Millionen von Bakterien bewohnen unsere Mundhöhle – sollte man sie mit Mundwasser dezimieren?Bestimmte Bakterien im Mund sind für Karies und Mundgeruch verantwortlich und könnten sogar Krebs fördern. Doch mit antiseptischen Mundspülungen geht man auch der gesunden Mundflora an den Kragen. Die Kolumne «Hauptsache, gesund».Ronald D. Gerste28.02.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMundspülungen wirken dort, wo die Zahnbürste nicht hinkommt.Huizeng Hu / GettyZu meinen persönlichen Helden der modernen Medizin gehört der britische Chirurg Joseph Lister, Mitte des 19. Jahrhunderts einer der Pioniere der Antisepsis. Dieses medizinische Konzept sieht vor, Bakterien zu beseitigen oder deutlich zu reduzieren – vor allem im Operationssaal. Damals starben rund die Hälfte der Operierten nach einem Eingriff an Infektionen der Wunde, dem gefürchteten «Wundbrand». Lister gelang es ab 1865 mithilfe des Desinfektionsmittels Phenol, diesen Anteil auf etwa 15 Prozent zu senken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Hauptsache, gesund»In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit. An Lister werde ich stets erinnert, wenn ich in einem Drogeriemarkt vor den Regalen mit Produkten zur Zahnpflege stehe. Eine von zahlreichen angebotenen Mundspülungen trägt den an ihn erinnernden Markennamen Listerine.Die Auswahl an derartigen Lösungen ist reich, es gibt sie in allen möglichen Farben und Geschmacksnoten, mit und ohne Alkohol. Sie sollen dort antiseptisch wirken, wo die Zahnbürste nicht hinkommt, und so vor Karies und Mundgeruch schützen. Mich als dental besorgten Menschen mit ausgeprägter Angst vor dem Bohrer des Zahnarztes spricht das an. Das in der Kindheit gelernte «Zweimal täglich Zähne putzen» scheint mir ein Motto zu sein, das nicht genug einfordert.Deshalb nutze ich seit langem auch noch Mundwasser. Dessen Ziel sind ganz im Sinne Listers die unzähligen Mikroorganismen in der Mundhöhle und besonders in den Zahnzwischenräumen. Sie gelten als Wegbereiter von Plaques, von Karies und Halitosis, auf gut Deutsch: Mundgeruch.Manche dieser Bakterien stehen mit noch Schlimmerem in Verbindung: So wurde dem häufig in unserem Mundraum siedelnden Fusobacterium nucleatum gerade in einer Studie eine Rolle bei der Entstehung von Brustkrebs zugesprochen; auch bei anderen Krebsarten steht dieser Verursacher von Plaque unter Verdacht.Als Mittel gegen Karies sollte Mundwasser auch Fluorid enthaltenAll dies spricht nach meiner Einschätzung für eine Ergänzung der etablierten Methoden von Zahnhygiene wie Zahnbürste und Zahnseide durch eine antibakterielle Spülung. Tatsächlich zeigen Studien: Sie hilft gegen Karies, sofern sie Fluorid enthält. Und auch gegen Mundgeruch, wenn er tatsächlich aus dem Mund kommt und nicht zum Beispiel von entzündeten Rachenmandeln oder aus dem Magen stammt.Der Haken ist, dass die Spülungen kaum unterscheiden zwischen jenen Spezies, die man lieber nicht auf Zähnen oder Zunge haben möchte, und den ganz normalen Bestandteilen eines gesunden oralen Mikrobioms. Ich verwende diese Mittel deshalb zurückhaltend und verzichte auf alkoholhaltige Produkte, in der Hoffnung, hier eine vernünftige Balance zu schaffen.Warnendes Beispiel ist mir eine andere historische Persönlichkeit, der deutsche Unternehmer und Philanthrop Karl Gustav Lingner. Er brachte 1892 eines der ersten kommerziellen Mundwasser auf den Markt, weltweit als Odol bekannt. Im Jahr 1916 starb er an einem Krebs der Mundhöhle – ausgerechnet! Ob er möglicherweise zu viele Selbstversuche unternommen hatte? Seine Geschichte klingt jedenfalls wie eine Mahnung: Auch bei der Bekämpfung von pathologischen Keimen gilt es, Mass zu halten. Gerade an einem derart divers bevölkerten Ort wie dem Mund.Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.Passend zum Artikel