Interview«Wir versinken im ideologischen Quark» – Alice Schwarzer über Wokeismus als FrauenfeindEin Gespräch über Machtnetzwerke von Männern, die Tücken der romantischen Liebe und den dringenden Aufruf, in einer hoch ideologisierten Zeit endlich zu den Fakten zurückzukehren.17.05.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenAlice Schwarzer ist über die grossen Missbrauchsfälle der letzten Jahre nicht erstaunt und sieht Sexualstraftäter wie Epstein oder Pelicot in einer Linie stehend: «Was diese Vampire zusammenhält, ist das Blut der jungen Frauen.»Bettina Flitner / LaifOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Alice Schwarzer polarisiert, provoziert und streitet seit über einem halben Jahrhundert – und macht sich auch heute immer wieder neue Feinde. Allerdings aus unvermuteter Ecke: Jüngst wurde sie von der Queerbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Sophie Koch, als rechte Trans-Feindin dargestellt – inklusive einer bundesamtlich verantworteten Fotomontage, die sie in eine Reihe mit Donald Trump stellt. Und das alles, weil Schwarzer daran festhält, dass es biologisch gesehen nur zwei Geschlechter gibt, während Koch das Geschlecht als individuellen Entscheid sieht.Doch für einmal verhallt Schwarzers Widerspruch im Leeren: Argumente und Fakten – früher Schwarzers mächtigste Waffen – laufen bei ideologischen Debatten schlichtweg ins Leere. Das geht ihr unter die Haut – wie das Gespräch mit ihr vermuten lässt.Dafür schaltet sie sich aus ihrem Home-Office in Köln in den Videotermin mit Zürich ein. Doch die Technik will nicht. Das Bild ruckt und zuckt, friert ein. Plötzlich strahlt Schwarzer vom Bildschirm: «Jetzt klappt es!» Sie ist sofort präsent, hoch konzentriert, und mit einer gewissen Vorfreude von jemandem, der gern herausgefordert wird, gibt sie den Startschuss: «Auf geht’s. Wir nehmen uns die Zeit, die wir jetzt brauchen.»Frau Schwarzer, Sie sind als Frau bekannt, die mit radikalen Analysen erschüttert hat. Jetzt legen Sie ein Buch vor, in dem Sie 99 Begriffe feministisch interpretieren – darunter Lebensfreude, Wechseljahre und Handtaschen. Das wirkt wie Lebensberatung: Ist Ihnen die Wut ausgegangen?Keineswegs. Aber bei aller Konsequenz des Denkens sind meine Bücher immer behutsam mit den Menschen gewesen. Wir leben in einer geschichtslosen Zeit. Die siebziger Jahre waren die Zeit des Aufbruchs, und feministisch gesehen wurde das Wesentliche gesagt. In der Zeit sind die grossen Bücher geschrieben worden, der Stamm geschlagen. Und nun ist Folgendes passiert: Der Ursprung des Feminismus ist amputiert worden, im kollektiven Gedächtnis sind nur noch die Verästelungen, und es wird heute so getan, als hätte der Feminismus in den Neunzigern begonnen. Die Neunziger waren aber lauwarm. Und wenn Sie sich die Mini-Essays in meinem Buch anschauen, sehen Sie, dass da, wo es geht und es Sinn ergibt, ich immer den Bogen schlage: von den siebzigern bis heute. Ich versuche, die feministische Geschichte wieder ins Gedächtnis zu rufen.Wir staunen zum Beispiel jetzt über so etwas wie Epstein und Pelicot. Die sexuelle Gewalt aber ist umfassend in den siebziger Jahren von uns zentralen Autorinnen der Neuen Frauenbewegung behandelt worden. Ich habe schon damals geschrieben: Die sexuelle Gewalt ist der dunkle Kern des Machtverhältnisses der Geschlechter. Der Griff der Männer nach den Mädchen und jungen Frauen war ab Mitte der siebziger Jahre klar eine Reaktion auf den Feminismus. Sie konnten und wollten den emanzipierten Frauen nicht in die Augen sehen.Fälle wie Epstein zeigen ein umfassendes Machtnetz, es gab Hunderte von Mitwissern. Warum gucken Sie in die siebziger Jahre? Wäre es nicht an der Zeit für einen neuen Aufschrei, für mehr Mut, für eine neue Kampfschrift?Nein, ich gucke ja gar nicht zurück. Ich erinnere nur an das analytische Instrumentarium, das wir schon haben. Ich erinnere an unsere Erkenntnisse, die wir schon lange haben. