Das Sperma ist eingefroren – falls Marius Kusch nach dem Testosteron-Doping unfruchtbar sein sollteDer deutsche Schwimm-Europameister will sich an den Enhanced Games zum inoffiziellen Weltrekord dopen. Die Veranstalter versprachen volle Transparenz; wer nun welche Substanzen spritzt, erfährt man aber nicht.17.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSeine Freundin macht sich Sorgen, dass er keine Kinder mehr bekommen kann. Doping mit Testosteron kann unfruchtbar machen, es kann auf die Psyche schlagen, aufs Gewicht, aber auch den Blutdruck erhöhen, den Schlaf verschlechtern und Prostatakrebs begünstigen. Und doch dopt Marius Kusch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wobei er es nicht dopen nennt. Doping ist für den deutschen Schwimm-Europameister von 2019 über 100 Meter Delfin die Leistungssteigerung mit verbotenen Mitteln, um sich im traditionellen Sport einen unfairen Vorteil zu verschaffen. Und der traditionelle Sport, der Kusch an die Olympischen Spiele in Tokio und an die Weltmeisterschaften in Melbourne gebracht hat, müsse «unbedingt sauber bleiben», betont er immer wieder.Doch diesen traditionellen Sport hat Kusch verlassen. Der 33-Jährige nimmt in einer Woche in Las Vegas an den Enhanced Games teil, einem Sportwettbewerb, an dem Athletinnen und Athleten mithilfe von leistungssteigernden Mitteln Weltrekorde brechen sollen. Deshalb spricht Kusch nicht von «dopen», sondern von «enhancen».Und ihre Sorge wegen der möglichen zukünftigen Kinder, die sei ihr nun zum Glück auch genommen, sagt seine Freundin in einer Dokumentation der deutschen Fernsehsendung «Galileo». Denn Kusch hat vorgesorgt und sein Sperma einfrieren lassen.Die Weltrekorde gelten nicht«Transforming human potential into superhumanity», die menschlichen Möglichkeiten in Übermenschlichkeit verwandeln, das wollen die Organisatoren der Enhanced Games. Rekorde brechen. Aber nicht um der Rekorde willen, das betont der Mitgründer und Geschäftsführer Maximilian Martin gegenüber verschiedenen Medien. Der traditionelle Sport anerkenne Resultate der Enhanced Games nicht. Zu Recht. Denn: «Diese Rekorde entstehen unter ganz anderen Bedingungen», sagt selbst Martin.An den Wettkämpfen in Las Vegas – auf dem Programm stehen der Leichtathletik-Sprint, Schwimmen und Gewichtheben – sind zwar nur Medikamente erlaubt, die von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen sind. Nicht immer aber ist ihre ursprüngliche Absicht die Leistungssteigerung. Und auf der Dopingliste stehen sie sowieso. Gleichzeitig schwimmen die Athleten wie Marius Kusch in Anzügen, die an offiziellen Wettbewerben nicht erlaubt sind. Ob allfällige Rekorde also wegen der Medikamente oder wegen der Anzüge geschwommen werden, ist unklar.Die Organisatoren und die Geldgeber wie der Tech-Unternehmer Peter Thiel und der Sohn des US-Präsidenten Donald Trump junior sehen das Projekt als etwas anderes: als wissenschaftliche Studie, die der Gesundheit aller Erdbewohner zugutekommen soll, und vor allem als Werbung für ihren Online-Shop.Wer nämlich die Website der Enhanced Games öffnet, muss den Sport suchen. Dafür kann man mit wenigen Klicks Longevity-Spritzen, Abnehmtabletten und Testosteronsalben bestellen – sofern man in den USA wohnt und die Produkte von einem Arzt verschrieben bekommt.Versprochene Transparenz wird nicht eingehaltenDass er mit etwas Doping nach nur wenigen Tagen übermenschliche Kraft entwickeln würde, dachte Marius Kusch. Das behauptet er auf jeden Fall in einem Video auf Instagram. Gewissen Medien hat er im vergangenen Herbst, als er seine Teilnahme bekanntgab, und in den vergangenen Wochen Auskunft gegeben. Der «NZZ am Sonntag» nicht.Zu Beginn seines Protokolls, wie er es nennt, neun Wochen vor den Wettkämpfen in Las Vegas, zeigt Kusch seine Körperdaten: 191 Zentimeter gross, 91,4 Kilogramm schwer. 