Saarländer sind sehr heimatverbundene Menschen. Das können Nicht-Saarländer schwer nachvollziehen, was Saarländer wiederum verstehen können, weil Nicht-Saarländer ja keine Saarländer sind. Es gibt den schönen und sehr wahren Spruch, wonach niemand ins Saarland will, von dort aber auch keiner weg. Und wenn man diese je nach Sichtweise putzige oder herzerwärmende Liebe zur Provinz im Hinterkopf hat, kann man ungefähr nachvollziehen, was es für die Elversberger bedeutet, dass ausgerechnet ein gebürtiger Saarländer sie nun wirklich in die Bundesliga geschossen hat.Es lief die elfte Minute, die SVE hatte an diesem 34. Spieltag der 2. Bundesliga gegen Preußen Münster einen wackligen Beginn hingelegt. Klar, die Ausgangslage war ja auch perfekt, um an den eigenen Nerven zu scheitern: Letzter Spieltag, Heimspiel gegen den bereits abgestiegenen Tabellenletzten, mit einem eigenen Sieg ist alles klar. Was soll schon schiefgehen? Wer die Dynamik letzter Spieltage kennt, weiß: alles.Ole Book zum BVB:Der Kaderarchitekt, der eine kleine Gemeinde sehr groß machteOle Book gilt als Kopf hinter dem Erfolg der SV Elversberg, unter anderem die Entdeckung von Nick Woltemade machte ihn bekannt. Nun muss er beim BVB in einer anderen Fußballdimension bestehen.Aber dann kam ein Querpass in den Strafraum und Bambasé Conté, genannt Bamba, am 7. Juli 2003 in Saarbrücken auf die Welt gekommen, fuhr das lange Bein aus und traf zum 1:0. Die Nervosität war weg, drei Minuten später erhöhte David Mokwa auf 2:0 und in der 66. Minute auf 3:0, und dann war amtlich, was für Menschen, die Elversberg kennen, noch unglaublicher und surrealer klingt, als für alle anderen: Die SV Elversberg wird im kommenden Jahr der 59. Klub in der Geschichte der Fußball-Bundesliga sein. Und übrigens der zweite Bundesligist des Ortes; der Billardklub BC Elversberg spielt auch in der ersten Liga.Trainer Vincent Wagner fasste die Dimensionen nach dem Schlusspfiff so zusammen: „Ein Freund hat mir diese Woche gesagt: Wenn die SVE aufsteigen kann, ist das so, als würde man zum Mond fliegen. Und die Mondlandung haben wir heute geschafft.“ Auf die kommende Saison angesprochen, sagte Wagner mit einem Schmunzeln: „Es wird nicht leichter nächstes Jahr. Aber das ist nicht schlimm.“Obwohl die Fußball-Bundesliga mittlerweile ihre Erfahrungen mit Provinzstandorten hat, ist Elversberg nun nicht nur offiziell die kleinste Gemeinde, die je in der Bundesliga spielte – sondern vor allem auch gefühlt. Sie haben immer noch keinen Bahnhof in Elversberg, und ein Großteil des Gastro-Angebots rund um das Stadion besteht aus zwei Aral-Tankstellen. Es ist objektiv betrachtet völlig verrückt.Es ist sogar noch verrückter als im vergangenen Jahr, als Elversberg ja schon an der Tür zur Bundesliga gestanden hatte. Leo Scienza entschied damals das Relegationsduell in der Nachspielzeit für Heidenheim. Die Elversbergs Spieler saßen nach der Relegation traurig in ihrem Baucontainer, der damals wie heute als Umkleidekabine dient. Aber was nach der Relegation passierte, veranlasste nicht nur den Sky-Experten Torsten Mattuschka dazu, Elversberg auf Platz 18 zu tippen, woran er fairerweise vor dem Spiel gegen Münster selbst noch mal erinnerte.Vincent Wagner war vor seinem Engagement in Elversberg nie als Cheftrainer in den obersten drei Ligen. Thilo Schmuelgen/ReutersDenn die Liste der Weggänge nach dem verpassten Aufstieg ist fast so lang wie die Einwohnerzahl des Ortes. In aller Kürze: Es gingen die Leistungsträger Fisnik Asllani, Muhammed Damar, Semih Sahin, Elias Baum, Robin Fellhauer, Maurice Neubauer und der langjährige Trainer Horst Steffen. Im Winter verließ in Younes Ebnoutalib auch noch der beste Stürmer und Torschütze den Klub Richtung Frankfurt. Der HSV holte sich seinen talentierten Leihspieler Otto Stange zurück, schickte dafür aber immerhin den ebenfalls talentierten Immanuel Pherai an die Kaiserlinde. Das zwischenzeitlich auch noch der Vorstand Marc Strauß nach Kaiserslautern ging, bekamen fast nur Leute in Elversberg und Kaiserslautern mit. Die SVE wirkte wie eine Party um vier Uhr morgens: fast alle weg.In den Spielen Richtung Saisonfinale fiel dann noch Conté aus, der nicht nur Saarländer, sondern auch Regisseur und Leistungsträger ist. Vertreten wurde er praktischerweise, neben Pherai, von Amara Condé. Condé und Conté bilden somit die phonetisch schönsten Kombination seit Ginter und Günter in Freiburg.Kurz vor dem Endspurt ging schließlich noch der Kaderarchitekt Ole Book nach Dortmund, unbestreitbar einer der Hauptverantwortlichen für die Elversberger Entwicklung. Er hatte über die Jahre nicht nur Spieler wie Nick Woltemade oder Paul Wanner ins Saarland geholt, er hatte vor allem die richtige Antwort auf die ganzen Weggänge gefunden. Auch für die Steffen-Nachfolge auf der Trainerposition hatte er die richtige Idee. Book wollte Vincent Wagner, der mit Hoffenheim II in der Regionalliga Südwest überzeugte. Book wollte unbedingt einen Trainer, der den offensiv-attraktiven Fußball von Steffen fortsetzt. Dass Elversberg nun letztlich wegen seiner vielen Tore – die beste Offensive der zweiten Liga sorgte für die bessere Tordifferenz im Vergleich zum punktgleichen Paderborn auf Rang drei – aufgestiegen ist, wird Book auch in Dortmund freuen.Das Stadion an der Kaiserlinde mit der im Bau befindlichen Gegentribüne, den als Umkleide fungierenden Containern (links) und den beiden Tankstellen zur Fan-Versorgung (oben). Sebastian Bach/Fussball-News Saarland/ImagoSpiesen-Elversberg – Elversberg selbst ist nur ein Ortsteil – wird damit wie erwähnt offiziell mit 13 000 Einwohnern die kleinste Gemeinde in der Geschichte der Bundesliga. Bisher hielt Unterhaching den Rekord (26 000 Einwohner), das Dorf Hoffenheim, das nur knapp mehr als 3000 Einwohner hat, gehört zur Gemeinde Sinsheim (36 000 Einwohner). Absteiger Heidenheim hat knapp 50 000 Einwohner. Elversberg wird nach dem Abstieg des 1. FC Saarbrücken 1993 der erste Bundesligist aus dem Saarland sein, insgesamt aber schon der vierte, wobei auch Borussia Neunkirchen und der FC Homburg zu ihrer Zeit jeweils den Rekord für den kleinsten Bundesligastandort innehatten.Bis vergangene Saison war der Elversberger Rekordtransfer 400 000 Euro teuerDie Aufmerksamkeit war in diesem Jahr nicht ganz so groß wie in der vergangenen Saison, als sich durch die Qualifikation für die Relegation zumindest der fußballinteressierte Teil der deutschen Öffentlichkeit fragte, wer oder was dieses Elversberg eigentlich genau ist. Mittlerweile kennen einige zumindest die Rahmenbedingungen, etwa, dass der Mann hinter dem Klub Frank Holzer ist, in Elversberg ehrfurchtsvoll „de Alt“ („der Alte“) genannt. Holzer war einst selbst Bundesligastürmer, hauptberuflich aber Pharmaunternehmer, dadurch wurde er reich. Er übernahm die SVE 1990, er ist einerseits der Mäzen des Klubs, andererseits nicht mit Dietmar Hopp in Hoffenheim zu vergleichen. Holzer hat niemals Demba Ba, Carlos Eduardo oder Ralf Rangnick verpflichtet, bis vergangene Saison kostete der teuerste Transfer der Elversberger Klubgeschichte 400 000 Euro und hieß Tom Zimmerschied. Holzers Sohn Dominik ist der Präsident der SVE.Das Baugerüst, auf dem auch schon Nick Woltemade den Zweitligaaufstieg feierte, steht wieder vor dem Balkon-losen Rathaus. Auch das Stadion wird in der Bundesliga erst mal eine Baustelle bleiben. Harry Kane wird sich im Container umziehen müssen. Anreisende Fans und vielleicht auch die Auslandsvermarkter der Deutschen Fußball-Liga DFL werden stöhnen, dass jetzt auf Heidenheim wirklich der nächste Provinzklub folgen muss. In Elversberg werden sie mit den Schultern zucken und völlig zu Recht behaupten, dass es Berlin, Nürnberg, Kaiserslautern oder Hannover freistand, sie aufzuhalten. Wie die Chancen kommendes Jahr in der Bundesliga sind? Nun ja. Sehr viele Experten und Nicht-Experten werden Elversberg auf Platz 18 tippen.