PfadnavigationHomeRegionalesHamburgEntfremdung zwischen Politik und GesellschaftSo wollen Stiftungen unsere Demokratie im Alltag rettenStand: 07:49 UhrLesedauer: 5 MinutenFriederike von Bünau ist Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen, Foto: David AusserhoferBeim Deutschen Stiftungstag beraten Vertreter aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft darüber, wie Stiftungen demokratische Strukturen stärken. Mit Sorge blickt der Bundesverband auf die Debatte um das umstrittene Bundesprogramm „Demokratie leben!“.Europas größter Stiftungskongress rückt das Thema „Aus Freiheit handeln“ in den Mittelpunkt. In 100 Programmpunkten suchen Referenten aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft am 20. und 21. Mai im Congress Center Hamburg nach Antworten darauf, wie Stiftungen als Teil der Zivilgesellschaft Freiräume für Tatkraft und Innovation schaffen und dabei Verantwortung übernehmen. Neben Vertretern aus Stiftungen werden etwa die ehemalige Cum-Ex-Ermittlerin Anne Brorhilker, der Entertainer Hape Kerkeling sowie der Psychiater Manfred Lütz als Gäste auf der Bühne erwartet.„Freiheit ist für Stiftungen kein abstrakter Wert, sondern ihr Betriebsmodell“, sagt die Generalsekretärin des veranstaltenden Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Friederike von Bünau, im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. Sie erklärt: „Menschen entscheiden eigenverantwortlich, ihr Vermögen dauerhaft dem Gemeinwohl zu widmen. Freiheit ist aber auch gesellschaftlich unter Druck – durch Polarisierung, Regulierung und schwindenden gesellschaftlichen Konsens.“ Das Thema des Stiftungstages stehe für Verantwortung übernehmen, gestalten und Haltung zeigen.Lesen Sie auchLaut Generalsekretärin von Bünau ist Hamburg ein „Sinnbild für die Tradition einer engagierten Bürgergesellschaft und damit ein idealer Ort für den Deutschen Stiftungstag“. So zählt die Elbmetropole hierzulande zu den bedeutendsten Stiftungsstandorten: Sechs der finanzstärksten Stiftungen haben dort ihren Sitz und investierten 2024 gemeinsam rund 564 Millionen Euro in das Gemeinwohl. Insgesamt gibt es in Hamburg mehr als 1500 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts. Das entspricht einer Stiftungsdichte von 83 Stiftungen je 100.000 Einwohnern und ist bundesweit Spitzenwert. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 32. Als Demokratieträger sind Stiftungen aus Sicht des Bundesverbandes gerade derzeit relevant. „Demokratie entsteht im Alltag – im Verein, in der Kulturinitiative, im Jugendzentrum. Stiftungen stärken diese lokale Infrastruktur des Vertrauens“, betont von Bünau. Demnach arbeiten 80 Prozent regional, mehr als 400 Stiftungen wirken vor Ort, wie eine repräsentative Befragung des Bundesverbandes belegt. Bünau weiter: „Stiftungen können langfristig denken, unabhängig agieren und vielfältige Themen aufgreifen.“ Obwohl nur etwa ein Prozent Demokratieförderung als Satzungszweck führte, engagierten sich zwei Drittel der Stiftungen in diesem Feld über soziale, kulturelle oder Bildungsprojekte.Mit Sorge blickt von Bünau indes auf die Debatte um das Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Dabei handelt es sich um eine Initiative des Bundesfamilienministeriums, die Projekte gegen Extremismus und für Vielfalt fördert, wobei Stiftungen als Projektträger fungieren. Während die Regierung eine effizientere Mittelverwendung anstrebt, warnen zivilgesellschaftliche Akteure vor dem Wegfall der Förderung für rund 200 Projekte und einer Schwächung der Demokratiearbeit gegen Rechtsextremismus. „Geht nicht mehr nur um Inhalte und Förderhöhen“Nach Plänen des Ministeriums von Karin Prien (CDU) sollen künftig Projekte gegen Antisemitismus, islamischen Extremismus und Linksextremismus deutlich stärker berücksichtigt werden als solche gegen Rechtsextremismus. „Ich nehme eine erhebliche Entfremdung zwischen Teilen der Union und Teilen der organisierten Zivilgesellschaft wahr. