Immer mehr Bakterien sind in Indien resistent gegen Antibiotika – es braucht dringend neue MedikamenteAntibiotikaresistenzen sind ein ernstes Problem in Indien. Die Erreger passen sich schneller an, als es der Pharmaindustrie gelingt, neue Medikamente auf den Markt zu bringen. Doch nun gibt es einen Hoffnungsschimmer.16.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenSzene in einer Apotheke in Kolkata: In Indien ist die Regulierung von Antibiotika lax. Oft erhält man die Medikamente auch ohne Rezept.Sahiba Chawdhary / ReutersMahesh Patel hat einen langen Atem gebraucht. Fast dreissig Jahre hat der indische Mikrobiologe an der Entwicklung neuer Antibiotika geforscht, bevor seinem Team der Durchbruch gelungen ist. Der Grund für den langen Vorlauf sei, dass neue Antibiotika eine ganze Reihe von Anforderungen erfüllen müssten, erklärt Patel im Gespräch. Nicht nur sollten sie gegen eine breite Palette von Bakterien Wirkung zeigen, sondern auch in verschiedenen Organen des Körpers einsetzbar sein. Da die richtige Formel zu entwickeln, brauche viel Zeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zeit ist jedoch knapp. Denn es braucht dringend neue Antibiotika. Die bisherigen Präparate sind immer weniger wirksam. Viele Bakterien haben sich über die Jahre so sehr angepasst, dass ihnen mit den üblichen Medikamenten kaum noch beizukommen ist. Immer mehr Erreger sind selbst gegen die modernsten Antibiotika resistent. Infektionen, die einst gut behandelbar waren, erweisen sich als tödlich. Experten mahnen, der Welt drohe ein Rückfall in die Zeit vor der Entdeckung des Penicillins.Antibiotikaresistenzen sind auf der ganzen Welt ein Problem, doch nirgendwo mehr als in Indien. Das südasiatische Land ist nicht nur einer der grössten Konsumenten von Antibiotika in der Welt, sondern auch der grösste Produzent der Medikamente. So werden bis zu 90 Prozent aller Antibiotika weltweit in Indien hergestellt. Die Zunahme der Antibiotikaresistenzen in Indien hat viel mit dem übermässigen Konsum der Medikamente zu tun, aber auch mit deren Produktionsbedingungen.Seit Jahren kommen kaum neue Antibiotika auf den MarktLaut einer Studie von 2025 trugen in Indien 83 Prozent aller Patienten antibiotikaresistente Erreger in sich. Bei 23 Prozent wurden Bakterien gefunden, die selbst gegen die neusten Mittel immun sind. Wenn die Pharmaindustrie das Rennen gegen die Evolution der Bakterien nicht verlieren will, muss sie dringend neue Antibiotika entwickeln. Doch nur wenige Firmen forschen noch daran.«Bis in die 1990er Jahre haben die grossen Pharmakonzerne in der Schweiz, Deutschland, Japan und den USA regelmässig neue Antibiotika auf den Markt gebracht», sagt Patel. Doch obwohl Antibiotika lebensrettende Wirkung hätten, seien die Preise so niedrig, dass sie den Firmen nur wenig Geld einbrächten. Die Entwicklung neuer Antibiotika sei weniger profitabel als etwa die Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs. Viele Konzerne hätten daher ihre Forschung eingestellt.Als er 1998 bei der indischen Pharmafirma Wockhardt ein neues Programm zur Entwicklung von Antibiotika aufgebaut habe, hätten kaum noch andere Konzerne daran geforscht, sagt Patel. Mit der Auflösung der Forschungsteams sei viel Wissen verlorengegangen. Neue Teams aufzubauen, brauche Zeit. Bei Wockhardt habe man bewusst auf langfristige Kontinuität gesetzt, sagt Patel. Nur so habe man das nötige Wissen und die Erfahrung aufbauen können.Langfristige Strategie zur Erforschung neuer Antibiotika: die indische Pharmafirma Wockhardt mit ihren Towers in Mumbai.Dhiraj Singh / Bloomberg / Getty«Es ist wichtig, ein festes Team zu