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich kann jetzt über die Affäre Collien Fernandes nicht erschüttert sein. Wie soll ich denn? Ich weiss doch um diese Verhältnisse seit Jahrzehnten. Und die Affäre Epstein zeigt uns das weltweite Zuhälternetz der Mächtigen. Was diese Vampire zusammenhält, ist das Blut der jungen Frauen.Das hiesse, dass Epstein und Pelicot Sie überhaupt nicht überrascht haben.Es sind die Ausmasse, die mich schon erschüttert haben. Nehmen wir den Fall Pelicot. Wenn er der einzige Schurke gewesen wäre, das kann passieren. Aber dass Monsieur Pelicot durch eine kleine Anzeige im Internet im Umkreis von 75 Kilometern 80 Männer findet, die eine mit Drogen bewusstlos gemachte Frau vergewaltigen wollen – und es dann auch tun? Und das sind ganz normale Männer, die sind jung und alt, die sind Handwerker oder Beamte. Die Monstrosität von Dominique Pelicot hat mich erschüttert, noch mehr aber hat mich die Bereitschaft des normalen Mannes erschüttert, das mitzumachen. Aber überraschen tut mich das alles nicht wirklich.Was schliessen Sie aus dieser breiten gesellschaftlichen Streuung der Täterschaft?Dass die sexuelle Gewalt und Erniedrigung als Herrschaftsinstrument gegen Frauen weiterhin allgegenwärtig ist. Es war ja die Struktur, die auch bei Dominique Pelicot ganz klar war. Die Frau war tüchtiger, sie hat das Geld verdient. Er fühlte sich ein bisschen abgehängt und erniedrigt, und sie hatte ja auch ein Verhältnis. Es ist nicht mehr so wie früher, dass der Mann das Sagen hat, Frauen reden mit. Und in diesen Zeiten scheinen doch viele Männer die Tendenz zu haben, zu den guten alten Waffen zu greifen. Sprich, so ein Mann, der zu Prostituierten geht oder der seine betäubte Frau missbraucht und wenn sie dann wach ist, sie anguckt und weiss: «Na, dir hab ich es aber gezeigt.»Sie sehen diese Fälle also auch als Reaktion auf die fortschreitende Emanzipierung der Frau.Unbedingt! Ich meine, das sind archaische Strukturen. Und darauf wird in diesen Zeiten offensichtlich verstärkt zurückgegriffen, nun, da die Verhältnisse der Geschlechter neu austariert werden. Was so einen Epstein angeht: Wie konnte es passieren, dass er gemeinsam mit Freunden und Bekannten aus seinem beruflichen und privaten Netzwerk ungehindert und unbehelligt Frauen missbrauchen konnte? Soll ich Ihnen was sagen: Darüber hat sich in den Achtzigern und Neunzigern kein Mensch aufgeregt. Es scheint sich niemand daran erinnern zu wollen. Im Zuge der Clinton-Lewinsky Affäre hat die ganze Welt über die neunzehnjährige Praktikantin gelästert. Hillary Clinton hat auch noch mitgemacht. Kaum jemand hat gefragt, wie es sein kann, dass der Präsident Amerikas einen Menschen in dieser Art und Weise behandelt und sie unterm Tisch herumkriechen lässt wie eine Sklavin.Und erst heute fliegt das auf.Erst heute empört man sich darüber. In den Siebzigern begann die von den Feministinnen angestossene Aufklärung über diese dunklen Strukturen der sexuellen Gewalt und ihrer Allgegenwärtigkeit. Es hat fünfzig Jahre gedauert, bis