47 Kilogramm Muskelmasse, 10,6 Prozent Körperfett, 41,5 Quadratzentimeter viszerales Fett, also Fett, das die inneren Organe umschliesst.Er verspricht, die Veränderungen über die Wochen zu veröffentlichen, um alle an seiner Entwicklung teilhaben zu lassen. In der Woche 1 folgt ein Video: Er fühle sich unausgeschlafen. In der Woche 2 merkt er, wie sein Körper sich anpasse, mehr leisten könne, Energie, Schlaf, alles besser werde. In der Woche 3 dann die Erkenntnis, dass es mit der Übermenschlichkeit nicht so schnell klappt. Ja, er könne zum Teil härter trainieren, aber er sei auch erschöpfter.Seit über einem Monat wartet die interessierte Beobachterin nun auf ein weiteres Update.Welche Wirkstoffe sich die Athletinnen und Athleten der Enhanced Games zuführen und in welcher Dosierung, das geben sie nicht bekannt. Die Organisatoren begründen dies damit, dass sie den Nachahmereffekt verhindern wollten. Die Leistungssportler hätten jederzeit die Kontrolle darüber, was in ihren Körper gelange, sie seien medizinisch betreut, auch fünf Jahre über die Wettkämpfe 2026 hinaus – sie wüssten, welchem Risiko sie sich aussetzten, und täten das freiwillig. «Macht das nicht zu Hause nach, bestellt nichts online, wenn ihr nicht genau wisst, woher es kommt», sagt der Geschäftsführer Martin gegenüber verschiedenen Medien.Damit gibt er sich als besorgter Gutmensch. Die Realität zeigt aber ein anderes Bild. Nicht nur sind die allfälligen Rekorde, sollten sie denn an den Wettkämpfen gezeigt werden, kaum dokumentier- und verifizierbar. Weil es unklar sein wird, wie sie zustande kommen. Auch kann Martin noch lange warnen; mit den Enhanced Games hat er eine Sichtbarkeit geschaffen, bei der vor allem junge Fitnesssportler nur die Muskeln und die schlanken Taillen sehen.Fachgruppen wie Swiss Sport Integrity (SSI) warnen schon lange vor dem Tiktok-Effekt: Besonders junge Menschen kaufen online angebliche Wundermittel, die schnell zu sichtbaren Veränderungen führen sollen, gleichzeitig aber gesundheitsgefährdend sind und nur illegal bestellt werden können. Doping wird normalisiert.Endlich Geld verdienenWer an den Enhanced Games teilnimmt, kann danach nicht mehr zurück in den traditionellen Sport. Es sind entweder Sportler, deren Ruf ruiniert ist, wie der Leichtathlet Fred Kerley, der wegen Verstosses gegen die Meldepflicht von den Weltmeisterschaften 2025 ausgeschlossen wurde. Oder solche, die am Ende ihrer Karriere stehen, wie der Schwimmer Marius Kusch.Er würde viele Karrieren, Titel und Medaillen brauchen, um das Geld zu erhalten, das er in nur einem Jahr mit dem Enhanced-Projekt verdienen könne, betont Kusch immer wieder. Er bekomme einen Lohn, mit dem er sich erstmals seit zehn Jahren in den USA eine Versicherung geleistet habe. An den Wettkämpfen erhält jeder Athlet eine Antrittsgage, der Sieger jedes Rennens bekommt 250 000 Dollar und weitere 250 000 Dollar für einen Weltrekord, in den Königsdisziplinen 100 Meter Sprint und 50 Meter Freistil winkt sogar eine Million.Zum Vergleich: An den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina erhielten die Schweizer Goldmedaillengewinner 50 000 Franken Prämie.Natürlich war der finanzielle Aspekt ein wichtiges Kriterium für Kusch, an dem Projekt teilzunehmen, das gibt er offen zu. Er sehe nicht ein, warum er das, was er eine Karriere lang aus seinem Körper gemacht habe, nicht zu Geld machen könne. Und er hat recht. Wenn der traditionelle Sport etwas aus den Enhanced Games mitnimmt, dann das: Die Sportlerinnen und Sportler sollen von ihrem Beruf leben können.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel