Zu viele dicke Kinder: Der Bund will Werbung für Schoggi, Chips und Limonade an diversen Orten verbietenJedes fünfte Kind in der Schweiz ist übergewichtig. Nun möchte der Bund Reklame für ungesunde Lebensmittel an Schulen, im Kino oder im Fernsehen massiv reduzieren. Er vertraut dabei auf die Hilfe von McDonald’s, Migros und Co.16.05.2026, 21.54 Uhr5 LeseminutenLecker, aber leider ungesund: Schokolade ist der beliebteste Snack bei Schweizer Kindern.Sally Anscombe / GettyDer Film im Kino läuft noch nicht. Doch über die Leinwand flimmert bereits ein Werbespot für ein Vanilleeis. Am Fernsehen beisst jemand vor dem «Guetnachtgschichtli» genüsslich in knusprige Chips. Und neben dem Schulhaus wirbt ein Plakat für einen neuen Milchdrink. Das ist heute alles möglich, doch es könnte schon bald verboten sein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn der Bund will Werbung für zu süsse, salzige und fettige Produkte massiv reduzieren. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) verhandelt derzeit mit der Lebensmittelbranche über eine freiwillige Selbstregulierung. Der Entwurf des BLV liegt der «NZZ am Sonntag» vor. Er hat es in sich.Das Bundesamt möchte Werbung für ungesunde Produkte, die sich speziell an Kinder unter dreizehn Jahren richtet, praktisch verbannen. So soll Reklame für Chips, Schokolade oder Süssgetränke an Schulen verboten werden. Auch in einem Umkreis von hundert Metern von deren Haupteingängen soll Werbung nicht mehr erlaubt sein (ausgenommen wären Werbeaktionen in Geschäften, die sich in der Nähe einer Schule befinden).Und der Bund geht noch weiter: Im Fernsehen und im Radio soll künftig eine halbe Stunde vor und nach einer Kindersendung keine Werbung mehr für Süsses und Fettiges zu sehen sein. Ein Werbeverbot soll auch online, etwa für Spiel-Apps, und in Kindermagazinen wie dem «Spick» gelten. Im Kino soll Junk-Food-Werbung ebenfalls nicht mehr abgespielt werden dürfen, wenn ein Film für unter Dreizehnjährige freigegeben ist. Also keine Glace-Reklame vor «Super Mario» oder «Tom und Jerry».Michael Beer, der stellvertretende Direktor des BLV, sagt: «Die Bundesverfassung gibt vor, dass wir die Gesundheit der Kinder schützen müssen.» Es gehe nicht darum, Schokolade, Chips oder Süssgetränke zu verbieten. Aber: «Wir wollen die Eltern entlasten, indem wir dafür sorgen, dass sie und ihre Kinder nicht ständig mit Werbung bombardiert werden.»Kinder sind anfällig für Werbung. Sie lassen sich leicht beeinflussen und können die Produktwahl ihrer Eltern mitprägen. Eine Studie aus England zeigte, dass Kinder, die eine fünfminütige Werbung für Junk-Food sahen oder hörten, am selben Tag 130 Kilokalorien mehr zu sich nahmen. Also knapp ein Joghurt mehr.Die Industrie weiss und nutzt das. Gemäss einer Studie im Auftrag des Bundes gaben Firmen in der Schweiz im Jahr 2022 sieben Millionen Franken für an Kinder gerichtete Werbung aus. Mädchen und Jungen zwischen vier und neun Jahren wurden besonders stark beworben. Häufig mit Reklame für Schokolade und andere Süssigkeiten.Doch zu viel Süsses und Fettiges kann ernsthafte Folgen haben: An Schweizer Schulen und Kindergärten grassiert das Übergewicht. Eines von fünf Kindern ist zu dick. Die betroffenen Mädchen und Jungen werden auf dem Pausenhof nicht nur eher gehänselt, sie sind auch anfälliger für Krankheiten wie Diabetes. Die meisten übergewichtigen Kinder und Jugendlichen wiegen zudem auch als Erwachsene zu viel.Die Frage ist: Soll der Staat die Kleinsten vor bösen Fetten, Salz und Zucker schützen? Oder handelt es sich bei den geplanten Werbeverboten um eine Bevormundung der Bürger? Um einen übertriebenen Eingriff in die Eigenverantwortung der Eltern und den freien Werbemarkt?Ausnahmen vor Weihnachten und OsternIm Ausland drängen einige Regierungen auf eine stärkere Regulierung des Werbemarktes. In Schweden und in Norwegen ist Werbung, die sich an Kinder unter zwölf Jahren richtet, generell verboten. In Grossbritannien darf Junk-Food im Fernsehen seit Anfang Jahr nur noch nach 21 Uhr präsentiert werden (also dann, wenn die Kinder im Bett liegen), im Internet gar nicht mehr. Und in Deutschland will die Regierung offenbar eine Abgabe auf Süssgetränke einführen.Solche Gesetze und Steuern will die Lebensmittelindustrie in der Schweiz unbedingt verhindern. Als abschreckendes