Der Streaming-Anbieter Netflix ist berühmt geworden dafür, wie schlecht er Filme und Serien zusammenfasst. Über die Serie The Office etwa steht dort, dass es »um den Alltag verdrossener Büroangestellter eines Papiergroßhändlers« gehe. Das macht Lust! Über meine Lieblingsserie The Great schreibt Netflix, es handle sich um eine »satirische Dramedy«, in der Katharina die Große über eine schlechte Ehe zur russischen Herrscherin aufsteige. Ich denke mindestens einmal am Tag an diese Serie, ich habe vor Lachen geweint und manchmal auch, weil die Handlung so traurig war. Ich hätte mir die Serie auf Grundlage dieser Zusammenfassung aber niemals angeschaut.Aber sind wir nicht alle ein bisschen Netflix? Denn seit Jahren beobachte ich in meinem Freundinnen- und Bekanntenkreis, wie schwierig es geworden ist, über Serien zu sprechen – also über das, was wir uns allabendlich auf dem Sofa ansehen. Das hat zunächst einen offensichtlichen Grund: Das Angebot ist riesig geworden. Es ist also unwahrscheinlicher als jemals zuvor, dass ein anderer Mensch in meinem Bekanntenkreis dieselbe Serie verfolgt. Früher gab es noch die festen Säulen der Unterhaltung, das Fernsehprogramm. Als die Schwarzwaldklinik in den Achtzigerjahren im ZDF lief, sahen an einem einzigen Abend fast 28 Millionen Menschen zu – es ist die Serie mit den höchsten Einschaltquoten, die je in Deutschland ermittelt wurde.Heute hätte es die Schwarzwaldklinik viel schwerer. Das Angebot hochwertiger Serien ist in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten sprunghaft gewachsen, weswegen diese auch als eine Goldene Ära des Fernsehens bezeichnet werden. Kamen Ende der 2000er noch etwa 200 neue englischsprachige Serien oder Serienfortsetzungen jährlich auf den Markt, waren es in den vergangenen Jahren oft zwischen 500 und 600, wie eine Untersuchung im Auftrag des Disney-Konzerns ergab.Wie viele Menschen sich diese Produktionen wiederum anschauen – damit gehen die Plattformen teilweise intransparent um, sie geben nur einzelne Zahlen für bestimmte Märkte heraus. Die nicht nur von mir hochgelobte Serie The White Lotus hatte bei der zweiten Staffel aber beispielsweise etwa 15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer in den USA – etwa halb so viele wie eine Folge der Schwarzwaldklinik in Deutschland an einem einzigen Abend.Die Goldene Ära des Fernsehens hat also mehrere Folgen. Es war nie so leicht wie heute, eine hervorragende Serie zu finden. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer kann, je nach Stimmung, eine feinjustierte Entscheidung treffen. Braucht er gerade Wärme, will er unterhalten werden, will er Trost, will er Spannung, will er Drama, will er alles? Gleichzeitig war es aber auch nie so leicht, monatlich einen fast dreistelligen Betrag für Streaming-Plattformen auszugeben, besonders, wenn man auch noch gern Sport schaut. Und fast unmöglich, sich über das Gesehene im Anschluss auszutauschen.Dabei versuchen meine Freundinnen und Freunde es redlich. Sitzen wir zusammen, fragen wir uns jedes Mal gegenseitig ab, was der andere gerade schaut, immer hungrig nach guten Empfehlungen. Aber dann klingt das, was wir uns gegenseitig vortragen, eben leider meistens wie eine Netflix-Zusammenfassung. Ich habe es zum Beispiel bei The Bear probiert. »Eigentlich geht es da so um Sternegastronomie oder besser um so ein Sandwichlokal in Chicago«, erzählte ich. »Es ist immer irgendwie sehr stressig, und alle schreien sich so an. Aber in der tollsten Folge, da war eine Mitarbeiterin schwanger. Und irgendwann kam dann ihre Mutter ins Krankenhaus, mit der sie ein fürchterliches Verhältnis hat, aber während der Geburt waren sie sich auf eine irre intensive Weise nah, so etwas habe ich noch nie gesehen.«In diesen Momenten merke ich, wie gern mich meine Freundinnen und Freunde haben müssen – weil sie mich nach solchen Monologen liebevoll anschauen und anlügen. »Das klingt super!