Streifzug durch Hamburg: Wer in Langenhorn aus der Bahn steigt, landet in einer Idylle gegen jede Planung. Wo man einst nur an das Überleben dachte, blühen heute Gärten für die Ewigkeit.Tanja Breukelchen (Text und Bilder)15.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAls Benjamin Marzahl ein Junge war, lief er gerne durch die Fritz-Schumacher-Siedlung in Hamburgs nördlichem Stadtteil Langenhorn. Seine Grosseltern lebten dort in der Nähe, und der Weg zum Eiscafé Jacobs war ihm vertraut. Sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken brachen, reihte er sich in die lange Menschenschlange ein, die sich die Strasse hinunterzog. Alle wollten dieses cremige Eis, das bis heute über die Grenzen des Stadtteils hinaus bekannt ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Genau wie die Siedlung, die nach ihrem Erbauer benannt wurde: Fritz Schumacher. Der 1869 geborene Architekt war von 1909 bis 1933 Oberbaudirektor von Hamburg und erlangte unter anderem durch seine beeindruckenden Backsteinbauten Bekanntheit. Doch in Langenhorn ging es nicht um roten Stein, sondern um schnellen Wohnraum für Familien von Kriegsheimkehrern des Ersten Weltkriegs und kinderreiche Familien. Die Wahl war auf Langenhorn gefallen, weil es dort im Gegensatz zu der dicht bebauten Hamburger Innenstadt viel Platz und ausserdem eine Bahnlinie gab.Kreative Rückzugsorte, phantasievolle Gärten oder Beete für die Selbstversorgung: Beim Bummel durch die Fritz-Schumacher-Siedlung entdeckt man alle Facetten des Gärtnerns.Wie aus Not Gemeinschaft wächstSonst aber gab es nichts, ausser ein paar Bauernhöfe, die dem Bauprojekt weichen mussten. Zwischen 1919 und 1921 entstanden 660 Doppel- und Reihenhäuser, deren Wohnungen mit knapp 80 Quadratmetern für die grossen Familien eng, deren Gärten mit rund 650 Quadratmetern jedoch gross waren. Nach dem Vorbild der aus England stammenden Gartenstadt-Bewegung wollte man die Natur in die Stadt holen und den Menschen ermöglichen, sich selbst zu versorgen.Gebaut wurde mit günstigsten Mitteln, niemand dachte, dass dieser Notbehelf länger als fünfzig Jahre bestehen kann. Doch dann nahmen die Menschen ihr Schicksal in die eigenen Hände. Zuerst hatten sie keine Ahnung, wie man Gemüse anbaut oder ein Tier schlachtet. Sie lernten es in eigens dafür organisierten Sommercamps. Sie bildeten eine Siedlergemeinschaft, gründeten eine Genossenschaft, traten als Mieter in Eigenleistung, zahlten aber auch wenig Miete und hatten ein Gefühl von Heimat, denn die Wohnungen gehen bis heute häufig an die nächste Generation über.Heute gehören unter anderem eine Schule, eine Seniorenwohnanlage und eine Kirche zur Siedlung. Ausserdem feiern die Siedler, von denen einige Familien bereits in der vierten Generation dort wohnen, gerne – vom Frühjahrsmarkt über ein Kinderfest mit Festumzug bis zum «Flohmarkt der Gärten», bei dem viele ihre Gärten für Tausende Besucher öffnen und Flohmarkt machen.Jedes Jahr im Frühsommer öffnen zahlreiche Anwohner ihre Gärten für einen Tag und laden zum «Flohmarkt der Gärten» ein. Inzwischen ein riesiges Event.«Streifzug durch . . .»Die Artikelserie entführt Sie in faszinierende Stadtviertel, enthüllt deren Geheimnisse und lässt Sie in einzigartige Atmosphären eintauchen. Erleben Sie authentische Geschichten und persönliche Einblicke in urbanen Oasen.Alle Artikel dieser Serie anzeigenEin Gartenparadies im NordenWer heute in Langenhorn-Nord aus der Bahn steigt, ist mittendrin in diesem Dorf in der Stadt, und das nur 30 Minuten vom Hauptbahnhof und keine 15 Minuten vom Flughafen entfernt. Von dem Moment an kann man sich treiben lassen, die langen weissen, gelben oder naturfarbenen Häuser mit ihren roten Dächern betrachten und durch die vielen kleinen Wirtschaftswege laufen, die die 19 Reihenhausabschnitte voneinander trennen.Wohl kaum sonst auf der Welt bekommt man so viele Einblicke in derart unterschiedliche Gärten. Da ist ein Kameliengarten mit rund 30 prachtvollen uralten Kamelien. Ein Garten für die Enkel, inklusive knallrotem Spielhaus, Piratenschiff, Goldfischen, Kanarienvögeln und grosser Gartenbahn. Es gibt pittoreske Bauwagen, Landhausgärten, Selbstversorger-Beete, für Schlümpfe gestaltete Baumwurzeln, Schränke zum Tauschen von Büchern oder jungen Pflanzen und sogar Nutztiere wie Kaninchen, Hühner und Gänse.Die Siedlung war als Provisorium geplant und blieb für immer. Das Restaurant «Zum Wattkorn» stand schon, bevor die ersten Kriegsheimkehrer einzogen, und steht heute für norddeutsche Spitzenküche.Heimatgefühl mit kulinarischem ErbeNach dem Gartenbummel laden schöne Restaurants zum Verweilen ein, darunter das legendäre «Zum Wattkorn», dessen Gebäude es länger gibt als die Siedlung. Nach Starköchen wie Josef Viehhauser und dem im vorletzten Jahr tödlich verunglückten Michael Wollenberg leiten heute Judith und Tim Woitaske das Restaurant, mit saisonaler und regionaler norddeutscher Spitzenküche.Das alte Reetdachhaus ist ein Ort voller Geschichten, dort lebte früher der Storchenvater von Langenhorn und kümmerte sich in seinem mehr als 4000 Quadratmeter grossen Garten hingebungsvoll um kranke Störche, aber auch verletzte Wildtiere. Auf einem der alten Bilder an der Wand des Gastraumes ist ein kleines Mädchen zu sehen, die damals sechsjährige Nichte des Storchenvaters – vor wenigen Tagen hatte sie im «Wattkorn» ihren 95. Geburtstag gefeiert.Der Mann, der heute das Eiscafé Jacobs führt, war schon als kleiner Junge häufig in der Siedlung und kehrte nach Jahren im Ausland zurück.Der Rückweg zum U-Bahnhof führt durch einen Grünzug mit einer Allee aus Kirschbäumen, deren Blüte jedes Jahr im April und Mai zum Ereignis wird. Menschen fotografieren sich in der rosa Pracht und reihen sich gerne noch in die lange Menschenschlange vor dem Eiscafé Jacobs ein.Der Mann, dem der Eissalon heute gehört, heisst Benjamin Marzahl. Jahrelang war er weg von der Siedlung, hatte im Ausland gearbeitet. Dann erfuhr er, dass der alte Besitzer nach fast vierzig Jahren in den Ruhestand gegangen war – und kehrte zurück.GUT ZU WISSENEssen: «Zum Wattkorn» mit bezauberndem Gartenbereich und edel bereiteter norddeutscher Küche, Eiscafé Jacobs mit tollen Eiskreationen, «Panda Palace»: beliebtes asiatisches Restaurant mit abwechslungsreichen Gerichten.Trinken: «Match»: kultige, familiär geführte Kneipe mit grosser Getränkeauswahl, Musik aus den achtziger und neunziger Jahren, Kicker und Darts (https://match-langenhorn.de).Schlafen: Direkt in der Fritz-Schumacher-Siedlung gibt es kein Hotel, allerdings nahe dem Flughafen das «Courtyard by Marriott Hamburg Airport».Hingehen: Durch die Versorgungswege gehen und unterschiedliche Gärten entdecken, im April/Mai die Kirschblüte im Strassenzug Immenhöven erleben oder im Sommer über den «Flohmarkt der Gärten» schlendern.Die blühenden Kirschbäume im Strassenzug Immenhöven sind jedes Jahr im Frühling ein herrlicher Anblick und ein beliebtes Fotomotiv.Passend zum Artikel
Wie ein Provisorium zur glücklichen Siedlung wurde
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