenfallen. Die Schweiz wäre das erste Land in Europa, in welchem die Ermittler nicht mehr auf die Chats zugreifen dürften.Chats, in denen es um Kokain, Ecstasy-Pillen und Bargeld in riesigen Mengen, ausgeklügelte Logistik und Protzerei von Schwerverbrechern geht. Das lässt sich anhand von drei Fällen aufzeigen, an denen sich die Bedeutung des Messengers zeigen lässt.Fall 1: Das Reisebüro in LuzernEs wirkte wie die perfekte Tarnung: ein Reisebüro an einer vielbefahrenen Strasse in Luzern. Mit einer Zweigniederlassung in Basel und einem Check-in-Schalter an einem Flughafen. Spezialisiert auf Reisen in den Balkan. Kunden buchten bei der Agentur ihre Flüge und Hotels.Nur führte der kosovarische Betreiber noch ein zweites Geschäft. Ein ebenso illegales wie lukratives.Das Reisebüro war mutmasslich eine zentrale Finanzdrehscheibe für ein kriminelles Netzwerk aus Albanien. In der Agentur wurden Gelder aus Kokaingeschäften gesammelt, die Kuriere aus der ganzen Schweiz vorbeibrachten. Von Luzern aus wurde das dreckige Geld nach Albanien und Kosovo transferiert. In weniger als einem Jahr sollen so über sieben Millionen Franken geflossen sein. Entweder mittels Geldkurieren oder mit Hawala-Banking, einem islamischen Finanzsystem, das kaum Spuren hinterlässt.Das geht aus einem Urteil des Bundesstrafgerichts vom vergangenen Jahr hervor, das bei einem der Beschuldigten über die Verlängerung der Untersuchungshaft zu entscheiden hatte.Lange lief das System der kriminellen Gruppierung wie geschmiert. Das Netzwerk verfügte über Zellen quer über die Schweiz verteilt. Und die Organisatoren des Kokainnetzwerks fühlten sich sicher. So sicher, dass der mutmassliche Schweiz-Chef der Organisation in einem abgehörten Gespräch Ende Januar 2023 sagte: «Wir können nie von der Polizei verhaftet werden, weil wir haben keine Spuren. Alles sind unsere Leute.»Doch da waren ihnen die Ermittler bereits auf der Spur. Im September 2024 nahm die Polizei den Schweiz-Chef und fünf weitere mutmassliche Mitglieder des Netzwerks fest. Unter ihnen auch den Besitzer des Reisebüros und dessen Söhne. Zudem konnten gemäss einem Bericht von CH Media zentrale Auftraggeber im Ausland identifiziert werden.Wichtige Erkenntnisse zogen die Ermittler dabei aus Sky ECC. Über den Messenger kommunizierten Mitglieder des kriminellen Netzwerks.Angefangen hatte alles mit Ermittlungen der Luzerner Polizei, später übernahm die Bundesanwaltschaft die Untersuchung. Fast ein Jahr lang observierten die Ermittler gemäss Entscheid des Bundesstrafgerichts das Reisebüro. Sie registrierten über 750 Besuche von mutmasslichen Drogenläufern. Über vierzig von ihnen wurden in mehreren Kantonen festgenommen. Sie alle hatten mutmasslich einen Bezug zu Geldübergaben im Reisebüro.Identifiziert werden konnte auch ein Mann, der Drogengelder einsammelte und im Reisebüro ablieferte. Gemäss Entscheid des Bundesstrafgerichts belegten verschlüsselte Chats, wie der Kurier auf direkte Anweisungen eines Bosses handelte.Er habe zwar Geld transportiert, aber nichts von dessen illegaler Herkunft gewusst, behauptete der Mann später in Untersuchungshaft. Für die Ermittler jedoch fügte sich alles zu einem Bild zusammen. Der Kurier war Teil einer abgeschotteten Organisation, die international verflechtet ist, mit einer klaren Hierarchie und Arbeitsteilung.Die Strafuntersuchung der Bundesanwaltschaft läuft noch immer. Für die Beteiligten gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.Fall 2: Der