man sagt, das darf nicht durchgehen, das ist ein Verbrechen. Und da sind wir jetzt.Werden wir noch mehr Fälle wie Epstein sehen?Wenn wir weiter hinsehen wollen: ja. Da ist noch viel mehr aufzudecken. Das lief ja bisher unter Kavaliersdelikt.Wenn Sie sagen, es gebe noch viel mehr aufzudecken, woran genau denken Sie da?Das ist schwer zu sagen. Es ist auch eine Frage der Stärke der Frauen. Nehmen wir Collien Fernandes, die medial die Rolle einer emanzipierten Frau hatte. Das ist ja die Fallhöhe bei dieser Geschichte, dass die beiden im Fernsehen das emanzipierte Paar waren. Und nun erfahren wir: Er hat sie geschlagen. Angenommen, sie sagt die Wahrheit, geht das alles schon länger. Auch sie hat sich aber lange nicht gewehrt.Wäre jetzt die nächste Stufe im Prozess der Emanzipation, dass Frauen die Grenze früher ziehen und an die Öffentlichkeit gehen?Ja, unbedingt. Auch Madame Pelicot. Sie ist eine bewundernswerte Frau, die die Kraft hatte, sich sogar wieder die Lebensfreude zurückzuerobern, und trotzdem: Auch sie hat zu viel weggeguckt.Fast jede Frau dürfte in ihrem privaten oder beruflichen Umfeld einen Freund oder einen Kollegen haben, der seine Frau schlägt oder sexualisierte Gewalt ausübt. Wie geht man als Frau mit dieser Tatsache um?Ja, das ist eben das Harte. Also, Männer und Frauen arbeiten zusammen oder teilen Tisch und Bett, und dann ist von Liebe die Rede, und gleichzeitig ist da dieser allgegenwärtige, zerstörerische Hass. Ich glaube, das ist der Punkt, warum das so schwer ist, mit den Geschlechtern irgendwie voranzukommen. Weil sich immer wieder dieser Schleim der Verharmlosung und der Vertuschung darüber breitet. In einer Liebesbeziehung ist es sowieso nicht so einfach, sich bittere Wahrheiten einzugestehen. Aber auch nicht, wenn man einen netten Kollegen hat, der vielleicht ganz cool und locker ist. Dann bekommt man mit, dass da zu Hause oder mit Kolleginnen problematische Dinge laufen. Wir sind oft so dicht beieinander, dass es schwer ist, diese Konflikte auszutragen.Was bedeutet es für berufstätige, karrierebewusste Frauen, die sich in einem männlich geprägten Umfeld bewegen und vielleicht von einem Chef abhängig sind, der im Privaten Gewalt gegen seine Partnerin ausübt? Kann so ein Mann überhaupt eine Frau im Beruf fördern?Nicht gerne jedenfalls. Und ich gehe noch weiter: Solange wir diesen dunklen Kern des Geschlechterverhältnisses nicht benennen und nicht auflösen, so lange brauchen wir eigentlich nicht über Karrieren zu sprechen. Und viele Frauen tragen gleichzeitig diese etwa in jüngeren Jahren durch Missbrauch und Gewalt verursachten Verletzungen in sich. Wir sehen jetzt zwar, wenn wir über Feminismus sprechen, diese Role Models und wunderbaren Frauen, die vorangehen. Aber viele haben ein dunkles Geheimnis. Mit diesem müssen sie kämpfen und es überwinden. Das ist einfach etwas, was Männer in der Regel, abgesehen von Ausnahmen, nicht kennen.Kommen wir einmal zu uns Frauen. Diese Männer, die Frauen schlagen oder als sexuelle Objekte sehen, die haben oft wir Frauen massgeblich erzogen. Was haben wir falsch gemacht?Wir? Zum einen spielen auch die Peer-Groups und die Umwelt eine grosse Rolle bei der Prägung der Kinder und Jugendlichen. Und zum anderen sind natürlich die Mütter Teil des Patriarchats. Sie sind nicht frei. Und was ist Erziehung? Ich denke, Erziehung sind nicht die guten Worte. Erziehung ist Vorleben. Das kann nur von Generation zu Generation ein Stückchen besser gehen.Da sind Sie aber sehr milde mit uns Frauen.Ich bin nicht milde mit ihnen, ich benenne die Realität. Da ist immer auch der Verlust, die Angst vor dem Verlust der Liebe. Frauen tun viel dafür, geliebt zu werden. Aber wenn sie unbequem werden, dann droht der Verlust der Liebe. Es gibt wenige, die sich innerlich unabhängig machen und sagen: «Ich bin ich.»Wäre es für Frauen besser, wenn sie das mit der Liebe ein bisschen zur Seite stellen würden?Die Liebe ist auf jeden Fall ein Knackpunkt. Es wäre gut für uns, wenn wir das mit der Liebe ein bisschen relativieren würden. Wenn wir sagen würden: «Erst muss ich mal schauen, was für ein Mensch ich bin, was will ich, wer ich bin. Und wenn jetzt noch ein Mensch dazukommt, der mein Leben bereichert, schön, aber dieser Mensch darf nicht das Zentrum meiner Existenz sein.»Diese romantische Liebe ist also keine gute Sache für uns Frauen?Die romantische Liebe? Die ist gefährlich. Untersuchungen ergeben Folgendes: Ein Drittel der Männer sind Machos, und die kann man vergessen. Ein Drittel sind Opportunisten, sie warten ab, wie der Wind weht. Ein Drittel will ernsthaft, dass Frauen vorankommen. Und auf dieses letzte Drittel müssen die Frauen setzen. Manche Frauen haben ja sogar die Tendenz, es für eine Schwäche bei einem Mann zu halten, wenn er sich für Emanzipation einsetzt. Sie haben immer noch die Faszination für dunkle Helden. Und mit denen ist immer auch Gewalt verbunden. Ja, ich halte die romantische Liebe für ziemlichen Quatsch.Viele berufstätige Frauen übernehmen letztlich klaglos auch die Organisation der Familie und damit die berühmte Doppelbelastung. Wo ist das Kämpferische geblieben?Es ist ja nun doch noch nicht so, dass Mädchen und Jungen heute von Anbeginn ganz anders geprägt wären als vor ein paar Jahrzehnten. Das geht alles sehr langsam. Sie haben die unemanzipierten Mütter oder Grossmütter. Das sind kleine Schritte. Das Bewusstsein ändert sich langsamer als die Gesetze.Im Vergleich zu den mutigen Frauen der Nachkriegszeit wie der SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, die im Grundgesetz den Satz «Männer und Frauen sind gleichberechtigt» verankert hat, oder den Kämpferinnen der siebziger Jahre fühlt sich die heutige Generation von Frauen schon mutig, wenn sie mehr staatliche Kinderbetreuung fordert.Das war in den fünfziger Jahren eine breite Frauenbewegung, dieser Kampf um die Gleichberechtigung im Grundgesetz. Deswegen ist mir so an einem Geschichtsbewusstsein und der Geschichtssicherung gelegen, damit wir nicht vergessen, was wir schon alles gedacht und getan und erreicht haben. Also dass wir einfach endlich mal weitergehen. Stattdessen ist alles, was schon in den fünfziger Jahren gesagt und geschrieben worden ist, wieder weg. Wir fangen staunend wieder von vorn an, stehen wieder am Punkt null. Wie oft noch?Im September stand die Abgeordnete Hanna Steinmüller (Bündnis 90 / Die Grünen) im Bundestag am Rednerpult, ihren Säugling vor den Bauch gebunden. Ist das ein Zeichen von Emanzipation oder von fehlender Professionalität? Bei einer Diät von 11 833 Euro – damit gehört sie zu den oberen zehn Prozent – hätte sie sich einen Babysitter leisten können.Ich bin ganz zerrissen bei so etwas. Einerseits finde ich das schön, das ist das Leben. Andererseits habe ich Sorge, dass Frauen sich wieder so in ihr Frausein einschliessen. Ich würde mir wünschen, dass dieselbe Frau am nächsten Tag mit dem Anzug und ohne Kind kommt und die schlauste Rede des Tages hält.Mit der Technologie