«, antwortete eine Freundin. »Das muss ich unbedingt gucken«, sagte ein Freund.So zu tun, als würden die Serienzusammenfassungen der Freundinnen und Freunde irgendeinen Sinn ergeben, ist ein Freundschaftsdienst geworden, den auch ich regelmäßig leiste. Erzählen mir meine Lieblingsmenschen von ihren Lieblingsserien, in denen »Schatzsucher mit so Metallpiepsgeräten auf Feldern nach Schätzen suchen, aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes«, oder in denen »sich alle um das Medienunternehmen streiten, so eine Dynastie, und eigentlich mag man niemanden so richtig, aber dann mag man die Menschen kurz doch«, hole ich mein Handy hervor und öffne die Notizen-App. »Das kommt sofort auf meine Liste, wie heißt die Serie noch mal?«, sage ich und fange an, den Namen einzutippen. Für mich ist es die höflichste Art, Interesse zu signalisieren – um später in Ruhe nachlesen zu können, worum es da wirklich geht und ob mich das interessieren könnte.Dass unsere spontanen Nacherzählungen so schlecht sind, ist aber auch kein Wunder. Serien folgen längst keinen einfachen Erzählstrukturen mehr, also lassen sie sich auch schlecht zusammenfassen. Sie haben parallele oder verflochtene Handlungsstränge, die unterschiedlich stringent verfolgt werden. Oft stehen eher komplexe Charakterentwicklungen als ein eigentlicher Handlungsfortschritt im Mittelpunkt. Als Blaupause für diese Erzählstruktur gilt die Serie The Sopranos, die ab Ende der Neunzigerjahre aus­gestrahlt wurde. (Es geht in der Serie irgendwie um die Mafia, genauer kann ich es leider nicht erklären, weil ich sie mir nie angeschaut habe.)Eigentlich sind erzählte Geschichten, egal in welcher Form, ja wie ein Feuer, an dem sich Menschen gemeinsam wärmen können. Über Jahrtausende hinweg wurden Geschichten weitgehend mündlich überliefert und spielten sich deswegen immer im Austausch ab. Schon in der Antike gab es wichtige gemeinsame Referenzpunkte, die Ilias von Homer zum Beispiel, deren Handlung, auch durch Nacherzählungen, vielen Menschen vertraut war. Der Philosoph Platon zitierte Homer in seinen Werken manchmal absichtlich falsch – für seine griechischen Mitbürger entstanden dadurch Codes, die sie entschlüsseln konnten. Das Abweichen von der vertrauten Geschichte war mit Bedeutung aufgeladen. Später kam der Buchdruck, noch später kamen die Buchclubs, in denen Romane und Thesen nachbesprochen wurden.Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Kultur immer mehr in Filterblasen konsumiert wird, der Austausch darüber immer schwieriger wird, die Gespräche in betretenem Schweigen enden? Verweben gemeinsame Referenzpunkte nicht Gesellschaften und Generationen? Gerade weil ich mich mit Menschen über Kultur austauschen könnte, mit denen ich mich politisch vielleicht streiten würde? Ich merke, wie mühelos ich mit Menschen, die ein ähnliches Geburtsjahr haben wie ich, über unsere Neunzigerjahre-Kindheit sprechen kann, über Wetten, dass . . ? und Domino Day, über die Serien Die Simpsons und Friends. In diesen Gesprächen bauen wir Brücken, wir verstehen Anspielungen, lachen.Heute fühle ich mich bei den etwa acht Stunden pro Woche, die ich Serien schaue, nicht mehr wie an einem Lagerfeuer, sondern wie ein Bär, der zurückgezogen in seiner Höhle liegt. Und wie sehr ich mich nach dem Lagerfeuer sehne, merke ich etwa daran, dass ich mir sofort Serien und Filme ansehe, bei denen ich das Gefühl habe, dass doch einmal viele Menschen einschalten. Als einen Sommer lang lauter Leute für den Film Barbie ins Kino gingen und im vergangenen Winter so viele über die Haftbefehl-Dokumentation diskutierten, war da auf einmal wieder dieses Glühen.Eigentlich war das jetzt alles nur eine lange Rede, um zu sagen: Können wir alle uns bitte absprechen, welche Serie wir als nächste schauen? Bild: GrafiluDorothea Wagner hat sich über die Nachricht gefreut, dass die Kaulitz-Zwillinge Wetten, dass . .? moderieren werden – in der Hoffnung, dass sich dann möglichst viele Menschen verschiedener Generationen vor einem Fernseher versammeln.