Die Erzrivalität ist derart unerschütterlich, dass sie sogar einen eigenen Namen hat: „Old Firm“. Die Bedeutung leitet sich nicht von einem Unternehmen ab, sondern eher von den Adjektiven alt und beständig; sie bezeichnet die fast 150 Jahre währende Urkonkurrenz im schottischen Fußball zwischen den Glasgower Klubs Celtic FC und Rangers FC.Die beiden Vereine dominieren seit Menschengedenken die höchste schottische Fußballliga. Im vergangenen Jahrzehnt entschied Celtic neunmal die Scottish Premiership für sich, wie die Liga mittlerweile heißt, einmal standen die Rangers auf Platz eins. Beide Vereine haben seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert jeweils 55-mal die Meisterschaft geholt.Ihre Rivalität geht dabei weit über alles Fußballerische hinaus; sie hat religiöse, ethnische und soziale Wurzeln. Hinter den Begriffen Rangers und Celtic stehen angestammte Schotten einerseits und irische Arbeitsmigranten andererseits, Protestanten und Katholiken, schottisches Selbstbewusstsein und irisches Elend. Und die mehr als 400 Derbys sind nicht nur zu einer Fußball-Erzählung geworden, sondern auch zu einem langen Polizeibericht, der Provokationen auf und jenseits des Spielfelds, Rangeleien zwischen Fans und vielerlei Grobheiten verzeichnet.Erster Titel für die Hearts in GefahrAm Ende der aktuellen Fußballsaison aber ist plötzlich alles anders – und doch ähnlich. Celtic FC ist der gewohnte Gegner abhandengekommen. Vor dem letzten Spieltag an diesem Wochenende sind die Rangers auf Platz drei der Tabelle zurückgefallen, Celtic selbst hat nur den Verfolgerrang inne, einen Punkt hinter dem Erstplatzierten – einem Klub, der auf den poetischen Namen Heart of Midlothian hört, was übersetzt und erklärt etwa „Das Herz der Grafschaft Mittel-Lothian“ bedeutet und einigermaßen umständlich auch für den knappen Begriff Edinburgh stehen könnte, die schottische Hauptstadt also.An diesem Samstag treffen Celtic und die „Hearts“, wie der Klub aus Edinburgh üblicherweise genannt wird, im direkten Duell aufeinander (13.30 Uhr, DAZN/Sportdigital+) und entscheiden die Meisterschaft unter sich. Dass es überhaupt zu diesem Endspiel kommt, ist dabei schon einer Vorgeschichte voller Kontroversen zu verdanken. Am vorletzten Spieltag bekam Celtic tief in der Nachspielzeit einen umstrittenen Handelfmeter zugesprochen, der den 3:2-Sieg beim FC Motherwell sicherte – und die Hearts damit um einen komfortablen Vorsprung brachte.Wäre es beim 2:2 geblieben, hätten sich die Hearts am letzten Spieltag eine Niederlage mit zwei Toren Unterschied leisten können. Nun dürfen sie nicht verlieren. Trainer Derek McInnes sprach von einer „widerlichen“ Entscheidung, Kapitän Lawrence Shankland von einem bevorstehenden „Cup-Finale“ in Glasgow. Für den Verein wäre es die erste Meisterschaft seit 1960 und für die Liga der erste Titel überhaupt, der nicht an Celtic oder die Rangers geht, seit Sir Alex Ferguson 1985 mit dem FC Aberdeen triumphierte. Allerdings haben die Hearts diese Chance schon zweimal, 1965 und 1986, am letzten Spieltag vergeben.Rückkehr einer alten RivalitätKommt es diesmal anders? Mit einem Sieg in Glasgow könnten die Hearts auf den ersten Blick eigentlich eine ganz neue Fußball-Konkurrenz begründen, nämlich die zwischen dem Wirtschafts- und dem Verwaltungszentrum Schottlands. Stattdessen aber bietet das Endspiel im Celtic Park kulturell eine Wiederkehr der alten Rivalität im neuen Gewand. Auch jetzt tritt gegen die katholisch-irische Einwanderer-Tradition Celtics wieder ein