haben, das über lange Zeit zusammenarbeitet», sagt auch der Mikrobiologe Sachin Bhagwat, der mit Patel seit Anbeginn bei dem Forschungsprogramm in Aurangabad mitarbeitet. Heute arbeiten dort 150 Wissenschafter. «Die Herausforderung ist riesig, und sie wächst», sagt Bhagwat. Der Graben zwischen der Evolution der Bakterien und der Entwicklung neuer Antibiotika habe sich in den letzten dreissig Jahren ausgeweitet. Und es werde immer schwieriger, diesen Graben zu überbrücken.In Indien ist der Missbrauch von Antibiotika weit verbreitetDie Gründe für die Zunahme der Antibiotikaresistenzen sind vielfältig und komplex. Eine wichtige Ursache in Indien ist der unsachgemässe oder missbräuchliche Einsatz von Antibiotika. Viele Patienten in Indien erwarten, dass, wenn sie zum Arzt gehen, dieser ihnen ein Medikament gibt. Für die Ärzte ist es da oft das Einfachste, Antibiotika zu verschreiben. Denn diese sind günstig und leicht verfügbar. Oft werden Antibiotika selbst für Viruserkrankungen wie Grippe und Erkältungen verordnet, bei denen sie gar nicht wirksam sind.Vielfach beschaffen sich Patienten die Medikamente aber auch ohne vorherigen Arztbesuch. Es ist in Indien keine Seltenheit, dass Apotheker Antibiotika ohne Rezept herausgeben. Gerade auf dem Land sind sie kaum medizinisch geschult. Bisweilen empfehlen sie Antibiotika auch für harmlose Beschwerden wie Halsschmerzen. Viele Patienten nehmen die Tabletten dann nicht für den gesamten Zeitraum ein, so dass sie nicht ihre volle Wirkung entfalten können.Nach der Einnahme wird etwa die Hälfte der Antibiotika über Urin und Fäkalien unverändert ausgeschieden und gelangt so ins Abwasser. Dort können sich die Bakterien mit der Zeit an die Antibiotika anpassen und Resistenzen entwickeln. Nur 28 Prozent der Abwässer in den indischen Städten werden aufbereitet, auf dem Land gibt es gar keine Kläranlagen. So gelangen die Abwässer samt allen Antibiotikarückständen in Flüsse und Seen, aus denen Trinkwasser entnommen wird.Viele Hersteller leiten ihre Abwässer ungeklärt in die FlüsseAuch in Spitälern landen grosse Mengen Antibiotika im Abwasser. Zwar könnten mit den richtigen Kläranlagen bis zu 85 Prozent der Rückstände herausgefiltert werden. Doch nur 45 Prozent der indischen Spitäler verfügen über die nötigen Anlagen. Und auch bei der Herstellung von Antibiotika gelangen viele Abfälle in die Umwelt.Eines der Zentren der Pharmaindustrie ist die südindische Stadt Hyderabad. Viele der dortigen Pharmafirmen scheuen die aufwendige Aufbereitung der Abwässer und leiten diese nur unzureichend gefiltert in Flüsse und Seen. Schon 2007 fanden europäische Forscher, dass in den Gewässern rund um die Stadt das Antibiotikum Ciprofloxacin und ein knappes Dutzend weitere Medikamente in hoher Konzentration vorkamen. Spätere Studien bestätigten die Ergebnisse.Im Pharma-Zentrum Hyderabad im Süden Indiens gelangen seit Jahren unzureichend gefilterte Abwässer in die lokalen Flüsse und Seen - und damit grosse Mengen Antibiotika.Rajastills / ImagoTeilweise waren die Seen um Hyderabad derart verseucht, dass sämtliche Fische starben. Umliegende Felder, die aus den Seen bewässert wurden, wurden unfruchtbar. Bauern klagten nach der Arbeit auf den Äckern über Hautinfektionen, die sich kaum behandeln liessen, da die Erreger gegen die üblichen Antibiotika resistent waren. Die Pharmakonzerne und die Behörden reagierten nur zögerlich auf das Problem. Verbände zogen die Ergebnisse der Studien in Zweifel und warfen den westlichen Autoren vor, der indischen Industrie schaden zu wollen. Noch heute sind die Gewässer um Hyderabad schwer belastet.Die Evolution von Bakterien