der künstlichen Intelligenz wird gerade eine neue Welt geschaffen – fast ausschliesslich von Männern. Was schliessen Sie daraus?Dass die zukünftige Welt eine Männerwelt ist. Ich beobachte mit Bedrückung, was ich über die wesentlichen Akteure lese. Das ist eine frauenlose Welt, die brauchen die Frauen nicht, noch nicht einmal mehr zum Kinderkriegen. Es gibt eine Tendenz der Männer, in dieser Welt unter sich zu bleiben. Ich beobachte das auch bei der modernen männlichen Homosexualität. Die Jungs sind vergnügt, die amüsieren sich. Niemand hängt ihnen am Hals. Sie haben dieselben Hobbys und so weiter. Es ist einfach lustiger mit Männern. Die schaffen die Frauen ab. Ich wünschte, dass Frauen in diese neue Tech-Welt hineindrängten und machtvoll mitmischten. Aber das sehe ich nicht.Was ist da schiefgelaufen?Schiefgelaufen ist ja, dass es eben immer noch dieses ungleiche Machtverhältnis der Geschlechter gibt. Und die Jungs haben losgelegt, in einem Moment, wo die Frauen noch gar nicht begriffen hatten. Das ist zum Verzweifeln. Um den Grad an Wissen zu erreichen, den manche dieser Männer erreicht haben, muss man natürlich eine echte Leidenschaft dafür haben. Die Leidenschaft der Frauen aber gilt der Liebe und der Familie.Warum sollten Frauen denn eine solche berufliche Leidenschaft nicht entwickeln können?Im Jahr 1973 habe ich ein Buch geschrieben über das Verhältnis von Frauen zu Arbeit, Beruf und Familie und dafür mit vielen Frauen gesprochen. Einen Satz werde ich nie vergessen. Eine Halbtagssekretärin sagte: «Immer, wenn ich die Krankenwagensirene höre, denke ich, es ist mein Kind.» Sie war also eigentlich immer in dieser Familienwelt, und dort war ihre Identität. Immer das schlechte Gewissen. Also dass sich Frauen so ganz ins berufliche Denken hineingeben, das ist eher die Ausnahme. Haben wir da einen Zug verpasst?Es sieht so aus: An den Tech-Universitäten ist die Welt männlich, die Risikokapitalgeber sind weitgehend männlich, und die meisten Unternehmer und CEO auch.Ja, mit der Tech-Welt, das darf ich gar nicht zu Ende denken. Da können wir Frauen ja gleich alles aufgeben.Da hört es aber nicht auf. Bei den Friedensverhandlungen der USA mit Iran oder den Gesprächen über die Beendigung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gibt es keine Frauen. Es wird Geschichte geschrieben, und Frauen reden wieder nicht mit.In der Tat. Es sind weltweit iranische Verhältnisse.Wenn es an den wesentlichen Stellschrauben des Handelns mehr Frauen gäbe, hätten wir dann weniger Kriege oder andere Kriege?Das weiss ich nicht. Frauen, die an der Stelle angekommen sind, wo sie mitreden, sind dann auch sehr machtbewusst. Nein, ich halte Krieg und Frieden nicht für eine biologische Frage. Ich würde eher von «weiblichen» und «männlichen» Eigenschaften und Prägungen sprechen, aber nicht biologisch bedingt.Hat der Feminismus an Schlagkraft verloren, weil wir heute im Zuge des Wokeismus über ein breites Spektrum an Identitäten und ihre Befindlichkeiten reden, aber nicht mehr über das Frausein?Ja, auf jeden Fall. Das ist ja eines der effektivsten Instrumente des Feminismus: Egal wie unterschiedlich Frauen sind, alle sind sie auch Frauen, alle können vergewaltigt werden, ob weiss, schwarz, arm, reich. Und das ist auch das, was in den siebziger Jahren gezündet hat. Es ist immer ein Feminismus für alle gewesen, ohne die Unterschiede zu leugnen. Der Wokeismus hat das Problem, dass Ideologie zählt statt Fakten. Das ist etwas, womit ein rationaler