«Ich finde es ein bisschen zynisch und kurzsichtig, dass man uns vorwirft, wir agierten kommerziell»: Die Schweizer CEO Tatjana Haenni verteidigt RB LeipzigIm Frauenfussball kämpfte die Schweizerin gegen Desinteresse. Bei RB Leipzig treibt sie als erste Geschäftsführerin in der Bundesliga das Wachstum an. Sie sagt, warum der Wechsel in den Männerfussball richtig gewesen sei.17.05.2026, 05.30 Uhr6 Leseminuten«Ich muss nicht mehr Leute von etwas überzeugen, von dem sie nicht überzeugt werden wollen»: Tatjana Haenni.Valeria Witters / APAFrau Haenni, Sie haben Jahrzehnte damit verbracht, Strukturen für den Frauenfussball aufzubauen. Nun leiten Sie einen grossen Männerklub. Was ist der grösste Kulturschock, den Sie seit Januar erlebt haben?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kulturschock würde ich es nicht nennen, aber die Dimensionen sind ganz anders. Der Frauenfussball ist ein Bereich, der am Kämpfen ist. Hier arbeite ich in einem Fussballunternehmen, in einem Multimillionenbusiness, das etabliert ist, in dem es um Optimieren und Wachstum geht. Ich muss nicht mehr Leute von etwas überzeugen, von dem sie nicht überzeugt werden wollen.In Deutschland wurde Ihre Ernennung als Revolution gefeiert. Empfinden Sie es als Privileg oder als Last, die Erste zu sein?Klar als Privileg – und als überfällig. Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist «Endlich!». Das Thema Frauen im Männerfussball ist heute auf verschiedenen Ebenen präsent, Kathleen Krüger wird Sportvorständin beim HSV, Marie-Louise Eta trainiert Union Berlin. Ich bin jetzt halt die erste CEO. Ich bin überzeugt davon, dass ich eine gute Wahl bin. Man sagt ja oft von Frauen, sie trauten sich gewisse Jobs nicht zu. Ich möchte es mit Respekt, aber auch selbstbewusst angehen.Wie führen Sie ein Team, das in einer rein männlichen Hierarchie sozialisiert wurde?Bei früheren Jobs wie bei der Fifa, im FC Zürich oder im Schweizerischen Fussballverband war es sehr männerlastig. In unserem elfköpfigen Managementteam sind drei Frauen. Der grösste Unterschied ist aber, dass wir ein Unternehmen sind und keine sportpolitische Organisation. Hier geht es um Wachstum, Professionalisierung. Ein Klub muss einfach liefern. Ich hatte nie das Gefühl, mein Geschlecht spiele eine Rolle. Wir haben viele Mitarbeiterinnen im direkten Umfeld vom Männer-Bundesligateam, eine leitende Teammanagerin, eine Ernährungsberaterin, eine Yogatrainerin. Ich kenne kaum andere Klubs, bei denen Frauen so nahe am Männerteam sind.Zur PersonDie 58-Jährige kennt den Frauenfussball wie keine Zweite: Sie war als Spielerin, Trainerin, Managerin und Funktionärin tätig. Zuletzt leitete sie die amerikanische Profi-Frauenfussballliga. Seit Januar 2026 ist sie CEO bei RB Leipzig. Es ist ihr erster Job im Männerfussball. Traditionalisten lehnen RB Leipzig ab, sie sehen im Klub das Marketinginstrument von Red Bull.Sie sagten in einem Interview, Sie hätten Leipzig inhaliert. Wie ist Ihr Fazit nach der Riesenladung RB?Ich spüre so deutlich wie nie vorher, was der Fussball bewegen kann. Es gibt jetzt den direkten Link von meiner Arbeit zu dem Impact, den sie hat. In unserem Stadion herrscht eine Stimmung, die ich so von anderen Männerklubs nicht kenne. Viele Familien und Frauen besuchen die Spiele, die Atmosphäre ist friedlich, Pyros werden keine gezündet. Wir sind ein Unternehmen mit klaren kommerziellen Zielen, trotzdem gelingt es uns, Begeisterung auszulösen.Sie kommen aus dem Frauenfussball, der sich über Werte, Authentizität und den Kampf gegen die Überkommerzialisierung definiert. Jetzt führen Sie einen Klub, der für viele genau deswegen ein Feindbild ist. Hatten Sie einen inneren Konflikt?Ich habe mich damit befasst, finde aber, dass man RB Leipzig Unrecht tut. Jeder Bundesligaklub ist kommerziell getrieben und ein Wirtschaftsunternehmen. Ich finde es ein bisschen zynisch und kurzsichtig, dass man uns vorwirft, wir agierten kommerziell. Ich sehe den Unterschied zu anderen Klubs nicht.Jürgen Klopp galt vielen Fussballfans als Verräter, nachdem er bei Red Bull Head of Global Soccer geworden war. Haben Sie ebenfalls solche Reaktionen erhalten?Nein, gar nicht. Ich kann auf keine Art und Weise mit Jürgen Klopp verglichen werden. Die Tatsache, dass eine Frau CEO in einem Bundesligaklub wird, wurde positiv gewichtet. Ich verstehe die Vorbehalte ansatzweise ja auch: Wir sind einen anderen Weg gegangen als die anderen. Aber es gibt doch in verschiedenen Klubs Geldgeber, die man als Fan auch nicht nur toll findet.Wie nahe ist Jürgen Klopp eigentlich am Klub?Wir haben unregelmässig Kontakt, einen kollegialen, guten Austausch. Aber ich habe auch schon vier Wochen nicht mit ihm gesprochen.Verletzt Sie die Ablehnung der Traditionalisten?Mich