PfadnavigationHomeICONISTTrendsTrue CrimeDas Geschäft mit der menschlichen FinsternisVon Frank LorentzStand: 12:38 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Lust am „Eintauchen“ in mörderische Welten: Szene aus der immersiven Ausstellung „Serienkiller– Die True Crime Ausstellung“ in KölnQuelle: Exhibition HubVor allem Männer morden in Serie, vor allem Frauen schauen sich die Mord-Karrieren aus sicherer Distanz gern an. Das sagt die Statistik. Der Grusel sollte aber ansprechend aufbereitet sein. Dafür sorgen „immersive“ Ausstellungen, die mit der „lebendigen“ Inszenierung von Mörder-Storys gut verdienen.Gelockt wird mit den Versprechungen „Betrete die Gedankenwelt echter Serienmörder“ und „Erlebe die realen Tatorte“. In Köln ist seit Kurzem eine verstörende Ausstellung zu sehen: „Serienkiller“, die Deutschlandpremiere einer True-Crime-Schau. Ausstellungsort ist ein ehemaliges, zur Eventlocation umfunktioniertes Autohaus. An diesem Tag, dem ersten Mittwoch nach der Eröffnung, öffnen sich die Türen um 11 Uhr, Eintritt ist erst ab 16 Jahren erlaubt. Eine Schlange an Menschen tritt ein, mehrheitlich jüngere Leute, viele Frauen, allesamt gewillt, sich die Hintergründe bestialischer wahrer Verbrechen zu Gemüte zu führen: die Geschichten von 20 Serienmördern.Darunter Theodore „Ted“ Robert Bundy, der zwischen 1974 und 1979 mindestens 30, womöglich 100 Menschen tötete, stets junge Frauen. Jeffrey Lionel Dahmer, „das Monster von Milwaukee“, brachte in den 80er-Jahren 17 Männer und Jungen um – und verspeiste sie. Luis Alfredo Garavito Cubillos, die „Bestie aus Kolumbien“, tötete zwischen 1992 und 1999 bis zu 300 Kinder, die genaue Zahl liegt im Dunkeln. Die Schau ist „immersiv“, das heißt, die Tatorte sind nachgestellt. Jeder Serienmörder bekam einen eigenen Raum. Man spaziert wie durch Bühnenbilder.Da sind Gleise, auf denen Kinderpuppen liegen, aus einer quellen die Gedärme. Da ist ein Wohnzimmer mit zwei Menschenpuppen, eine liegt auf dem Sofa, die andere auf dem Teppich, beide mit Plastiktüten über dem Kopf. Eine Badewanne, blutverschmiert. Ein offener Kühlschrank mit einem abgetrennten Männerkopf drin. Erklärtafeln schildern, wie die Täter zu Werke gingen, wer sie waren, wie sie aufwuchsen. In Endlosschleife ertönt über Boxen eine Männerstimme: „Wir müssen uns der Dunkelheit in uns stellen.“ Dazu Musik, die nach rostigen, in den Angeln quietschenden Türen klingt, gemixt mit schwermütig-melodischen Passagen etwa aus einem Chopin-Walzer. Kinder haben keinen Zutritt. Man muss mindestens 16 Jahre alt sein, um sie zu besuchen. Auf die Frage, warum sie sich freiwillig den Anblick von so viel Grausamkeit zumutet, erwidert eine Frau: „Aus Interesse.“ Sie wolle wissen, was in Psychopathen vorgeht, auch um eine Idee zu bekommen, was sich „präventiv“ tun lasse. Eine andere wählt ähnliche Worte. Sie finde das Thema „interessant“. „Erleben möchte ich das alles natürlich nicht.“Lesen Sie auchDie Ausstellung, unter dem Titel „Mind of a Serial Killer“ derzeit auch in Dublin und New York zu sehen, bedient zwei Trends auf einmal. Da ist der Aspekt des Immersiven. Ausstellungen, bei denen das Publikum in fremde Welten regelrecht eintaucht (lat. „immergere“, eintauchen), oft mithilfe von Hightech, ziehen Millionen von Menschen an. Sie heißen „Van Gogh: The Immersive Experience“ oder „Klimt: The Immersive Experience“. Vorbei die Zeiten, in denen es genügt, ein Werk an eine Wand zu hängen, damit die Busse mit dem geneigten Publikum vorfahren. Der französische Kulturmanager Pierre Balloffet veröffentlichte zu dem Trend bereits 2014 einen Aufsatz: „From Museum to Amusement Park“, vom Museum zum Erlebnispark. Darin spricht er von einer „Disneyfizierung“ der Museen. Motto: Spektakel und Kommerz anstelle von gedanklicher Tiefe. Aspekt Nummer zwei: True Crime. Seit geraumer Zeit