Mensch wie ich schwer leben kann.Hat der Wokeismus dem Feminismus also die intellektuelle Basis genommen?Ja, so ist es – den Kern seiner Existenzberechtigung. Alle Frauen sind Frauen, und sie sind nicht gleich, aber sie sind als Frauen alle betroffen. Das wird zersplittert in tausend Identitäten. Natürlich gibt es viele kulturelle Geschlechter, und es ist der Feminismus, der das als Erstes gesagt hat. Aber natürlich gibt es nur zwei biologische Geschlechter. Wir leben aber in einer Welt, in der diese Diskurse in Bezug auf Identität, Frausein oder Mannsein bestimmt werden von diesen ideologischen Dogmen. Diese hindern die Menschen einfach am Denken. Wir versinken im ideologischen Quark.Sie spielen auf die Debatte um Transidentität an. Die Queerbeauftragte der Bundesregierung hat in ihrem Instagram-Kanal jüngst eine Collage hochgeladen, die Sie mit der Schriftstellerin J. K. Rowling und Präsident Donald Trump zeigt . . .. . . und dann wird auf der nächsten Kachel gesagt: «Wenn Einzelne aus dem rechten Spektrum das Selbstbestimmungsgesetz angreifen, dann erwarte ich von der Politik Ruhe und Besonnenheit statt Schnappatmung.» Was wollen Sie in einer Gesellschaft ausrichten, in der so etwas passiert: wo jemand wie ich als rechts diffamiert und in eine Reihe mit einem misogynen Mann gestellt wird? Wie kann die Bundesregierung so etwas laufen lassen? Jemand wie ich hat in so einem Klima einfach kein Gegenüber mehr. Man kann der Politik in Deutschland in so einem Fall noch nicht einmal sagen: «Das ist ja eine Schande, wie können Sie das wagen?» Da ist niemand. Da ist kein Gegenüber. Das ist ein schlechter Moment.Ein schlechter Moment ist es vielleicht auch, weil sich so mancher durch Argumente in seiner Befindlichkeit gestört fühlt. Es hat sich etwas Biedermeierisches entwickelt – das eigene Wohlbefinden und Ego stehen im Zentrum.Die neue Empfindsamkeit und Betroffenheit! Wie wollen Sie Frauen in so einem Klima sagen: «Geh raus, raus in den Wind und kämpfe und mach und trau dich.»?Gleichberechtigung und Feminismus fordern Eigenverantwortung und Unabhängigkeit im Denken – klassische liberale Werte. Der Liberalismus aber hat in Deutschland keine Basis mehr.Ja, das ist in den vergangenen Jahrzehnten schleichend passiert. Ich breche das mal herunter auf ein kleines Beispiel: Manchmal höre ich heute von Feministinnen, die wirklich engagiert sind, dass sie ein Vorhaben nicht umsetzen konnten, weil: «Die haben unserem Förderungsantrag noch nicht zugestimmt.» Wie bitte? Früher haben wir einfach gemacht! Niemand musste dazu eine Erlaubnis oder eine Förderung bekommen. Heute sind Eigeninitiative und Eigenverantwortung wie erstickt.Was wären positive Entwicklungen in den nächsten Jahren – in der Gesellschaft und im Feminismus?Ich bin ganz schlecht in Prognosen. Ich finde es schon ziemlich anstrengend, das Hier und Jetzt zu begreifen und dem standzuhalten. Dieses ganze ideologielastige und geschwurbelte Gerede beraubt uns der Realität. Aber was ich mir erhoffe, ist, dass wir die Realität wieder wahrnehmen und zur Vernunft kommen.Alice Schwarzer: Feminismus pur. 99 Worte. Heyne 2026, 224 S. Buchpräsentation: Bernhard Theater, Zürich, am 26. Juni 2026Passend zum Artikel
Sexismus, Machtspiele und Wokeismus – Alice Schwarzer über die Krisen unserer Zeit
Ein Gespräch über Machtnetzwerke von Männern, die Tücken der romantischen Liebe und den dringenden Aufruf, in einer hoch ideologisierten Zeit endlich zu den Fakten zurückzukehren.