Heizungsmonteur und abgebrühte KriminelleEr ist 29-jährig, Heizungsmonteur und ein abgebrühter Schwerverbrecher, der im grossen Stil mit Kokain, Heroin und Waffen gehandelt hat. Einer, der sich auf dem verschlüsselten Messenger Sky ECC mit anderen Unterweltfiguren hemmungslos über seine kriminellen Aktivitäten ausgetauscht hat. Im Glauben, dass niemand mitlesen kann.Der Fall, der im letzten Herbst vor dem Bezirksgericht in Bülach verhandelt worden ist, basiert zu einem grossen Teil auf den abgefangenen Chats aus dem Messenger.Auf dem mit dem Messenger ausgerüsteten Mobiltelefon verschickte der junge Mann Bilder von gepressten Kokainblöcken aus seinem Fahrzeug. Und von Geldbündeln aus seiner Wohnung. Er chattete darüber, welche Ziele man als Nächstes angehen soll. Und er verhandelte über die Preise der Drogenlieferungen. Die Deals liefen gemäss Sky-ECC-Chats so ab:12. Januar 2020: In einem Uhrengeschäft kaufte der Heizungsmonteur von zwei Lieferanten drei Kilogramm Kokain. Dafür leistete er eine Anzahlung von 64 000 Franken. Er bot den beiden Drogenhändlern gleichentags 3,1 Kilogramm Heroin zum Kauf an.11. Februar 2020: Um 11 Uhr 51 kaufte er von einem Dealer in Geroldswil ein Kilogramm Kokain, das den Stempel «Esso» trägt. Noch am gleichen Tag teilte er einem Chat-Partner auf Sky ECC mit, er habe das Kokain für 44 000 Franken weiterverkauft.23. März 2020: Er bot einem Chat-Partner hunderttausend Ecstasy-Pillen zum Kauf an.Insgesamt soll der 29-jährige Schweizer mit bis zu 37 Kilogramm Kokain, mehreren Kilogramm Heroin sowie hunderttausend Ecstasy-Pillen gehandelt haben.Die Sky-ECC-Chats verrieten den Ermittlern noch mehr über den jungen Mann: Mit einem Komplizen schmiedete er Pläne, um Bijouterien auszurauben. Seinem Komplizen schickte er Aufnahmen der Zielobjekte und Zeitpläne.Doch die Pläne versandeten. Warum, ist nicht klar.Im September 2020 brach er zusammen mit einem Komplizen in ein Gebäude in Grenchen ein. Die Kriminellen durchsuchten mehrere Räume und stahlen fünfzig zum Grossteil zerlegte Maschinenpistolen, Schalldämpfer, Magazine und Munition. Zwei Fahrten brauchten die Männer daraufhin, um die Waffen abzutransportieren und an den Wohnort des jungen Mannes zu bringen.Einen Tag später bot er die Maschinenpistolen via Sky ECC zum Verkauf an.Schliesslich nahmen ihn die Ermittler fest, zwei Jahre sass der Heizungsmonteur in Untersuchungshaft. Das Bezirksgericht in Bülach verhängte im Oktober 2025 eine zehnjährige Freiheitsstrafe gegen den Schweizer Drogenhändler. Doch der Verteidiger kündigte bereits im Gerichtssaal an, in Berufung gegen das Urteil zu gehen. Auch hier im Zentrum: die Zulässigkeit der Chats als Beweismittel.Fall 3: Der Drogenboss aus BaselDer erste grosse Fall in der Schweiz, bei dem Daten aus Sky ECC eine Rolle spielten, wurde 2023 in Basel verhandelt. Das Strafgericht verurteilte einen damals 50-jährigen Kolumbianer wegen Drogenhandels zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren und 9 Monaten sowie einem Landesverweis von 12 Jahren. Bis zu seiner Festnahme am 7. Februar 2021 war er gemäss Gericht ein ranghohes Mitglied im regionalen Drogenhandel, das Kokain im Kilobereich gehandelt hatte.Die Staatsanwaltschaft sah in ihm allerdings weit mehr: Für sie war der Kolumbianer einer der einflussreichsten Drogenbarone der Schweiz, der von Basel aus ein eigenes Kartell namens Medusa leitete und weltweit Kokainhandel betrieb. So soll er allein zwischen Januar und August 2020 bei der