erinnert der Mechanismus an die sozialen Netzwerke. Es gibt eine Minderheit, die man nicht kontrollieren kann. Wenn jemand zu meiner Ernennung kommentiert: «Warum ist die nicht in der Küche?», ist das genauso blöd. Aber ich kann es nicht beeinflussen. Die Social-Media-Trolle sind zwar in der Minderheit, aber die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, ist gross.Sie kommen als Frau und Schweizerin, die noch nie im Männerfussball gearbeitet hat, nicht aus den bekannten Zirkeln. Wie wurden Sie als Quereinsteigerin von anderen Klubchefs begrüsst?Mit professioneller Freundlichkeit. Aber auch mit Wohlwollen und positivem Zuspruch. Klar gab es den einen oder anderen, der eher zurückhaltend war.Sie haben einmal gesagt, es sei Ihnen wichtig, dass sinnstiftend sei, was Sie täten. Wo sehen Sie das Sinnstiftende in Ihrem Job bei RB Leipzig?Im Frauenfussball ging es mir immer darum, eine faire Chance zu erhalten, dass wir ihn überhaupt entwickeln können. Im Männerfussball geht es darum, die Wucht, die er als gesellschaftsrelevanter Sport- und Entertainmentbereich hat, so zu leiten, dass man sportlich und kommerziell erfolgreich ist. Zudem muss man als Verein ein guter Arbeitgeber und in der Region gesellschaftlich verankert sein. Ich konnte mir auch früher schon vorstellen, Geschäftsführerin in einem Klub zu sein. Jetzt habe ich die Chance. Das ist ein enormer Antrieb.Ist es angenehm, ein Projekt zu leiten, wo Sie nicht gegen Widerstände kämpfen müssen?Absolut. Hier ist es ein Miteinander. Und meine Rolle ist es, die Leute für die Reise zu begeistern. Früher bin ich gegen Desinteresse gelaufen und habe versucht klarzumachen, dass es uns Frauen auch noch gibt.Haben Sie nach Jahren der Aufbauarbeit bewusst eine solche Rolle gesucht?Nein. Wie motivierend es ist, habe ich erst festgestellt, als ich hier anfing. Ich wusste immer, dass ich am besten bin in einem Job, in dem ich alle Kompetenzen vereinen kann, die ich mir angeeignet habe: als Spielerin, Trainerin, Funktionärin, in Klubs, Verbänden. Bin ich in einer Führungsposition, kann ich alles zusammenbringen. Der Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff ist nicht für Quoten, er wollte den Besten oder die Beste für den Job. Er hat es mir zugetraut.Ist es also einfacher, in Leipzig einzusteigen, weil der Klub nicht durch Traditionalisten gebremst wird?Wir sind ein Fussballunternehmen und keine sportpolitische Organisation, wo eher auf alte Seilschaften gesetzt wird. Es ist mutig und aussergewöhnlich, dass RB mich als Quereinsteigerin angestellt hat. Aber es passt, weil das Denken anders ist. Die einzige Frage ist: Wer bringt uns vorwärts?Sie haben die amerikanische Frauen-Profiliga geführt. Von welchen Erfahrungen können Sie hier profitieren?Lernen können wir vom Entertainment. In Amerika ist alles aufs Business ausgerichtet. RB Leipzig ist ein junger und aufregender Klub, er ist vor zehn Jahren aufgestiegen. Unser Stadion ist fast immer ausverkauft – aber noch nicht immer. Wie bringen wir die Begeisterung noch mehr in die Stadt und die Region? Wie können wir noch mehr Emotionalität herstellen? In diesen Fragen können wir vom Business-Mindset der USA lernen.Was heisst das konkret?Es geht in den USA um Wachstum, darum, von allem mehr zu haben: mehr Fans, mehr finanzielle Möglichkeiten, mehr kommerzielle Partner, mehr Social-Media-Follower. Das wollen wir auch.Sie propagieren das Wachstum. Soll man wirklich immer weiter kommerzialisieren?Es ist einfach die Realität. Fussball hat sich in der Elite von einer Amateursportart zu einem Multi-Milliarden-Business entwickelt. Und RB Leipzig ist in einer der Top-5-Ligen einer der vier besten Klubs. Wir gehören zu den Top-100-Klubs weltweit, aber wir wären gerne in den Top 10.Sie haben die negativen Auswüchse im Männerfussball auch schon kritisiert. Nun sind Sie in einer Position, in der Sie das Wachstum weitertreiben wollen. Ist das kein Widerspruch?Nicht, wenn man es richtig macht. Wenn man die Realitäten des Business akzeptiert und gleichzeitig versucht, gut zu arbeiten. Wir haben die Kaderkosten auf die kommende Saison hin um rund 25 Millionen Euro reduziert. Wir haben uns auf die Ursprünge von RB Leipzig zurückbesonnen: mit jungen Talentierten zu spielen. Wir wollen Spieler holen, die hier den Durchbruch schaffen. Dahinter kann ich stehen.Was nicht heisst, dass man nicht plötzlich wieder teure Spieler kauft, wenn sich der Erfolg nicht einstellt.Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Aber unsere Strategie ist es nicht, einen Superstar zu holen. Wir sind in einem Umfeld, in dem man sich Fragen stellen kann. Aber in dieser Struktur will ich so arbeiten, dass es nachhaltig ist.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel