Nikotin konsumieren, wo es einem gefällt: Die Tabakbranche verspricht sich von Nikotinbeuteln das nächste grosse GeschäftNikotinbeutel lassen sich im Flugzeug, in Klubs oder sogar im Hörsaal verwenden. Tabakkonzerne sprechen gezielt junge Konsumenten an. Der Branche winken Wachstumsraten von jährlich 25 Prozent.17.05.2026, 18.55 Uhr5 LeseminutenZwischen die Oberlippe und das Zahnfleisch: Nikotinbeutel bleiben beim Konsum unsichtbar.ImagoSie erinnern vom Aussehen an einzeln verpackte Kaugummis, enthalten wie Zigaretten Nikotin und lassen sich zugleich völlig diskret und ohne störenden Rauch konsumieren: Nikotinbeutel, auch Pouches genannt, sind der letzte Schrei in der Zigarettenindustrie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Produkte, die zwischen die Oberlippe und das Zahnfleisch gelegt werden, geben ihr Nikotin via die Schleimhaut in den Blutkreislauf ab. Sie erfreuen sich besonders bei jungen Konsumenten einer stark wachsenden Nachfrage.Umsatz in letzten zwei Jahren mehr als verdoppeltIm vergangenen Jahr erreichte der weltweite Umsatz mit den runden Döschen, in denen die Nikotinbeutel verkauft werden, laut Branchenschätzungen 2,4 Milliarden Franken. Damit gelang es der Zigarettenindustrie, die Einnahmen in diesem Marktsegment innerhalb von lediglich zwei Jahren mehr als zu verdoppeln. Bis 2030 rechnen die Anbieter mit einem branchenweiten Umsatz von über 7 Milliarden Franken. Das käme einem jährlichen durchschnittlichen Wachstum von 25 Prozent gleich.Zugleich will die Branche bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts 10 Millionen weitere Kunden gewinnen. 2025 wurde die Zahl der Konsumenten von Pouches auf knapp 16 Millionen geschätzt. Ihnen stand eine Vielzahl von Rauchern gegenüber. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konsumierten im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Personen regelmässig Zigaretten.Nikotinbeutel sind noch immer ein junges Produkt. Der weltweit zweitgrösste Tabakkonzern British American Tobacco (BAT) stieg 2017 mit der Übernahme eines schwedischen Startups in das Geschäft ein. Die Nummer eins unter den kotierten Zigarettenherstellern, Philip Morris International (PMI), vermarktet erst seit knapp fünf Jahren Pouches. Auch der Multi aus Lausanne kaufte sich mithilfe von Akquisitionen in Skandinavien in den Markt ein.Verführerische AromenBeide Tabakkonzerne betreiben einen grossen Aufwand, um besonders junge Erwachsene als Kunden für die Nikotinbeutel zu gewinnen. Ihre Marken Velo (BAT) und Zyn (PMI) werden ähnlich wie Kondome an Automaten in Bars und Nachtklubs verkauft. Die Branche geht dorthin, wo sich junge Leute gerne aufhalten, wegen Rauchverboten in Innenräumen aber keine Zigaretten mehr konsumieren können. Zugleich wirbt sie mit Aromen, die mehr an Bonbons als an teilweise stark nikotinhaltige Produkte erinnern. Die Auswahl der Geschmacksrichtungen ist ähnlich gross wie bei E-Zigaretten und reicht unter anderem von Erdbeer über Blaubeeren, Wassermelone bis hin zu Cola oder Candy.Auch im Flugverkehr ist die Branche stark präsent. Auf Flügen von Swiss wirbt PMI im Inflight-Shopping-Magazin der Airline mit dem Slogan: «Geniesse Zyn während deines Flugs.»Die Döschen werden, für einen Fünfliber, an Bord einzeln verkauft. In den Duty-free-Läden, die der Flughafen Zürich für anreisende Passagiere betreibt, läuft zurzeit eine grosse Aktion des Konkurrenten BAT. Der britische Konzern macht Touristen mit Werbetafeln darauf aufmerksam, dass sich die Nikotinbeutel seiner Marke Velo auch im Zug auf dem Weg ins Hotel problemlos konsumieren liessen.Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Philip Morris und BATDie beiden weltgrössten Anbieter liefern sich zugleich einen harten Wettbewerb. PMI wirbt damit, mit Zyn globaler Marktführer unter den Nikotinbeutelmarken zu sein. BAT hält in Annoncen dagegen, Velo sei die Nummer eins in Europa. Fred Monteiro, der als Chef des Amerika- und Europageschäfts der Konzernleitung von BAT angehört, sagt im Gespräch mit der NZZ, man sei bis auf ein, zwei Länder überall in der Welt führend.PMI verdankt die globale Marktführerschaft der starken Position in den Vereinigten Staaten. Unter jungen Amerikanern hat die Nachfrage nach Pouches in den vergangenen Jahren besonders stark zugenommen. Allerdings will BAT den Hauptkonkurrenten auch in den USA verstärkt angreifen. «Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auch im US-Markt dereinst die führende Position einnehmen werden», sagt Monteiro.In Europa beziffert der Manager den Marktanteil von BAT auf über 60 Prozent. Allerdings macht dem Unternehmen zu schaffen, dass nicht alle europäischen Länder gegenüber Alternativen zu Zigaretten wie Nikotinbeuteln gleich aufgeschlossen sind. Die Tabakbranche beteuert zwar, Nikotinbeutel ausschliesslich volljährigen Konsumenten anzubieten und vor allem Raucher damit ansprechen zu wollen. Pouches seien wie Tabakerhitzer oder E-Zigaretten ein Instrument, um von den schädlicheren Zigaretten wegzukommen, sagt Monteiro. Unter Gesundheitsfachleuten ist aber die Sorge gross, dass Nikotinbeutel ähnlich wie die E-Zigaretten zum Vapen (Dampfen) schon Jugendliche zum Nikotinkonsum verführen.In der Schweiz erlaubt, in Deutschland verbotenIn Deutschland ist der Verkauf von Nikotinbeuteln nach wie vor verboten. Laut BAT gibt es aber einen blühenden Schwarzmarkt. Der Tabakkonzern schätzt, dass in Deutschland 1,5 Millionen Personen Nikotinbeutel konsumieren. Auch in Norwegen wurden Pouches bis anhin nicht zur Vermarktung zugelassen. Belgien verhängte 2023 ein Verkaufsverbot wegen Sucht- und Gesundheitsrisiken.In der Schweiz sind Nikotinbeutel ähnlich wie Zigaretten für Personen ab achtzehn Jahren frei erhältlich. Steuerlich werden sie bevorzugt behandelt. Während bei Zigaretten die Tabaksteuer bei über 50 Prozent des Endpreises liegt, sind es bei Nikotinbeuteln lediglich 10 Prozent. Die Schweiz sei sehr progressiv bei der Regulierung von Pouches, sagt Monteiro. Dasselbe gelte für andere Alternativen zu Zigaretten wie Tabakerhitzer.Spezialisten aus dem Bereich der Gesundheitsprävention können der liberalen Schweizer Verkaufspraxis wenig abgewinnen. «Der hohe Nikotingehalt macht hochgradig süchtig, besonders bei Jugendlichen», hält die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz fest. Sie verweist auch auf mögliche gesundheitsschädliche Wirkungen wie Herz-Kreislauf-Probleme, Reizungen des Zahnfleischs oder Vergiftungen. In toxikologischen Studien seien in Nikotinbeuteln mehr als 180 verschiedene Chemikalien nachgewiesen worden.Teilweise stärker als ZigarettenAn Schweizer Verkaufsstellen lassen sich Nikotinbeutel erwerben, die teilweise mehr als 45 Milligramm Nikotin enthalten. Eine solche Konzentration entspreche, schreibt die Präventionsorganisation, ungefähr dem Fünffachen des Nikotins, das in herkömmlichen Zigaretten vorkomme.Mit solchen Produkten kann selbst BAT nichts anfangen. «45 Milligramm sind zu viel. In Pouches sollten nie mehr als 20 Milligramm Nikotin enthalten sein», sagt Monteiro. Der Amerika- und Europachef des Konzerns betont, bei BAT sei ab 20 Milligramm Schluss. Auch verzichte man auf die Beimischung gewisser Aromen wie Cola oder Candy, die vor allem auf Minderjährige ansprechend wirken könnten.Doch längst nicht alle Anbieter von Nikotinbeuteln unterwerfen sich offenbar solchen Einschränkungen. Monteiro spricht von einem zweigeteilten Markt. Auf der einen Seite stünden etablierte multinationale Anbieter wie BAT, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Pouches förderten. Zugleich gebe es opportunistische regionale oder lokale Marktteilnehmer, die sich beispielsweise nicht davor scheuten, mit problematischen Geschmacksrichtungen minderjährige Konsumenten anzulocken. Laut BAT stammen manche dieser kleineren Konkurrenten aus EU-Ländern wie Tschechien, Polen oder Schweden. Dazu gesellten sich Anbieter aus Russland, Weissrussland, Indien und China.Die führenden Tabakkonzerne, zu denen neben BAT und PMI auch Japan Tobacco International zählt, sehen sich gerne als Wegbereiter bei der Reduktion des Rauchens. Tatsächlich ist die Zahl der Raucher in den meisten Industriestaaten rückläufig. Allerdings führen sämtliche Multis nach wie vor auch Zigaretten im Angebot. Und im wachstumsstarken Geschäft mit Nikotinbeuteln, so macht es den Anschein, würden sie am liebsten unter sich bleiben.Passend zum Artikel