Analyse
Trotz Krieg am Persischen Golf und zunehmendem Inflationsdruck eilen die Aktienmärkte von Rekord zu Rekord. Vielerorts sind die Bewertungen mittlerweile stattlich, was niedrigere künftige Renditen erwarten lässt. The Market zeigt, welche Börsen noch über Potenzial verfügen. Wer es nicht besser wüsste, könnte es glatt übersehen: Wegen des Kriegs am Persischen Golf befindet sich die Welt in den Worten der Internationalen Energieagentur in «der grössten Energiekrise der Geschichte». Obwohl es zuletzt zaghafte Signale einer Annäherung zwischen den USA und Iran gegeben hat, ist die Strasse von Hormuz, durch die rund 20% des weltweiten Rohöl- und Erdgastransports stattfindet, nach wie vor weitgehend gesperrt. Die Gefahr, dass Benzin, Diesel und Kerosin bald knapp werden, ist nicht gebannt, und auch bei Düngemitteln und Helium drohen Engpässe.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dadurch nimmt der Inflationsdruck weltweit zu, weshalb diverse Notenbanken wie etwa EZB und Fed ihre zuvor telegrafierten Leitzinssenkungen auf Eis gelegt haben. Gewisse Marktbeobachter rechnen inzwischen gar mit einer strafferen Geldpolitik in den kommenden Monaten. Während die Konsumenten die höheren Preise langsam spüren und gemäss Umfragen immer weniger in Spendierlaune sind, lassen die Börsen keine allzu grosse Besorgnis erkennen.Im Gegenteil: So sind beispielsweise Schwellenländeraktien, der Nikkei 225, der US-Leitindex S&P 500 und auch der Weltaktienindex von MSCI in den vergangenen Tagen auf neue Höchst gestiegen. Obschon Europa stärker unter der Energiekrise leidet, notiert auch der breite Stoxx Europe 600 nur knapp unter seinem Rekordstand.Stark steigende Gewinne erwartetAnstatt auf die Risiken fokussieren die Börsianer derzeit auf die Lichtblicke, vor allem die erfolgreiche Berichtssaison für das erste Quartal hat neuerlichen Optimismus entfacht. So legten Unternehmen aus dem Technologiesektor höchst erfreuliche Ergebnisse vor, aber auch Ölkonzerne erzielen dank der gestiegenen Energienotierungen derzeit üppige Gewinne.«Dies ist eine der besten Berichtssaisons seit zwanzig Jahren. Es wird erwartet, dass alle elf Aktiensektoren erstmals seit vier Jahren ein Gewinnwachstum verzeichnen werden», schreibt das Team um Aktienstratege Jim Reid von der Deutschen Bank.Behält der Analystenkonsens recht, dürften die Profite in den kommenden Monaten weiter sprudeln. So prognostizieren die Experten für den Weltaktienindex von MSCI für die nächsten zwölf Monate einen Gewinnschub von mehr als 25%. Für Barometer, in denen Technologie- und insbesondere Halbleiterkonzerne prominent vertreten sind, zeigen die Erwartungen noch steiler nach oben.Dank der überaus zuversichtlichen Gewinnerwartungen ist das vorwärtsgerichtete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für diverse Aktienindizes in den vergangenen Monaten sogar gesunken. Trotz kräftiger Kursavancen erscheinen sie deshalb optisch attraktiver als noch vor kurzem.«Das Risiko, das Anleger normalerweise als extreme Bewertungen wahrnehmen würden, verlagert sich dadurch zunehmend auf extreme und unsichere Gewinnprognosen. Wegen der niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnisse erscheint der Markt dadurch sicherer, als er tatsächlich ist», warnt etwa Fondsmanager Bill Hester vom Vermögensverwalter Hussman Strategic Advisors.Ob die Unternehmensgewinne in diesem anspruchsvollen Umfeld derart kräftig wachsen können, ist alles andere als gewiss. In den vergangenen zwanzig Jahren gelang den Konzernen nur selten ein solches Gewinnwachstum, und zwar typischerweise dann, wenn sich eine Rezession ihrem Ende näherte – etwa 2010 nach der Finanzkrise oder 2021 mit dem Abflauen der Pandemie. In solchen Phasen haben Unternehmen typischerweise ihre Kosten heruntergefahren, Lohndruck ist