PfadnavigationHomeKulturTheater und FeminismusWarum das Theatertreffen keine Frauenquote mehr brauchtStand: 19:19 UhrLesedauer: 5 MinutenIm Haus der Berliner FestspieleQuelle: Jens Kalaene/dpaÜberraschung beim Berliner Theatertreffen: Im nächsten Jahr gibt es keine Frauenquote. Was das für das Festival bedeutet, erklärt WELT-Autor Jakob Hayner, der seit diesem Jahr auch Mitglied der Theatertreffen-Jury ist.Eine handfeste Überraschung hat das Berliner Theatertreffen bis zum Ende aufgespart: Am letzten Tag des diesjährigen Festivals verkündet Nora Hertlein-Hull, die Leiterin des Theatertreffens, dass es im nächsten Jahr keine Frauenquote mehr geben wird. Seit 2020 musste mindestens die Hälfte der zehn eingeladenen bemerkenswertesten Inszenierungen von Regisseurinnen stammen. Das war von Anfang an umstritten, weswegen die Frauenquote auch nur als Experiment auf Zeit eingeführt wurde, das jedes Jahr erneut diskutiert werden musste. Die aktuelle Jury, die bereits für die Auswahl im nächsten Jahr sichtet, verzichtet nun auf die Regelung. Unser Autor ist in der Jury und erklärt, warum jetzt weder die Rückkehr der Männerherrschaft droht noch das ganze Thema Gleichstellung erledigt ist. Die Entscheidung ist kein Signal des Rückschritts, sondern des Fortschritts. Es ist ein Plädoyer für die Kunst und alle, die sie machen.Als das Theatertreffen 2019 verkündet, eine Frauenquote einzuführen, geht es um „das drastische Missverhältnis zwischen Regisseurinnen und Regisseuren in der 10er-Auswahl des Theatertreffens seit 1964“, wie die damalige Leiterin Yvonne Büdenholzer sagt. Drastisch ist die richtige Wortwahl, denn tatsächlich stehen damals seit der Gründung des Theatertreffens 1964 nur ganze 27 regieführende Frauen der Übermacht von fast 200 Männern gegenüber. Bis 2010 war es die Regel, dass meist nicht mehr als ein oder höchstens zwei Regisseurinnen in den Männerclub berufen wurden. Zu lange galt Theaterregie als Männerjob, in dem Frauen mit hartnäckigen Vorurteilen zu kämpfen hatten. Der Deutsche Kulturrat verzeichnete noch 2019 weniger als 30 Prozent Frauen in der Regie. Doch das hat sich rasant verändert, wie auch neuere Untersuchungen zeigen.Lesen Sie auchDatenerhebungen des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Kulturrats zeigen, dass bereits fünf Jahre später – in der Spielzeit 2023/24 – schon 43 Prozent Frauen in der Regie zu verzeichnen sind. Und auch in Führungspositionen, wie Schauspiel- oder Operndirektionen, nähern sich Frauen zu diesem Zeitpunkt der 50-Prozent-Marke. „Es geht voran“, betitelt der Kulturrat seine Studie. Das heißt einerseits: Es ist in Sachen Gleichstellung und Chancengleichheit noch nicht alles erreicht. Und andererseits: Man sieht eine Bewegung, die gehörig an Fahrt aufgenommen hat. Nach 2024 und also bis heute dürfte sich der Trend fortgesetzt haben, wie wohl auch künftige Studien bestätigen werden. Beim Nachwuchs, in den Regieklassen der Schauspielschulen, sind Frauen längst in der Mehrheit, auch wenn das keine Garantie für eine Karriere in dem Beruf ist.Eher Begleitmusik als Taktgeber Unstrittig ist, dass das „Theater im Umbruch“ ist, wie der Untertitel des Sammelbands zur Theatertreffen-Quote „Status Quote“ von 2023 lautet. Zu diskutieren hingegen ist, ob der Umbruch allein auf die Frauenquote beim Theatertreffen zurückzuführen ist, die womöglich eher die Begleitmusik als der Taktgeber gewesen war. Denn weder kreist das ganze Theater nur um das Theatertreffen, noch sollte es sich in seiner täglichen Arbeit ausschließlich an den Maßstäben der Jury orientieren. Und Gleichheitsgrundsätze sollten selbstverständlich auch dann gelten, wenn sie