breiten Podcasts und Magazine höchst erfolgreich die Geschichten echter Verbrechen aus. Die Serienkiller-Schau, die bis Oktober läuft, trägt das Thema auf neue, theatralisch-museale Weise in die Öffentlichkeit. Oliver Forster, Chef des Veranstalters Cofo Entertainment, rechnet mit 100.000 Besucherinnen und Besuchern. Woher rührt die ungebremste Lust, freiwillig in die schauerlichsten Abgründe der menschlichen Psyche zu blicken?Die Universität im österreichischen Graz brachte dazu im vergangenen Jahr die Ergebnisse einer Umfrage heraus. Drei Viertel der Befragten gaben an, „die Psychologie hinter den schrecklichen Taten verstehen zu wollen“, erläutert Projektleiterin Corinna Perchtold-Stefan. Die Auseinandersetzung mit dem Verbrechen samt dem Versuch, es zu verstehen, mache die Taten greifbarer und erträglicher. True-Crime-Fans seien trainiert darin, mit Verbrechen auf spielerische Weise umzugehen, und kämen darum im Alltag besser mit Angst- und Stresssituationen klar. Auf eine psychologische Formel gebracht: „Horror als kreative Emotionsregulation.“Lesen Sie auchNach den Worten von Thorsten Sueße, Facharzt für Psychiatrie in Hannover und darüber hinaus Thriller-Autor, sitzen in Justizvollzugsanstalten zu 95 Prozent Männer und zu fünf Prozent Frauen. „Aus evolutionsbiologischen Gründen neigen Männer deutlich mehr als Frauen zu aggressiv-gewalttätigem Verhalten“, sagt er. Unter den 20 Mördern, die in der Kölner Ausstellung präsentiert werden, befinden sich gerade mal zwei Frauen, wobei die eine zusammen mit ihrem Mann tötete. Geht es darum, die Taten begreifen zu wollen, kehrt sich das Geschlechterverhältnis um. Laut der Grazer Studie beträgt der durchschnittliche True-Crime-Konsum in Österreich bei Frauen sieben Stunden pro Woche und bei Männern vier Stunden. Ein Resultat, das in Deutschland ähnlich ausfallen dürfte.In Düsseldorf starteten Hans Onkelbach und Christian Herrendorf, Herausgeber der Digitalzeitung „Viernull“, 2022 den True-Crime-Podcast „Kohle, Knast und Kaviar“ mit Fällen, die sich in Düsseldorf zutrugen. Daraus entwickelten sich Stadtführungen sowie Aufführungen auf Bühnen. Heute präsentiert das Duo achtmal jährlich True-Crime-Fälle im örtlichen Theater „Kom(m)ödchen“ vor jeweils 200 Gästen. „Bisher waren alle Veranstaltungen ausverkauft“, sagt Onkelbach. „Zwei Drittel unserer Zuschauer und Podcast-Hörer sind Frauen.“Aller Publikumswirksamkeit zum Trotz: True-Crime-Shows sind nicht unumstritten. In Köln meldete sich zur Ausstellungseröffnung ein Vertreter der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ zu Wort. Er kritisierte, solche Events rückten die Taten in den Vordergrund. Das Leiden von Geschädigten und ihrer Angehörigen hingegen verschwinde im Hintergrund. Das ist fraglos richtig. Das Spektakuläre – ein grausames Verbrechen – triggert. Das Unspektakuläre – Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollten und zu Opfern wurden – verblasst dagegen. So läuft das in der Aufmerksamkeitsökonomie.Da hilft es tatsächlich wenig, dass in der Serienkiller-Schau ein paar Tafeln an die Opfer erinnern. Und dass im vollverspiegelten Schlussraum zu ihrem Gedenken Kerzen leuchten. Zumal man im Anschluss den Merchandisingbereich betritt, wo es unter anderem Stoffbeutel zu kaufen gibt mit der Aufschrift: „I love true crime“. Preis: 14,50 Euro. Womit klar sein dürfte, dass True Crime vor allem eins ist: ein Geschäft.„Serienkiller“, bis 25.10.2026, Köln (ab 16 Jahre)
True Crime-Schauen: Das Geschäft mit der menschlichen Finsternis - WELT
Vor allem Männer morden in Serie, vor allem Frauen schauen sich die Mord-Karrieren aus sicherer Distanz gern an. Das sagt die Statistik. Der Grusel sollte aber ansprechend aufbereitet sein. Dafür sorgen „immersive“ Ausstellungen, die mit der „lebendigen“ Inszenierung von Mörder-Storys gut verdienen.






