Die Gesellschaft mag polarisiert sein, doch auf eines können sich fast alle einigen: Die jetzige Bundesregierung kann es nicht. 87 Prozent der Deutschen sind nach einer jüngsten Umfrage unzufrieden mit ihrer Arbeit. Viele Kommentatoren scheinen die Koalition bereits nach einem Viertel der Legislaturperiode abgeschrieben zu haben und mit aller Macht ihr Ende herbeireden zu wollen: „Ein missglückter Start“ war zum einjährigen Dienstjubiläum vor einer Woche noch das freundlichste Urteil. Auch Regierungsvertreter trauen sich kaum noch, von ihrer getanen Arbeit zu sprechen, ohne reumütig Besserung für die Zukunft zu geloben. Schwarz-Rot-Bashing ist zum Volkssport geworden.Das war Ampel-Bashing allerdings auch schon. Der unbeliebteste Bundeskanzler aller Zeiten vor Friedrich Merz hieß Olaf Scholz, die unbeliebteste Bundesregierung vor der jetzigen war die vorherige. Kollektives Aufatmen begleitete den Bruch der Koalition aus SPD, FDP und Grüne vor anderthalb Jahren. Die Ampel wiederum war die Reaktion auf eine (damals noch sogenannte) Große Koalition, die zwar über aus heutiger Sicht beneidenswerte Zustimmungswerte verfügte, derer die Wähler im Sommer 2021 aber nach allgemeiner Einschätzung dennoch überdrüssig waren.Auch Starmer und Macron so unbeliebt wie nieHaben wir also singuläres Pech mit unseren Regierungen gehabt? Ein Blick ins Ausland zeigt, dass die Deutschen mit ihrer Unzufriedenheit nicht allein dastehen. In derselben Woche, in der Schwarz-Rot seinen traurigen Geburtstag beging, erlitt die Labour-Partei in Großbritannien eine krachende Niederlage bei den Kommunalwahlen. Die Regierung von Keir Starmer war vor zwei Jahren ohnehin vor allem deswegen ins Amt gekommen, weil ihre konservative Vorgängerregierung in der kollektiven Wahrnehmung abgewirtschaftet hatte. Seit Jahren geht es in Westminster fast nur noch um die Frage, wie lange sich der jeweilige Premierminister wohl noch an der Macht halten kann. Liz Truss musste 2022 sogar schon nach 45 Tagen wieder gehen.Unter großem Druck: der britische Premierminister Keir StarmerdpaDem Club der jeweils unbeliebtesten Regierungschefs aller Zeiten könnte neben Merz und Starmer auch Emmanuel Macron beitreten. 2017 hoffnungsvoll gestartet, unterbietet er mittlerweile selbst die Zustimmungswerte seines Vorgängers François Hollande, der am Ende seiner Amtszeit so unpopulär war, dass er sich gar nicht erst zur Wiederwahl stellte. Donald Trumps Unbeliebtheit nährt sich langsam jener von Richard Nixon an – als dieser kurz vor seinem Rücktritt stand. Und selbst Premierminister, die persönlich über ordentliche Werte verfügen, wie Giorgia Meloni in Italien oder Pedro Sánchez in Spanien, führen Regierungen an, die von einem Großteil der Bevölkerung negativ bewertet werden oder nicht einmal mehr über eine parlamentarische Mehrheit verfügen.In jedem einzelnen Fall gibt es gute und spezifische Gründe für diese Unzufriedenheit. Starmer wirkt ebenso farblos wie Scholz; Merz hat die großen Reformen bislang von einer Jahreszeit auf die nächste verschoben, Macron sich durch die Auflösung der Nationalversammlung 2024 leichtsinnig jeden Gestaltungsspielraum genommen; von Trumps erratischem Handeln ganz zu schweigen. Doch wenn sich Regierungen von so unterschiedlicher politischer Couleur in den großen westlichen Ländern so ähnlich schwertun, muss man fragen, ob das wirklich daran liegt, dass seit einigen Jahren nur noch Versager an der Macht sind.Langfristiger Abwärtstrend des WestensViel spricht dafür, dass die wahren Ursachen der Misere tiefer liegen. Das Wirtschaftswachstum in den OECD-Staaten ist seit den Sechzigerjahren kontinuierlich zurückgegangen. Ob es bei 0,5 oder 1,5 Prozent liegt: Hier kann die Politik einen Unterschied machen. Doch der langfristige Abwärtstrend ist zu einem guten Teil auf Faktoren wie den demographischen Wandel zurückzuführen, die eine einzelne Regierung kaum beeinflussen kann. Und selbst wenn das Wachstum einmal vergleichsweise hoch ist, wie in den USA unter Joe Biden, garantiert das noch nicht den Erfolg der politisch Verantwortlichen.Denn zu den ökonomischen kommen kulturelle Konflikte. Als Folge der Liberalisierung der vergangenen Jahrzehnte sehen sich viele Gesellschaften in einem Zwiespalt gefangen, einem Zwiespalt zwischen den Rechten der Individuen und dem Interesse am Fortbestehen von gemeinschaftlichen Traditionen. So entstehen Kulturkämpfe, die überall spalterisch wirken und in denen es für die Regierenden meist mehr zu verlieren als zu gewinnen gibt.Auch das abnehmende Gewicht des Westens in der internationalen Politik trägt zweifellos zum allgemeinen Abstiegsgefühl bei – eine weitere Entwicklung, die eine Regierung vielleicht abfedern, aber nicht umkehren kann. Begleitet wird all dies von einer seit Jahren zunehmenden, sehr grundsätzlichen Unzufriedenheit mit der Funktionsweise der repräsentativen Demokratie. Wie sich die nationale Politik an die Bedingungen der Globalisierung anpassen kann, ohne sich dabei von den Bürgern zu entfernen: Dafür hat noch niemand eine überzeugende Lösung gefunden.Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen muss man auch die Arbeit von Schwarz-Rot bewerten. Auf den Feldern, auf denen die Regierung etwas verändern kann, scheint sie in diesem Frühjahr auf keinem schlechten Weg zu sein. Wenn sie das bei der Gesundheitsreform an den Tag gelegte Tempo beibehält, dürften bis zur Sommerpause auch Gesetzesentwürfe zu den Themen Rente, Steuer, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau vorliegen. Fraglich ist freilich, ob das der Koalition in der Gunst der Bevölkerung helfen wird. Denn bislang sind die Deutschen sehr gut darin, Reformen zwar im Allgemeinen vehement zu fordern, Einschnitte im Einzelnen aber ebenso vehement zurückzuweisen. Es ist, als warte das Land weiter auf den Politiker mit dem Zauberstab.Die fetten Jahre aber wird keine Bundesregierung so schnell zurückbringen. Die entscheidende Frage lautet daher: Können wir uns das eingestehen, der Koalition einen Vertrauensvorschuss geben und durch kollektive Anstrengungen dafür sorgen, dass sich die Lage zumindest nicht dramatisch verschlechtert? Oder lassen wir unsere Erwartungen weiter wachsen, verheizen eine Regierung nach der anderen – um uns schließlich als scheinbar letzten Ausweg in die Hände der Populisten zu begeben? Das wäre nicht weniger als Selbstmord aus Angst vor dem Tod.