inexistent, und die Nachfrage zieht spürbar an, was die Gewinne sprudeln lässt.Ganz anders das heutige Umfeld: Die letzte Rezession war vor fünf Jahren, seither sind die Löhne gestiegen, und in diversen Ländern verharrt die Arbeitslosigkeit auf einem niedrigen Stand. Mit anderen Worten: In den Gewinnprognosen spiegeln sich kräftige Effizienzgewinne.Anspruchsvolle Bewertungen …Die Zuversicht schlägt sich in den Bewertungen nieder, wie ein von The Market konstruierter Bewertungsindikator zeigt. Er aggregiert die Dividendenrendite, das Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis, das vorwärtsgerichtete KGV, das Kurs-Umsatz-Verhältnis sowie das Kurs-Buchwert-Verhältnis in ein Bewertungsmass, das Werte zwischen null und hundert annimmt. Je höher der Wert, desto teurer ist ein Markt im Vergleich zu seiner eigenen Historie.Wie die jüngste Übersicht zeigt, sind insbesondere die technologielastigen Aktienmärkte in den USA, den Niederlanden und in Taiwan überaus sportlich bewertet und lassen kaum Spielraum für Enttäuschungen.Es fällt auf, dass das Gros der Märkte klar über dem neutralen Wert von 50 notiert, nur gerade eine Handvoll liegt darunter. Vergleichsweise attraktiv sind die Börsen in der Türkei, in Hongkong sowie in Mexiko und Brasilien, aber auch sie sind im Zuge der Kursgewinne der vergangenen Monate spürbar teurer geworden.… bedeuten magere Renditen in der ZukunftEine anspruchsvolle Bewertung bedeutet aber nichts anderes, als dass ein Teil der künftigen Rendite bereits vorweggenommen wurde. Wer also davon ausgeht, dass sich die Hausse im gleichen Tempo fortsetzen wird, dürfte mit grosser Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden.Was aber ist ein realistischer Ertrag, den Anleger auf längere Frist mit Aktien erzielen können? Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, die wichtigsten Komponenten der Aktienrendite zu beleuchten.Letztere setzt sich zusammen aus der Dividendenrendite,dem Dividenden- respektive dem Gewinnwachstum und derBewertungsveränderung.Der wichtigste Renditetreiber ist die Dividende. Zum einen, weil sie auf lange Sicht den Löwenanteil des Anlageerfolgs ausmacht, zum anderen, weil sie im Investitionszeitpunkt bekannt ist. Das Dividendenwachstum für den Gesamtmarkt entwickelt sich typischerweise in etwa im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum.Am schwierigsten abzuschätzen ist die Veränderung der Bewertung. Niemand kann vorhersagen, wie viel die Investoren in der Zukunft für Aktien zu bezahlen bereit sein werden. Insbesondere bei derzeit teuren Aktienmärkten wie den USA, den Niederlanden oder Taiwan sollten sich Anleger aber nicht auf eine Bewertungsexpansion verlassen, eine Kontraktion ist wahrscheinlicher.Welche Renditen sind realistisch?Aus den drei Komponenten lässt sich nun grob das Potenzial des S&P 500 abschätzen: Die derzeitige Dividendenrendite des US-Aktienmarktes beträgt rund 1,1%. Wie die Finanzprofessoren Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton im Global Investment Returns Yearbook 2026 der UBS zeigen, sind die Ausschüttungen in den USA von 1900 bis 2025 pro Jahr real um 1,7% gewachsen.Angenommen, sie nehmen künftig im gleichen Tempo zu und die Bewertung bleibt auf hohem Niveau stabil, ergibt sich für US-Valoren eine erwartete reale Rendite von bescheidenen 2,8% pro Jahr (1,1% + 1,7%). Eine Bewertungskontraktion würde die künftige Rendite schmälern, eine Expansion würde sie erhöhen.Das ist – vereinfacht – der Ansatz des US-Analysehauses Research Affiliates, um das Potenzial verschiedener Aktienmärkte für die kommende Dekade zu schätzen. Warum zehn Jahre? Ein derart langfristiger Zeitraum macht sich den Umstand zunutze, dass Vermögenspreise mit der Zeit typischerweise zu ihrem fairen Wert zurückkehren.Wie erwähnt sind die Grundbausteine