Was Richard Strauss gemeint haben könnte, wenn er sich selbst als „Offenbach des zwanzigsten Jahrhunderts“ sah, versteht man ganz gut, wenn man Felicity Lott singen hört. Die englische Sopranistin mit einer Stimme, die Jürgen Kesting in der F.A.Z. bewundernd flott als „blond“ beschrieb, zählte über Jahrzehnte hinweg sowohl für Strauss wie für Jacques Offenbach zu den gesuchtesten, weil besten Sängerinnen der Welt.Im Schlussmonolog der traurigklugen Gräfin Madeleine in Strauss’ Bühnentestament „Capriccio“ hört man bei Lott ein lebhaftes Räsonnement vokaler Schönheit. Es ist ein Sopran, der kleinteilig phrasiert, ohne kurzatmig zu wirken. Den raschen Wechsel von Sprechtonfällen, auf den es bei Strauss, dem Meister des Konversationsstücks für Musik, ankommt, beherrscht sie virtuos, ohne dabei dem schönen Gesang, dem gewinnenden, mitteilsamen Ton Abbruch zu tun.Klingende Form von IntelligenzGenau diese Balance aus pointierter Prosodie, deutlicher Artikulation und singendem Charme, begriffen als klingender Form von Intelligenz, braucht eine Offenbach-Sängerin gleichermaßen wie eine Strauss-Heldin. Lott, die beim Opernfestival in Glyndebourne und an der Metropolitan Opera in New York als Madeleine zu ebenso frühem wie berechtigtem Ruhm gelangt war, riss später am Pariser Théâtre du Châtelet als Offenbachs schöne Helena, als „Belle Hélène“, in der Regie von Laurent Pelly das Publikum vor Lachen zu Tränen hin – sicher auch, weil sie in ihrer darstellerischen Komik die Melancholie einer verblühenden Frau in einer wenig erfüllenden Ehe mit auffing.Auch das war eine Konstellation, die sie von Strauss her gut kannte: Im bis heute gerühmten „Rosenkavalier“ an der Münchner Staatsoper unter der Leitung von Carlos Kleiber war sie die Marschallin, die alles Vergängliche „mit leichtem Herz und leichten Händen“ nahm, obwohl es so wehtat.Lotts Sopran war leicht, aber nicht substanzlos. Die Sängerin, am 8. Mai 1947 in Cheltenham geboren, hatte eigentlich Dolmetscherin werden wollen und besaß einen immensen Sinn für Sprache. Ihr Deutsch und ihr Französisch waren beim Singen so idiomatisch wie ihr Englisch. Hinzu kam, dass sie auch die natürlichen Vokalfarben des Sprechens weitgehend in den Gesang zu übertragen verstand, was Sopranistinnen am schwersten fällt, da bei ihnen Sprech- und Singtonlage am weitesten auseinanderliegen.Lotts Gesang blieb der gesprochenen Sprache verpflichtet. Sie bog die Worte selten um, nur damit ihre Stimme Vorteile daraus ziehen konnte. Vielleicht klang ihr Sopran deshalb weniger geheimnisvoll schimmernd als der von Elisabeth Schwarzkopf, weniger gläsern unnahbar als der von Lisa della Casa. Lott sang nahbar, offenherzig, wenn auch gewitzt. Es gab kaum etwas Unausgesprochenes in ihrem Singen, das nur in der diskreten Andeutung verblieben wäre, wenngleich sie niemals dick auftrug. Am nächsten war ihr wohl die große Schwedin Elisabeth Söderström, der sie seit den frühen Tagen in Glyndebourne eng verbunden war und mit der sie lange befreundet blieb.Neben Strauss und Offenbach lagen ihr einige Partien Wolfgang Amadé Mozarts wie Pamina, Fiordiligi oder die Gräfin im „Figaro“ sehr, vor allem aber hat sie sich um das Lied verdient gemacht, mit dem Dirigenten Neeme Järvi sämtliche Orchesterlieder von Strauss aufgenommen und mit dem Pianisten Graham Johnson Anthologien mit Liedern nach Gedichten von Victor Hugo oder Charles Baudelaire herausgebracht. Es sind Trouvaillen darunter wie „L’amour du mensonge“ von Pierre Capdevielle, das die Melancholie aus dem Mittelsatz von Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert in die Welt des Chansons überführt. Lott singt es als Beispiel in der Kunst, mit Anstand traurig zu sein und den Trost der Musik nicht als Lüge zu schmähen. Niemand soll traurig sein, sie ist glücklichZu ihrem Geburtstag am 8. Mai gab sie dem „Observer“ ein humorgesprenkeltes Interview, in dem sie erzählte, dass sie von ihrer eigenen Krebserkrankung erfuhr, während sie eine Auktion organisierte, bei der ihre früheren Haute-Couture-Kleider zur Unterstützung von Hospizen veräußert werden sollten. Sie habe Krebs im Endstadium, gab sie bekannt, lachend, denn niemand solle um sie traurig sein: Sie sei glücklich.Dass diese Heiterkeit im Leben wie auf der Bühne harte Arbeit war, darf man voraussetzen. Einen Teil ihres Vermögens vermachte sie dem Glyndebourne Festival zur Unterstützung junger Sänger. Eine Woche nach ihrem Geburtstag, am 15. Mai 2026, ist Dame Felicity Lott gestorben.
Nachruf auf die Sopranistin Felicity Lott
Ihr Sopran war leicht, aber keineswegs substanzlos, ihre Heiterkeit herzlich und doch voller Kunst. Für die Musik von Strauss und Offenbach war sie ein Segen. Mit 79 Jahren ist die Sopranistin Felicity Lott gestorben.