nicht die Chancen auf eine der begehrten Einladungen erhöhen. Im schlechtesten Falle wird eine Jury-Quote nämlich zu einem bloßen Feigenblatt, das dem Theaterbetrieb als entlastendes Alibi dient.So oder so, das drastische Missverhältnis dürfte endgültig der Geschichte angehören. Als Werkzeug eines generellen Strukturwandels ist die Frauenquote allerdings nur bedingt geeignet. Das liegt an immanenten Problemen, wie dem ausschließlichen Fokus auf die Regie oder dem unauflösbaren Verdacht von „Quotenfrauen“, der sich paradox über alle eingeladenen Arbeiten von Regisseurinnen legt. Neu hinzugekommen ist noch, dass mit der gesetzlich garantierten Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität ein konkurrierendes geschlechterpolitisches Paradigma etabliert wurde, das den als binär geltenden Gleichstellungsansatz von Quoten unterläuft. Das größte Problem der Quote jedoch ist immer gewesen, dass sie der Jury eine zwiespältige Rolle zumutete, die sie nur erfüllen konnte, indem sie ihre eigenen zentralen Maßstäbe torpedierte. Die aus der Theaterkritik rekrutierte Jury sollte nicht mehr nur als außenstehender Beobachter das ästhetisch Bemerkenswerte ausfindig machen, sondern zugleich als involvierter Akteur eine kulturpolitische Mission verfechten. Nur passt das nicht besonders gut zusammen.Lesen Sie auchWeil man als Kritikerjury mit Quote aus der eigenen Beobachterrolle nicht herauskann, aber trotzdem kulturpolitisch eingreifen möchte, kann man nur die eigenen Regeln der Beobachtung einschränken. Konkret heißt das, dass man nicht mehr nur nach dem ästhetisch Bemerkenswerten sucht, von dem man sich gegenseitig und später auch das Publikum überzeugen muss, sondern auch die Quotenregel erfüllen muss. Nur welche Regel schlägt welche? Und so sehr man das Gegenteil behaupten mag, entsteht aus der Rollen- und Regelkonfusion notwendig der für Kunstjurys katastrophale Verdacht, dass gesellschafts- oder kulturpolitisch Wünschenswertes im Gewand ästhetischer Urteile durchgesetzt werden soll. Also der Verdacht, dass es nicht mehr um die Kunst geht. Wie sehr das eine Jury beschädigen kann, sieht man gerade bei der Biennale in Venedig.Lesen Sie auchDie Jury des Theatertreffens hat für das Dilemma eine Lösung gefunden, die sich bewähren könnte. Statt sich Quoten aufzuerlegen, wird sich die Jury in den nächsten zwei Jahren zum Abschluss des Festivals einer zusätzlichen öffentlichen Diskussion stellen. Neben ihren Beobachtungen zum Theater als ästhetisches System (dieses Podium gibt es schon länger) debattiert sie ihre Beobachtungen zum Theater als soziales System. So wird man dem von Adorno konstatierten Doppelcharakter der Kunst als autonomes Werk und soziale Tatsache gerecht, ohne durch eine verwirrende Vermischung letztlich den Blick auf beides zu verstellen. Es wird im nächsten Jahr wieder uneingeschränkt um das künstlerisch Bemerkenswerte gehen, egal von wem. Und es wird darum gehen, genauer hinzuschauen, was aus Sicht der Kritik im Betrieb für wen gut oder schlecht läuft. So führen wir die Debatte fort, die mit der Frauenquote angestoßen wurde, reagieren aber gleichzeitig auch auf die Veränderungen seitdem.Jakob Hayner ist als Theaterkritiker seit diesem Jahr Mitglied der Theatertreffen-Jury. In seinem Beitrag spricht er nicht für die Jury, sondern als Einzelperson aus der Jury.
Theater und Feminismus: Warum das Theatertreffen keine Frauenquote mehr braucht - WELT
Überraschung beim Berliner Theatertreffen: Im nächsten Jahr gibt es keine Frauenquote. Was das für das Festival bedeutet, erklärt WELT-Autor Jakob Hayner, der seit diesem Jahr auch Mitglied der Theatertreffen-Jury ist.