protestantisch-schottischer Heimatverein an.Die Hearts, deren Gründung auf das Jahr 1874 datiert, stammen aus einem presbyterianisch-religiösen Milieu. Ihr umständlicher Klub-Name nimmt einen Romantitel des schottischen romantischen Schriftstellers Sir Walter Scott auf. Der entstand rund 50 Jahre vor der Gründung des Klubs und schildert unter anderem das Schicksal der sittlich und religiösen Romanfigur Jeanie Deans, die ihre unschuldige, wegen gewaltsamen Kindstods eingekerkerte Schwester vor der Hinrichtung bewahrt.Für die Hearts wäre es die erste Meisterschaft seit 1960.ReutersNach Jeanie Deans wurden später in Schottland Pubs, Eisenbahnlokomotiven, eine Rosenzüchtung und eine geriatrische Krankenhausstation benannt – der Fußballklub suchte sich stattdessen eben den Buchtitel aus. Er entlehnte sein Wappen einem herzförmigen Mosaik, das in Edinburgh auf der Hauptstraße der Altstadt, der Royal Mile, an jener Stelle ins Straßenpflaster eingelassen ist, an der einst der Gerichts- und Gefängnisbau stand, in dem Jeanies Schicksal spielt.Löwe gegen KleeblattWappen und Farben bieten im schottischen Fußball oft noch mehr Symbolkraft, als das im Vereinigten Königreich anderswo ohnehin der Fall ist. Celtic etwa – der irisch/katholische Klub, der lange Zeit nur katholische Spieler unter Vertrag nahm – kleidet seine Mannschaft in irisches Smaragdgrün und trägt das vierblättrige Kleeblatt im Wappen, das irische Blumensymbol also. Die Rangers haben hingegen den „wilden Löwen“, ein mittelalterliches schottisches Herrschaftssymbol, in ihrem Wappensiegel. Die politische Orientierung der Klubs wird überdies an den Flaggen deutlich, die Fans während der Spiele im Stadion wehen lassen. Bei den Rangers ist der Union Jack, also die britischen Farben, üblicher als der Saltire, das weiße Andreaskreuz auf blauem Grund. Und bei Celtic flattert die grün-weiß-orange irische Trikolore, und aktuell auch die blau-weiß-schwarz gestreifte Palästina-Flagge mit dem roten Keil – Solidaritätsausdruck einer Nation, die ihre eigene Identität aus einer kolonialen Opferrolle bezieht.Übrigens hat auch Edinburgh einen grünen, also irischen, Fußballklub, die Hibernians, kurz „Hibs“. Sie sind der Lokalrivale der „Hearts“. Gemeinsam bilden sie dieselbe Schlachtordnung wie Celtic und Rangers, sind in unzähligen Derbys gegeneinander angetreten und bewahren dieselben kontroversen kulturellen Traditionen, bloß mit weniger verbissenem Eifer. Der Hibernian Football Club – Hibernia ist der lateinische Begriff für Irland – war sogar der erste Fußballklub in Schottland, der von der katholisch-irischen Minderheit im Jahre 1875 gegründet wurde. Die katholischen Geistlichen, die in Glasgow zwölf Jahre später Celtic ins Leben riefen, orientierten sich an diesem Vorbild. Auch die Hibernians spielen in grünem Dress, auch sie haben ein irisches Symbol – die Harfe – in ihrem Vereinswappen.Und auch die „Hibs“ haben einen eigenen Anteil an der schottischen Fußball-Glorie: Sie waren das erste britische Team, das in einem europäischen Wettbewerb spielte, in der Saison 1955/56 im Europapokal der Landesmeister. Hibernian gewann damals das erste internationale Spiel gegen Rot-Weiss Essen und schied erst im Halbfinale aus.
Schottland: Beendet Heart of Midlothian die Celtic-Vorherrschaft?
Der schottische Tabellenführer Heart of Midlothian kann im direkten Duell mit Celtic Glasgow seine erste Meisterschaft seit 66 Jahren gewinnen – und damit eine Vorherrschaft beenden, die das Land seit Jahrzehnten prägt.











