Nur noch dreieinhalb Stunden zu fahren. Das fühlt sich für die Rennfahrer nach gut 20 Stunden im wechselnden Einsatz wie das Einbiegen auf die Zielgerade an. Wind und Wetter haben Max Verstappen und seine Kollegen Lucas Auer, der Spanier Daniel Juncadella und Jules Gounon aus Andorra im Mercedes-AMG beim 24-Stunden-Rennen hinter sich gelassen, die Nacht überstanden. Am Sonntagmorgen hängt der viermalige Formel-1-Weltmeister dann schließlich den Verfolger ab, auch einen Mercedes-AMG. In dieser Phase jagt ihn Maro Engel – vergeblich. Aus fünf Sekunden Rückstand werden peu à peu mehr. Verstappen rast seinem ersten Sieg beim berühmten Rennen vor allem über die gefürchtete Nordschleife entgegen.Volksfest in der „grünen Hölle“Es sieht so reibungslos aus, ganz im Gegenteil zu den Staus, die der Niederländer ausgelöst hat – neben der Strecke. Von 352.000 Zuschauern schreibt der Veranstalter. Das wäre eine Steigerung um 72.000, allein dem Einsatz des besten Formel-1-Piloten zu verdanken. Nichts ging mehr rund um den Ring in der Eifel, schrieben Beobachter. Das Rennen wirkt schon ohne Stars vom Format Verstappens wie ein Magnet. Die Mischung aus sehr ambitionierten Amateuren und Profis verleiht der großen Sause in der Eifel einen besonderen Charme. Zeltstädte, Camper, Lagerfeuer, ein Volksfest in der „grünen Hölle“. Die Mischung macht’s.Verstappen nächtigt im eigenen Mobil auf Rädern, muss allerdings bei aller Bereitschaft zu Nähe abgeschirmt werden von Bodyguards auf dem Weg zur Box. Wenn Liebhaber auf Superprofis treffen, wird es eng. Auch auf der allein 20,8 Kilometer langen Nordschleife. Die hohen Tempodifferenzen der Boliden zwingen zu größter Achtsamkeit. Verstappen meistert die Hürden. Er schießt durch den Regen, er übersteht die glitschigen Ölspuren, auf denen so viele ausrutschen und in die Leitplanken knallen. Er respektiert auch die vielen Gelbphasen, in denen vom Gas gegangen werden muss. Timo Glock, einst Formel-1-Pilot unter anderem für Toyota, wird disqualifiziert. Verstappen, der gern das Reglement ausreizt, lässt sich nicht ablenken.Am Samstag spielt er eine heikle Situation herunter. Sein Mercedes schien, von gefährlicher Unterluft gehoben, Haftung zu verlieren. Zuschauer schilderten, wie sie vor ihrem geistigen Auge schon einen Crash sahen. Verstappen zuckte sinnbildlich mit den Schultern: „Man muss die Ruhe bewahren.“Der Mensch hält, die Maschine brichtLeicht gesagt, aber gut zu sehen. Wie am Sonntag, als er Engels Rückstand von fünf auf 32 Sekunden vergrößerte und dann zeigte, was ihn so groß machte. Unmittelbar vor ihm kreiselt ein Rennwagen. Verstappen weicht dem unkontrollierten Geschoss sehr kontrolliert aus. Seine Kollegen im Team schwärmten schon vor dem Start von seiner besonderen Steuerkunst in schwierigen, unvorhersehbaren Situationen. Der Siegertyp beflügelt alle.Aber das Desaster kann auch er nicht verhindern. Nach dem nächsten Fahrerwechsel, am späten Sonntagvormittag, entwickelt sich ein technisches Problem zu einem Antriebswellenschaden, der auch den Radträger und die Hinterachse in Mitleidenschaft zieht: Zurück zur Box, Führung verloren, Rennen verloren. „Natürlich sind wir im Moment frustriert“, sagte Verstappen, „aber wir sollten stolz sein auf alles, was wir bis zu diesem Moment erreicht haben.“Es siegt der Verfolger aus dem eignen Haus nach 156 Runden mit dem Deutschen Marco Engel, dem Belgier Maxime Martin, Fabian Schiller und Luca Stolz (beide Deutschland) am Steuer des Mercedes. Kurz vor dem Ende des Rennens kehrt der reparierte Wagen mit Verstappen am Steuer wieder zurück auf die Piste, eine Abschiedsgeste über zwei Runden. In der Enttäuschung des Holländers steckt eine Herausforderung, die Veranstalter und Fans gefällt: Er will es wohl wieder versuchen.