Ein riesiger Staat mit vielen Königinnen: Waldameisen sind der Schlüssel zum völkerübergreifenden Frieden Es sollte ein Überlebenswochenende in den Bergen werden. Wir hatten mit allem gerechnet: Wölfen, Bären und marodierenden Wildschweinen – aber nicht mit Ameisen. Die Kolumne «Wild und wundersam».Atlant Bieri10.05.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«Du bist willkommen, auch wenn du nicht genauso riechst wie ich»: Ameisen - hier die Rote Waldameise - erkennen ihre Nestzugehörigkeit am Körpergeruch.Richard Bartz / Wikimedia, CC BY-SA 2.5Unser Ausflug in die Berge hatte es in sich. Ein paar Hängematten, ein Schlauch voll Wasser aus dem Bach und eine sechs Kilo schwere Schweinshaxe vom Metzger. Unser Camp: irgendwo südlich des Walensees in einem abgelegenen Bergwald zwischen Fichten und moosüberwachsenen Felsquadern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir hatten mit allem gerechnet: Wölfen, Bären und marodierenden Wildschweinen – nur nicht mit Waldameisen. Winzige Tierchen und riesige Nervensägen. Mit ihren Mandibeln ritzen sie die Haut auf und spritzen dann aus ihrem Hinterleib eine Ladung Ameisensäure in die Wunde. Das fühlt sich an wie ein Wespenstich. «Mistvieh!» Klatsch.Wir realisierten nicht, dass wir unser Camp mitten in einer gigantischen Kolonie errichteten. Der ganze Hügelzug, ja vielleicht sogar der ganze Wald bis hinunter zu den Ufern des Walensees bestand aus einem einzigen Ameisenstaat. «Aua! Verdammter Mist!» Klatsch. Die Ameisen waren überall. In unseren Schuhen, auf dem Sandwich, in der Kaffeekanne und natürlich in der Hängematte.Wild und wundersamIn dieser Kolumne schreibt der Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern Atlant Bieri regelmässig über die Wunder der Natur.Wir wussten damals nicht, dass wir in ein biologisches Wunder gestolpert waren. Denn der riesige Staat wird nicht nur von einer Königin regiert, sondern von vielen Königinnen. Der Fachbegriff dafür ist Polygynie. In jedem Nest, also in jedem Haufen, legen mehrere Königinnen Eier. Die Arbeiterinnen, die aus ihnen schlüpfen, gehen sich nicht gegenseitig an die Gurgel. Stattdessen behandeln sie sich wie Geschwister. Aber es geht noch weiter. Benachbarte Nester bekriegen sich auch nicht, sondern sie schliessen sich zu einem Staatenbund zusammen. Wie die Europäische Union, einfach besser.Wie genau sie es im Laufe der Evolution geschafft haben, ihre Feindseligkeit gegenüber der eigenen Spezies abzulegen, ist eines der grossen Rätsel der Biologie. Eine Erklärung dafür könnte ihr Parfum sein. Ameisen erkennen ihre Nestzugehörigkeit am Körpergeruch. Bei Waldameisen wird dieser sehr liberal interpretiert. «Du bist trotzdem willkommen, auch wenn du nicht genauso riechst wie ich.» Ein weiterer Grund könnte das gegenseitige Füttern sein. Ameisen würgen allenthalben Nahrung hervor und geben sie an hungrige Artgenossen ab. Das führt zu einem starken Gefühl der Zugehörigkeit.Zurzeit versuchen Forschende die genetische Grundlage für das Verhalten der Waldameisen zu entschlüsseln. So wurden über ihr ganzes Erbgut verteilt einzelne Bereiche identifiziert, die das Sozialverhalten der Waldameise steuern. Die Forscher sprechen von einem «Super-Gen». Es ist quasi ein Programm im Programm. Und es hat sogar einen Selbsterhaltungstrieb.Königinnen, die das Super-Gen nur einmal vererbt bekommen, sterben früher als Königinnen, welche beide Kopien des Gens besitzen. Fast schon unheimlich. Eine Forschungsgruppe schrieb im Titel einer Studie über polygyne Ameisen: «Woher kommen sie, was sind sie, und wohin gehen sie?» Als ob es sich um eine Studie über auf der Erde gestrandete Ausserirdische handeln würde.Leider erstreckt sich die Friedfertigkeit der Waldameisen nicht über die Artgrenze hinaus. Das war auch der Grund, warum wir uns nach nur einer Nacht geschlagen gaben, unsere Hängematten im Morgengrauen schnell wieder zusammenrollten und zurück ins Unterland flüchteten.Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Die meiste Zeit lebt er in Pfäffikon (ZH).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel