Eine Firma in Belize, ein isländischer Inkognito-Dienst, eine Lettin in Thailand: Wer hinter einer der grössten Undress-Websites stecktDie Polizei scheitert im Kampf gegen KI-generierte Nacktbilder. Umso wichtiger wäre es, gegen die Plattformen vorzugehen, die Frauen entblössen. Doch die Anbieter nutzen Schlupflöcher gekonnt aus.Samuel Meier, Gioia da Silva03.04.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZUndress.App gehört zu den dunkelsten Ecken des Internets. Hier kann jeder ein Instagram-Foto der Nachbarin hochladen, ihr mit ein paar Klicks die Kleider ausziehen – oder ihr Gesicht gleich in ein Pornovideo einfügen. Die ersten Bilder sind gratis, weitere kann man per Kreditkarte bezahlen. Die Benutzerfreundlichkeit macht Undress.App zu einer der beliebtesten Nudify-Plattformen des Internets.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unzählige Frauen – und viele Mädchen – sind von Deepfake-Pornografie betroffen. Seit die deutsche Schauspielerin Collien Fernandes das Thema Mitte März an die Öffentlichkeit zerrte, fragen viele: Wie kann es sein, dass Undress-Dienste gutes Geld verdienen, während Tausende Frauen unter gefälschten Nacktbildern leiden?Die Antwort ist ernüchternd: Es ist und bleibt schwer, Websites wie Undress.App zu belangen. Neue Gesetze dürften daran wenig ändern. Ausser sie sind drastisch.Firmenadresse in den Panama PapersEine Recherche der NZZ ergibt: Die Website Undress.App nutzt Schlupflöcher im internationalen Recht gekonnt aus. Die Firma hat laut eigenen Angaben ihren Sitz in Belize – an einer Adresse, die auch in den Panama Papers auftaucht. Die Panama Papers enthüllten 2016 ein globales System von Hunderttausenden Briefkastenfirmen, die unter anderem zur Steuerhinterziehung und für Geldwäscherei verwendet werden.Belize ist bekannt dafür, Rechtshilfegesuche von ausländischen Polizeistellen zu ignorieren. Das bedeutet: Selbst wenn eine Staatsanwaltschaft aus Europa gegen Undress.App ermitteln würde, kann sie Firmen in Belize nicht belangen. Undress.App entzieht sich so der Strafverfolgung.Die Betreiber der Plattform haben eine Bitte um Stellungnahme für diesen Artikel ignoriert. Doch wer der öffentlichen Datenspur von Undress.App folgt, kann trotzdem einiges über das Unternehmen herausfinden.Eine Frau als offizielle BesitzerinAm 15. April 2023 wird die URL Undress.App registriert. Das Versprechen für Nutzer damals: «Undress any girl with our free service.» Ziehen Sie jedes Mädchen aus, gratis. Vier Monate später tragen Beamte eine Firma ins britische Handelsregister ein: Itai Tech Limited. Zweck der Firma: IT-Dienstleistungen. Später wird die Firma auf der Undress-Website erscheinen.Als Direktorin von Itai Tech trägt sich die damals 25-jährige Lettin Anastasija Provotorova ein. Sie besitzt mehr als 75 Prozent der Aktien. Während Frauen und Minderjährige auch in der Schweiz unter KI-generierten pornografischen Inhalten leiden, jettet Provotorova um die Welt. Auf ihren Social-Media-Profilen teilt sie Bilder aus Dubai, Hanoi und Pattaya in Thailand, wo sie heute lebt.Ob Provotorova nur als Strohfrau agiert oder operativ tätig ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auch wie viel Geld sie mit Itai Tech verdient hat, bleibt unklar. Die NZZ hat Provotorova um eine Stellungnahme gebeten. Sie reagierte nicht darauf.Isländische Firma verschleiert Identität der WebsitebesitzerUndress.App verzeichnet monatlich Millionen Besucher – und andere Firmen profitieren mit. Die URL wurde bei Namecheap registriert. Als Kontakt für die Registrierung wird eine isländische Firma genannt: Withheld for Privacy.Diese Firma mit Sitz in Reykjavik hat im Kern nur eine Aufgabe: Sie verschleiert, wer tatsächlich hinter einer Website steckt. Diesen Privacy-Dienst gibt es bei Namecheap gratis dazu. Die beiden Firmen arbeiten ohnehin eng zusammen. Eine Anfrage der NZZ bei Withheld for Privacy wurde direkt an das Legal Team von Namecheap weitergeleitet – und blieb dort unbeantwortet.Ob Namecheap die Site Undress.App auch hostet oder nur die URL verwaltet, ist nicht klar. Der angegebene Server verweist auf Cloudflare.Cloudflare stellt für Undress.App DNS-, WAF- und CDN-Dienste bereit. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Cloudflare sorgt dafür, dass Kunden die Website Undress.App aufrufen können, filtert Hackerangriffe auf die Site heraus und sorgt für schnelle Erreichbarkeit der Inhalte.Die NZZ hat Cloudflare um eine Stellungnahme gebeten. Bis Redaktionsschluss antwortete das Unternehmen nicht. Zu ähnlichen Fällen sagt die Firma jeweils, sie offeriere nur die Infrastruktur des Internets und sei nicht für die Inhalte verantwortlich.In anderen Fällen hat Cloudflare allerdings die Zusammenarbeit mit Firmen beendet. Den Vertrag mit 8chan beendete die Firma, nachdem publik geworden war, dass sich die Täter der «mass shootings» in El Paso und Christchurch auf 8chan radikalisiert hatten. Auch das Neonazi-Portal Daily Stormer und die Diskussionsplattform Kiwi Farms wurden als Kunden ausgeschlossen.Der gleiche Inhalt hinter vielen TürenDie Betreiber von Undress.App haben sich jedoch gegen allfällige Blockaden abgesichert. Es gibt zahlreiche andere Undress-Sites, einfach mit anderen URL-Endungen. Aus .app wird .cc oder .love. Der gleiche Inhalt hinter anderen Türen.Die Websites sind oft sehr ähnlich aufgebaut. Das Recherchenetzwerk Bellingcat hat aufgezeigt, dass über ein Dutzend Undress-Websites gleiche Layouts, Bezahldienste oder die gleiche Codestruktur aufweisen – sie scheinen Teil desselben Netzwerks zu sein.Undress.cc etwa sieht beinahe identisch aus wie Undress.App. Registriert ist die Domain bei einem anderen Unternehmen, und die tatsächlichen Betreiber werden mit einer anderen Firma verschleiert. So sichern sich die Betreiber ab. Wird eine Domain gesperrt, läuft der Dienst über andere Sites weiter. Geht ein Angebot offline, steht andernorts bereits das nächste bereit.Dennoch gehen die Behörden vereinzelt gegen die Firmen vor. Itai Tech, geführt von der Lettin Anastasija Provotorova, wurde letzten Herbst von den britischen Behörden gebüsst. Grund war, dass auf der Website Undress.cc keine Alterskontrollen eingeführt worden waren und die Firma eine Auskunft verweigerte. Die Busse betrug insgesamt 55 000 Pfund, also rund 58 000 Franken.Im Februar löste sich die Firma freiwillig auf, nachdem sie die Busse bezahlt hatte. Die Undress-Websites bestehen jedoch weiter.Warum greifen Behörden nicht zu Netzsperren?Es gäbe eine Möglichkeit für Länder wie die Schweiz oder Deutschland, um direkt gegen Nudify-Dienste vorzugehen: Netzsperren.Bei Netzsperren werden gewisse Websites blockiert. In der Schweiz sind davon ausländische Online-Kasinos betroffen und Websites, die sexuellen Kindsmissbrauch verbreiten. In Deutschland werden Plattformen blockiert, die illegale Kopien von Filmen oder Musik anbieten, russische Propagandakanäle wie «RT» und «Sputnik» sowie ebenfalls ausländische Online-Kasinos.Auf die Liste der gesperrten Websites könnten die Behörden nun auch Undress-Dienste stellen. Das Problem der Netzsperren ist allerdings: Sie lassen sich einfach umgehen. Wer ein VPN einschaltet, erreicht die gesperrten Websites ohne Einschränkung. Und weil die Undress-Dienste immer wieder ihre Domain ändern, kämen die Behörden mit dem Sperren wohl kaum hinterher.Martin Steiger, Anwalt mit einer Spezialisierung auf Recht im digitalen Raum, schätzt die Wirksamkeit von Netzsperren als gering ein: «Wer Nudify-Dienste nutzt, zeigt eine gewisse kriminelle Energie. Diese Leute werden sich normalerweise nicht von einer Netzsperre aufhalten lassen.»Um Undress-Dienste effektiv aus dem Internet zu entfernen, müssten Länder also drastischer durchgreifen. Möglich wäre das wohl nur in einem abgeriegelten System wie in China, wo alle Websites geprüft und zertifiziert werden müssen, bevor sie online gehen. Dies wäre allerdings eine Abkehr vom freien Internet und würde de facto das Ende der Informationsfreiheit bedeuten. Deshalb ist es keine Option für liberale Demokratien wie die Schweiz oder Deutschland.Der Anwalt Steiger sagt: «In unserem liberalen Rechtsstaat dürfen wir uns keine Illusionen machen. Bei der Durchsetzung von Recht im grenzüberschreitenden digitalen Raum stossen Strafverfolgungsbehörden schnell an Grenzen.»Für Frauen, die KI-generierte Pornos von sich im Internet finden, sind das schlechte Nachrichten. Für sie hat die gegenwärtige Debatte um Deepnudes aber dennoch Vorteile. Denn sie dürfen darauf hoffen, dass das Recht verschärft wird und Täter für die Verbreitung von KI-generierter Pornografie künftig härter bestraft werden.clickandstop.ch: Anonym und mit wenigen Klicks kann auf der nationalen Meldestelle pädokriminelles Material gemeldet werden. Für Kinder und Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen bietet clickandstop.ch auch umfassende Beratungsangebote.Passend zum Artikel