Organisation und Durchführung internationaler Transporte von rund 9 Tonnen Kokain mitgewirkt haben.Hinweise dazu fanden die Ermittler bei der Hausdurchsuchung in seiner Basler Wohnung. Auf einem Handy, auf dem Sky ECC installiert war. Das Vorgehen der Kriminellen mutete an wie im Film. Einmal organisierte der Absender einen Lastwagen, um damit 500 Kilogramm Kokain transportieren zu können. Eine Firma aus Costa Rica lieferte zur Tarnung Ananas, Bananen, Kochbananen und Avocados, in welchen die Drogen versteckt wurden. Zudem sollen auch in Brennholz und Holzkohle versteckte Chemikalien verschickt worden sein, um das Kokain am Zielort weiterzuverarbeiten.In einem anderen Chat sprach mutmasslich der Kolumbianer mit einem weiteren Partner über den Transport von einer Tonne Kokain von Bogotá nach Europa per Lufthansa. Der Geschäftspartner schrieb, er habe bereits 400 Kilogramm Kokain verschoben, dazu aber den «Chef am Frankfurter Flughafen» mit «Frauen und 100 000 bis 200 000 für eine Woche bezahlen müssen».Doch am Ende konnten die Sky-ECC-Chats dem Kolumbianer nicht angelastet werden, weil die Staatsanwaltschaft zu wenig Beweise dafür hatte, dass der 50-Jährige wirklich deren Verfasser gewesen war. Gemäss Gericht war auch nicht auszuschliessen, dass mehrere Personen das Handy und damit auch die Chats nutzten.Das Basler Strafgericht stützte sich schliesslich auf andere Handys, die beim Mann gefunden wurden, sowie auf Zeugenaussagen, die ihn belasteten. Das bedeutete allerdings, dass man ihm nur noch Deals im kleineren Rahmen nachweisen konnte. Als der Fall im Oktober 2025 vor das Basler Appellationsgericht kam, sprach sich auch die zweite Instanz aus formellen Gründen gegen die Verwertbarkeit der Chats aus.Verwertbar oder nicht?Verwertbar oder nicht? Es ist genau diese Frage, um die sich Ermittler und Strafverteidiger streiten. Auf der einen Seite stehen Strafverteidiger und Anwältinnen wie Angela Agostino-Passerini. Sie sagt der NZZ: «Wenn das Recht von Einzelnen systematisch verletzt wird oder gegen ein Grundprinzip eines Rechtsstaats verstossen wird, dann kann der Zweck nicht die Mittel heiligen.»Ganz anders tönt es bei den Strafverfolgern. Sie sind überzeugt, dass die Daten genutzt werden können. So sagt Fiona Strebel, Generalsekretärin der Schweizerischen Staatsanwaltschaftskonferenz: «Wir sind überzeugt, dass die Sky-ECC-Daten rechtmässig erhoben wurden und ihrer Verwertbarkeit in der Schweiz nichts entgegensteht.»Die Daten seien bereits von verschiedenen Gerichten anderer europäischer Länder für verwertbar erklärt worden. Dies seien Länder, die über einen mit der Schweiz vergleichbaren Rechtsschutzstandard verfügten, sagt Strebel.International sei der Grundsatz des gegenseitigen Vertrauens anerkannt. Zudem gehe es um die wirksame Bekämpfung der grenzüberschreitenden Schwerstkriminalität. Darum sei die Verwertbarkeit der Sky-ECC-Daten für die schweizerischen Strafverfolgungsbehörden von grosser Bedeutung, sagt Strebel weiter.Klarheit wird zu dieser Frage erst das Urteil des Bundesgerichts schaffen. Es ist ein Urteil, von dem für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität vieles abhängen wird.Passend zum Artikel
Abgefangene Chats: Wie Ermittler mit Sky ECC Schwerverbrecher zu Fall brachten
Das «Whatsapp für Kriminelle» hat Schweizer Ermittlern einen noch nie da gewesenen Einblick in das organisierte Verbrechen ermöglicht. Doch nun müssen sie auf ein alles entscheidendes Urteil hoffen.