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Inhalte und Förderhöhen – oft geht es vor allem um Kommunikation und grundsätzliche Signale“, sagt Bünau. In einer Demokratie sei es legitim, dass eine neue Bundesregierung Programme überprüfe, Prioritäten verändere und Förderstrukturen neu aufstelle. „Aber für viele bislang geförderte Organisationen sind Timing und Begründung der Veränderungen schwer nachvollziehbar. Gleichzeitig tragen die Organisationen selbst Verantwortung durch Transparenz und wirksame Förderpraxis“, so von Bünau. Sie fordert deshalb, dass „wir umso dringender ein gemeinsames Verständnis und vielleicht eine Rollenklärung davon brauchen, was Zivilgesellschaft in ihrer Vielfalt in einer liberalen Demokratie leisten soll“. Das Programm „Demokratie leben!“ steht seit langem in der Kritik, verfügte 2024 aber über einen Topf von 182 Millionen Euro. Zuletzt hatte es einen Skandal um ein von der Amadeu-Antonio-Stiftung gefördertes Schulprojekt in Sachsen gegeben – die Stiftung erhält ebenfalls Gelder aus „Demokratie leben!“.Dabei seien beim Erstellen einer Collage zum Thema Mut Schülern einer neunten Klasse von zwei Pädagoginnen aus Berlin, die sich als „non-binäre Personen“ vorstellten, Bastelmaterialien wie Hefte und Zeitschriften zur Verfügung gestellt worden. Darunter befand sich pornografisches Material, das Männer beim Oralsex zeigte. Lehrer waren zu der Zeit nicht anwesend. Nach Hinweisen von Eltern stoppte die Stiftung das Projekt. Der Vorfall löste Kritik an der Förderpraxis aus.Lesen Sie auchUnabhängig von diesem Fall verbinden Stiftungen aus Sicht des Bundesverbandes langfristige Perspektiven mit Gestaltungsfreiheit. „Sie können Risiken eingehen, neue Ideen erproben und dort investieren, wo Erfolg nicht nach einem Haushaltsjahr oder Quartalsbericht messbar sein muss“, erklärt von Bünau. Viele soziale Innovationen entstünden heute an Schnittstellen, etwa von universitärer Forschung und Sozialunternehmen, oder Kommunen und Zivilgesellschaft vor Ort. Stiftungen könnten hier wichtige Brückenbauer sein.„Dadurch wirken sie als Impulsgeberinnen für soziale, kulturelle, wissenschaftliche und technologische Innovationen“, so die Generalsekretärin. Gleichzeitig schaffen Stiftungen vor Ort Räume des Dialogs, fördern Engagement und stärken gesellschaftlichen Zusammenhalt.Vielfalt als Stärke verstehenDie vielleicht größte Stärke ihrer Mitgliedschaft erkennt von Bünau in der enormen Vielfalt – in Größe, Struktur, Wirkungsradius und Themen. „Wir haben unter unserem Dach Stiftungen, die Schulen gründen, die Krankenhäuser betreiben, Spitzenforschung finanzieren, Kulturerbe erhalten, Start-ups fördern oder im ländlichen Raum dafür sorgen, dass Begegnungsorte erhalten bleiben.“Da sei Platz für den „ganz großen gesellschaftspolitischen Veränderungsanspruch, und genauso für Themen, die auf den ersten Blick vielleicht nischig wirken, aber für eine bestimmte Zielgruppe hochrelevant sind“. In diesem Zusammenhang erwähnt von Bünau etwa die Deutsche Stiftung Musikleben in Hamburg, die jungen Talenten Stipendien und wertvolle Musikinstrumente zur Verfügung stellt.„Mich persönlich bewegt die Arbeit der Margot Friedländer Stiftung sehr. Eine 101-jährige Holocaust-Überlebende stiftet große Teile ihres Privatvermögens, um Erinnerung, Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie auch für eine Zeit ohne Zeitzeugen zu sichern – das zeigt doch sehr eindrucksvoll, was Stiften im besten Sinne sein kann.“
Entfremdung zwischen Politik und Gesellschaft: So wollen Stiftungen unsere Demokratie im Alltag retten - WELT
Beim Deutschen Stiftungstag beraten Vertreter aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft darüber, wie Stiftungen demokratische Strukturen stärken. Mit Sorge blickt der Bundesverband auf die Debatte um das umstrittene Bundesprogramm „Demokratie leben!“.