Beispiel gilt in der Branche die Tabakinitiative, die im Jahr 2022 vom Volk angenommen wurde und die jede Art von Tabakwerbung verbietet, die Kinder und Jugendliche erreicht.Auch um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, sind die Lebensmittelfirmen und Detailhändler bereit, mit dem Bund über eine freiwillige Selbstverpflichtung zu verhandeln. Im April haben Branchenvertreter – ähnlich wie der Bund – einen Entwurf für eine mögliche Selbstregulierung verfasst. Das Papier ist mit «vertraulich» überschrieben.Es zeigt: Die Firmen sind grundsätzlich bereit, auf Werbung für ungesunde Produkte zu verzichten, die auf Kinder unter dreizehn Jahren zielt. Aber: Sie fordern Ausnahmen. Und zwar in den Wochen vor Weihnachten und Ostern. Also genau dann, wenn Eltern, Grosseltern und Paten die Kinder mit Süssigkeiten überhäufen.Beim Bund hat man dafür kein Verständnis. Michael Beer vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sagt: «Die Firmen zeigen sich verantwortungsbewusst, ausser dann, wenn sie am meisten Produkte bewerben wollen. Das ist ein Feigenblattansatz, den wir klar ablehnen.» Es besteht also Diskussionsbedarf.Dem Vernehmen nach sind es vor allem die Detailhändler, die auf Ausnahmen vor den Festtagen drängen. Migros, Coop und Lidl schalten gemäss einer Studie vergleichsweise viel Werbung für Kinder. Coop führt zudem eine eigene Kindermarke, Jamadu. Im Jamadu-Magazin werden regelmässig Produkte beworben. Kürzlich verkündete eine kleine Schildkröte auf einer Seite: «Den Jamadu-Orangensaft trinke ich gerne!» Daneben ein Bild eines Ananas-Orangen-Safts. Was nicht erwähnt wird: Der Saft hat gleich viel Zucker wie Coca-Cola. Auch solche Werbung wäre künftig nicht mehr erlaubt.Coop und Migros wollten auf Anfrage keine Stellung nehmen, da die Gespräche noch liefen. Lidl schreibt, man setze sich für eine Lösung ein, die den Jugendschutz stärke und gleichzeitig den Traditionen rund um Weihnachten oder Ostern angemessen Rechnung trage.Swiss Pledge – ein Zusammenschluss von Coca-Cola, McDonald’s, Rivella, Kellogg’s und weiteren Firmen, die sich freiwillig bereits gewisse Regeln bei der Kinderwerbung auferlegt haben – schreibt, man begrüsse die Initiative des Bundes. Für eine wirksame Selbstregulierung sei es zentral, «dass sich möglichst viele Marktteilnehmer» daran beteiligten.Pranger statt BusseIn der Politik stösst die geplante Regulierung des Werbemarktes auf unterschiedliche Reaktionen. Der Mitte-Nationalrat Nicolò Paganini warnt vor zu starken staatlichen Eingriffen. Er sagt: «Es ist sinnvoll, wenn der Bund mit den Firmen gewisse Regeln für die Kinderwerbung aushandelt. Aber er sollte nicht überschiessen.» Werbung gehöre zu einer freien Wirtschaft. «Wenn Unternehmen ihre Produkte nicht anpreisen können, haben sie ein Problem.» Bei Chips oder Schokolade handle es sich um erlaubte Produkte und nicht um illegale Substanzen.Anders sieht das Nadine Masshardt, SP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz. Sie sagt: «Eine Einschränkung der Werbung ist dringend notwendig.» Kinder könnten Werbung weder erkennen noch durchschauen und müssten deshalb besonders geschützt werden. Masshardt hätte sich eine verbindliche Regulierung gewünscht und keine freiwillige Selbstverpflichtung. «Eine freiwillige Vereinbarung hat den Nachteil, dass nicht alle Firmen mitmachen werden und jene, die ausscheren, keine echten Sanktionen zu befürchten haben.»Immerhin: Bei den Sanktionen scheinen sich der Bund und die Lebensmittelbranche bereits einig zu sein. So sollen säumige Firmen aus der Vereinbarung ausgeschlossen und ein Ausschluss bekanntgemacht werden können. Also: Pranger statt Busse.Ebenfalls bereits fest steht, was nicht von den neuen Werberegeln betroffen ist: das Design und die Verpackung der Produkte. So sollen weiterhin Schoggihasen oder Zuckermäuse verkauft werden dürfen. Auch Tiere auf der Verpackung oder Kinder als Darsteller in Werbungen sollen weiterhin erlaubt sein.Um die verbleibenden Differenzen zu bereinigen, treffen sich der Bund und die Lebensmittelfirmen am 26. Mai in Bern zu einer weiteren Gesprächsrunde. Ziel ist, dass die freiwillige Selbstregulierung noch in diesem Jahr unterzeichnet werden kann. So, dass die neuen Werberegeln im Jahr 2027 in Kraft treten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel