«Ein Schlag ins Gesicht der Polen»: Die USA stoppen Entsendung von Truppen zu einem ihrer treuesten VerbündetenWarschau hatte gehofft, dass die aus Deutschland abgezogenen Soldaten die amerikanische Präsenz in Polen verstärken würden. Doch auch dort will das Pentagon die Truppenstärke reduzieren. Der Entscheid löst in Washington und Warschau Unverständnis aus.16.05.2026, 19.11 Uhr4 LeseminutenAmerikanische Truppen nehmen in Polen an einem Nato-Manöver teil. Die USA haben etwa 10 000 Soldaten im Land an der Nato-Ostflanke stationiert.Sean Gallup / Getty Images EuropeDas Pentagon hat kurzfristig die Entsendung von 4000 amerikanischen Soldaten nach Polen abgesagt. Entsprechende Gerüchte kursieren seit mehreren Tagen. Am Freitag bestätigten der Heeresminister und der Stabschef des Heeres, Dan Driscoll und General Christopher LaNeve, in einer Anhörung vor dem Kongress den Entscheid. Dieser sei auf Anordnung von Verteidigungsminister Pete Hegseth gefällt worden. Konkrete Gründe hierfür nannten LaNeve und Driscoll nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die in Texas beheimatete 2. Panzerbrigade der 1. Kavalleriedivision des Heeres sollte im Rahmen einer regulären Truppenrotation nach Polen versetzt werden. Eine Vorhut der Brigade ist sogar bereits vor Ort, um die Ankunft der Kameradinnen und Kameraden vorzubereiten. Die Mehrzahl der etwa 10 000 amerikanischen Soldaten in Polen wird über ein Rotationssystem ins Land entsandt. Fest stationiert ist nur eine kleine Minderheit.Unglauben und UnverständnisDer Entscheid aus Washington traf die polnische Regierung völlig unvorbereitet. Eine Vorabinformation fand offenkundig nicht statt. Als die ersten Medienberichte zum Thema auftauchten, stritt Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz, der auch stellvertretender Regierungschef ist, die amerikanische Truppenreduktion schlicht ab. Später sprach er von der Möglichkeit, dass anstelle der Brigade aus Texas eine andere Einheit nach Polen versetzt werden könne.Zwar weiss man auch in Polen, dass Washington sein militärisches Engagement in Europa herunterschrauben möchte. Bisher ging man aber davon aus, dass dies vor allem Standorte in Deutschland betreffen werde. Nach einer unbedachten Äusserung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz über die amerikanische Strategie im Iran-Krieg hatte der amerikanische Präsident Donald Trump Anfang Mai verärgert den Abzug von mindestens 5000 Soldaten aus Deutschland angekündigt.In Polen gab es aber keinen vergleichbaren Vorfall. Im Gegenteil hatte Trump sogar angedeutet, dass die aus Deutschland abgezogenen Kräfte neu in Polen stationiert werden könnten. Die nationalkonservative Opposition, die ein enges Verhältnis zur Maga-Bewegung pflegt, hatte aktiv dafür geworben. Polnische Regierungen unterschiedlicher Couleur haben sich in der Vergangenheit bemüht, Washington von einem Ausbau der amerikanischen Truppenpräsenz in Polen zu überzeugen. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt dies.Auch wenn seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit das Amerikabild in Polen einige Kratzer bekommen hat, ist das Land weiterhin der vielleicht loyalste und verlässlichste Verbündete der USA in Europa. Das gilt auch unter der liberalen, prowestlichen Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk, obwohl dieser eine grössere sicherheitspolitische Unabhängigkeit von Washington anstrebt als die Opposition. Im tief polarisierten Land ist auch das Verhältnis zu den USA ein Streitthema zwischen den politischen Lagern.Trumps Vorwurf, die Europäer kümmerten sich nicht genug um die eigene Sicherheit, zielt gegen Polen ebenfalls ins Leere. Das 2-Prozent-Ziel bei den Verteidigungsausgaben erfüllt das Land seit Jahren. 2026 wird Polen 4,8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Verteidigung ausgeben. Trump hatte Polen erst kürzlich als «Vorzeigealliierten» bezeichnet.Nato-Präsenz an der Ostflanke bleibt starkÜber die konkreten Auswirkungen des amerikanischen Entscheids herrscht noch keine Klarheit. Die Regierung ist um beruhigende Signale bemüht. Ministerpräsident Tusk sagte am Freitag, er stehe mit dem Kommandanten der amerikanischen Truppen in Europa, General Alexus Grynkewicz, und Nato-Generalsekretär Marc Rutte in Kontakt. Er habe Zusicherungen erhalten, dass es sich um einen logistischen Entscheid handle, der keine direkten Auswirkungen auf die Abschreckungsfähigkeit in Polen und somit die Sicherheit des Landes habe.Dies passt zur Einschätzung von Sicherheitsexperten, dass eine amerikanischer Division letztlich nicht ins Gewicht falle, solange die Nato als Ganze entlang der Ostflanke ihre Präsenz ausbaue. Die kürzliche Entsendung einer deutschen und einer kanadischen Brigade ins Baltikum und bereits geplante weitere Verstärkungen gewährleisteten dies, zitiert die Nachrichtenagentur AP einen Nato-Vertreter.Dennoch sendet Washington mit dem Abzug von Truppen aus einem Nato-Frontstaat ein fragwürdiges sicherheitspolitisches Signal. Die Zweifel an der amerikanischen Bereitschaft, den Europäern im Falle eines offenen Konflikts mit Russland beizustehen, dürften noch grösser werden.Heftige Kritik aus dem KongressDas sehen auch viele Politiker in Washington so, selbst aus dem Regierungslager. Stabschef General LaNeve und Heeresminister Driscoll mussten sich am Freitag bei einer Anhörung vor dem Verteidigungsausschuss des Kongresses heftige Kritik zum Truppenabzug anhören.Die Entscheidung sende ein schreckliches Signal an Russland und an die Verbündeten der USA, sagte der republikanische Abgeordnete Don Bacon. Es sei ein Schlag ins Gesicht der Polen, der Balten und dieses Ausschusses, der vor dem Entscheid nicht konsultiert worden sei.Das Haushaltsgesetz von diesem Jahr für das Verteidigungsministerium verpflichtet das Pentagon, den Kongress zu informieren, wenn die amerikanische Truppenpräsenz in Europa unter die Schwelle von 76 000 Soldaten fällt. Die USA haben zur Zeit etwa 80 000 Soldaten in Europa stationiert.Passend zum Artikel
USA stoppen Truppenverlegung nach Polen: Affront gegen den "Vorzeigealliierten"
Warschau hatte gehofft, dass die aus Deutschland abgezogenen Soldaten die amerikanische Präsenz in Polen verstärken würden. Doch auch dort will das Pentagon die Truppenstärke reduzieren. Der Entscheid löst in Washington und Warschau Unverständnis aus.











