AAls ich im November 2018 meine erste Getränkekolumne schrieb – Thema: Champagner –, hatte ich keine Ahnung, wie sich diese Rubrik auf mein Leben auswirken würde. Ich wohne immer noch in München und parke weiter so oft im Halteverbot, dass manchmal gleich mehrere Strafzettel unter dem Scheibenwischer klemmen – aber etwas ist dazugekommen, ein Druck, dem man als Kolumnist permanent ausgesetzt ist. Kaum hat man einen Text fertig, muss man schon den nächsten schreiben, dabei muss ich nur alle vier Wochen ran, ich kann Ihnen sagen, mein Respekt vor dem Kollegen Axel Hacke ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert.Meistens lauert dieser Druck im Hintergrund, aber ganz weg ist er nie. Wie auch? Nach neunzig eigenen Kolumnen (und weiteren 254 meiner Kolleginnen und Kollegen) wird es immer kniffliger, die gängigen Drinks sind abgehandelt, neue muss man erst mal finden, probieren, sacken lassen. Natürlich könnte ich ein zweites Mal über mein Lieblingsgetränk (Spezi) schreiben, einfallen würde mir jede Menge, aber ich möchte niemanden langweilen, und überhaupt: Wie sieht denn das aus? Die Folge ist ein unentwegtes Fahnden nach einem Thema für die nächste Kolumne, die schon wieder dringend fertig werden muss.Längst stehen mehrere Cocktailbücher in meinem Regal, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich in einer Bahnhofsbuchhandlung Kulinarik- oder Trendmagazine durchblättere, auf Reisen frage ich grundsätzlich nach regionalen Schnäpsen, selbstverständlich wird in jeder Bar die Karte mit dem Handy fotografiert, mit dem Barkeeper geplaudert, dieses oder jenes gekostet. Überhaupt die vielen Barbesuche – anstrengend! Neulich war ich zwei Tage vor der Textabgabe so verzweifelt, dass ich ernsthaft über eine Eigenurintherapie nachdachte, gottlob kam mir in letzter Sekunde eine neue Idee, die nichts mit meiner Blase zu tun hat. Manchmal hat man auch einfach Glück, dann spielt einem der Zufall ein Thema in die Hände – ein Moment großer Erleichterung.Bei der Zeitungslektüre am Sonntagmorgen stolperte ich über eine Meldung: In dem mit sechs Oscars ausgezeichneten Film One Battle After Another taucht in einer Szene eine Flasche des Rotweins »Los Conejos Malditos« (»Die verfluchten Kaninchen«) auf. Seitdem, heißt es, könne sich der Hersteller, ein spanisch-deutsches Weingut in Toledo, vor Anfragen kaum retten, wahrscheinlich habe es mit dem Etikett zu tun, das ein räuberisches Kaninchen zeigt, das mit verbundenen Augen, eine Zigarette rauchend, an einen Marterpfahl gefesselt ist. Nachdem ich mich wieder mal gefragt habe, was für sonderbare Menschen es doch gibt, wusste ich: Das wird meine nächste Kolumne.Leider war die Meldung präzise recherchiert, denn als ich eine Flasche im Internet bestellen wollte – niemals würde ich über ein Getränk schreiben, ohne es probiert zu haben –, war sie bei sämtlichen deutschen Weinhändlern vergriffen. Zwar wusste ich nun, wie der Wein zu seinem Namen gekommen war, seine Tempranillo-Trauben stammen aus Weinbergen, in denen besonders viele Kaninchen räubern, ebenso, dass er sich in einem »kräftigen Kirschrot mit violetten Reflexen« zeigt, aber das Entscheidende wusste ich eben nicht: Wie schmeckt dieser Wein?Am Ende bestellte ich ihn in Spanien, Lieferzeit: mindestens eine Woche. In den Tagen danach schaute ich jeden Morgen vor meine Tür, aber da war kein Päckchen, dann schlurfte ich nach unten ins Erdgeschoss, öffnete meinen Briefkasten, aber da war kein Lieferschein. Der rettende Einfall kam mir am Tag der Abgabe: Ich rief bei Erli Grünzweil an, der die Fotos für diese Kolumne macht und den Wein bestimmt bei sich hatte. Ich beschrieb meine Not. Erli verstand, probierte und befand: »Schmeckt gut.« Illustration: GrafiluTobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.