für die Prognose die Dividendenrendite, das reale Wachstum des Gewinns pro Aktie sowie die Bewertungsveränderung. Zur einfacheren Vergleichbarkeit haben die Experten von Research Affiliates die Renditeerwartungen in Dollar formuliert. Die Inflation wurde abgezogen, d.h. es handelt sich um reale Renditen (die genaue Methodik finden Sie hier).Magere Renditen in den USA, den Niederlanden und in TaiwanWie sieht das Resultat aus? Die Dividendenrendite des Weltaktienindex erreicht rund 1,8%, das langfristige Gewinnwachstum wird von Research Affiliates auf 3% p.a. veranschlagt, während die derzeit überdurchschnittliche Bewertung über das kommende Jahrzehnt zu einer Bewertungskontraktion von 2,6% pro Jahr führen dürfte. Aggregiert ergibt sich eine geschätzte jährliche Gesamtrendite von wenig berauschenden 2,2%.Die wenig erbaulichen Aussichten für globale Aktien sind massgeblich den USA geschuldet. Per Ende April erreichte das Gewicht von US-Valoren im MSCI AC World etwas mehr als 63%. Für das Land prognostiziert Research Affiliates ein Dividendenwachstum von 2,9%, also deutlich mehr als die oben erwähnten, langfristigen 1,7%. Angesichts der derzeit hohen Bewertungen gehen die Analysten allerdings davon aus, dass eine Rückkehr zum langfristigen Mittelwert jedes Jahr 3,5% an Ertrag kosten dürfte. In Kombination mit der derzeit niedrigen Rendite von 1,1% ergibt sich eine jährliche Performance von lediglich 0,6%.Niederländische Aktien dürften Anlegern ebenfalls wenig Freude bereiten: Behalten die Analysten recht, werfen auch sie bloss magere 0,7% pro Jahr ab. Wie in den USA hat die Euphorie um die künstliche Intelligenz die Kurse in die Höhe getrieben. Eine zusätzliche Gefahr stellt die enorme Konzentration dar: der Chipausrüster ASML macht fast die Hälfte der Marktkapitalisierung des MSCI Netherlands aus.Taiwan, wo der Halbleiterkonzern TSMC den Ton angibt, vermag mit einer geschätzten Rendite von 1,9% ebenfalls nicht zu überzeugen.Wie die Übersicht zeigt, gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den Ländern. Positiv stechen indonesische Valoren mit einer geschätzten jährlichen Gesamtrendite von 13,4% hervor. Ebenfalls erfreulich sind die Aussichten für Anleger in Lateinamerika: So prognostizieren die Experten für Kolumbien eine annualisierte Rendite von 11,2% für die kommende Dekade. Brasilien (9,7%) und Mexiko (6,4%) befinden sich ebenfalls auf den vorderen Rängen. Auch Österreich (8,7%), Dänemark (7,9%) sowie Japan (6,6%) bestechen durch einen hohen erwarteten Ertrag.Wer auf Schweizer Valoren setzt, muss sich mit weniger begnügen: Sie versprechen eine Rendite von ungefähr 5% in Dollar – der starke Franken dürfte den Ertrag allerdings noch etwas schmälern. Zum Vergleich: Gemäss der Privatbank Pictet haben hiesige Valoren seit 1900 pro Jahr real 4,6% abgeworfen. Ähnlich sind die Aussichten für deutsche Aktien, deren Ertrag ebenfalls auf 5% geschätzt wird.Hohe Renditen nicht einfach fortschreibenNatürlich sind solche Prognosen stets mit Unsicherheit behaftet. Angesichts der ungewöhnlich positiven Kursentwicklung der vergangenen Jahre und der vielen Faktoren, die die Rentabilität der Unternehmen künftig beeinträchtigen könnten, senken umsichtige Marktteilnehmer dennoch ihre Renditeerwartungen.Denn an Gründen für einen weniger üppigen Aktienertrag mangelt es nicht: So stellen der Krieg am Persischen Golf und das damit verbundene Inflationsrisiko, der Trend zur Deglobalisierung, extrem hohe und deshalb womöglich kaum nachhaltige Gewinnmargen, die zunehmende Abhängigkeit des Wirtschaftswachstums von Investitionen in die künstliche Intelligenz und stolze Bewertungen einzelner Märkte Risikofaktoren dar.Sorgen die Investitionen in die KI tatsächlich für einen nie da gewesenen Wachstumsschub, darf man sich umso mehr freuen.