ist ein unvermeidbarer ProzessExperten fordern, dass der Verkauf, der Einsatz und die Produktion von Antibiotika in Indien strenger reguliert werden sollten. Patel und Bhagwat betonen aber, dass es unvermeidbar sei, dass sich Bakterien an Antibiotika anpassten und Resistenzen entwickelten. «Die Evolution von Organismen ist ein natürlicher Prozess», sagt Bhagwat. Man könne ihn allenfalls verlangsamen, aber nicht ganz stoppen. Auch in Ländern wie den USA, wo der Einsatz von Antibiotika viel strenger reguliert sei, entwickelten sich Resistenzen – vor allem in Spitälern. Es werde daher immer wieder neue Medikamente brauchen.Es sei wichtig, nicht die gleichen Antibiotika über dreissig, vierzig Jahre zu verwenden, ergänzt Patel. Sonst passten sich die Organismen mit der Zeit an. Die Ärzte benötigten eine grössere Auswahl, um variieren zu können. Viele etablierte, sichere Antibiotika würden mittlerweile nicht mehr wirken, sagt Bhagwat. «Die Verzweiflung ist inzwischen so gross, dass die Ärzte wieder auf alte, toxische Antibiotika zurückgreifen, die normalerweise nicht mehr verschrieben werden.»Jedes Jahr sterben in Indien Hunderttausende Patienten, weil es für sie keine wirkungsvollen Antibiotika gibt. Längst sind multiresistente Keime auch in Spitälern in Europa ein ernstes Problem. Durch Reisen verbreiten sich die Bakterien immer weiter in der Welt. Stiftungen, Regierungen und die Weltgesundheitsorganisation haben in den letzten Jahren Förderprogramme aufgelegt, um die Forschung an neuen Antibiotika zu unterstützen. Doch die Entwicklung neuer Medikamente hält mit der Evolution der Erreger nicht Schritt.Der Aufwand zur Entwicklung neuer Medikamente steigtDa ist es ein Hoffnungsschimmer, dass es Wockhardt gelungen ist, ein vielversprechendes neues Antibiotikum zu entwickeln. Die Forscher sprechen von einem «Game-Changer», der die Art der Behandlung in den Intensivstationen verändern werde und die Sterblichkeit deutlich reduzieren könne. «Es ist eine gänzlich neue Klasse von Antibiotika», sagt Habil Khorakiwala, der Gründer und Chef von Wockhardt bei einem Interview in der Firmenzentrale in Mumbai.Habil KhorakiwalaPDDas letzte Mal, dass eine neue Klasse von Antibiotika entwickelt worden sei, sei vor mehr als dreissig Jahren gewesen, sagt der 84-Jährige. Das neue Medikament namens Zaynich werde gegen 90 Prozent der multiresistenten Bakterien wirksam sein. Die Hoffnung sei, dass es damit möglich werde, den Graben etwas zu schliessen, der sich in den letzten dreissig Jahren zwischen der Evolution der Bakterien und der Entwicklung neuer Antibiotika aufgetan habe.Das neue Medikament ist bereits auf freiwilliger Basis bei mehreren tausend Patienten eingesetzt worden – mit sehr guten Ergebnissen, wie die Forscher sagen. Noch ist Zaynich in der Testphase. Khorakiwala erwartet aber, dass es in den nächsten Monaten in der EU, den USA und Indien die Zulassung erhalten wird. Er ist sicher, dass Zaynich über die Jahre die Kosten wieder hereinholen werde. Denn der Bedarf an neuen Antibiotika sei gross und die direkte Konkurrenz gering.Es sei ihm bei der Investition in die Forschung nie allein um Profit gegangen, sondern auch darum, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, sagt Khorakiwala. Insgesamt habe Wockhardt bis heute 800 Millionen Dollar für die Entwicklung ausgegeben. Die Kosten für die Forschung sind in Indien deutlich geringer als etwa in der Schweiz. Der Firmengründer hofft nun, auf der gewonnenen Erfahrung aufbauen zu können. Doch er macht sich keine Illusionen: Die Entwicklung neuer Medikamente werde mit jedem Mal nur noch schwieriger werden.Passend zum Artikel