KommentarÖl ist nicht teuer, sondern billig. Die Welt wiegt sich in trügerischer SicherheitAngesichts der grössten Krise in der Geschichte des Ölmarktes ist der Brennstoff bemerkenswert günstig. Jetzt wird klar, warum. Es ist kein Grund zur Entwarnung.14.05.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenBenzin ist noch bezahlbar. Damit das für längere Zeit so bleibt, ist Zurückhaltung sinnvoll.Jens Büttner / DPADer Markt habe immer recht, heisst es. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Sicher ist: Die Wege des Marktes scheinen unergründlich. Warum ist Erdöl so günstig? Mehr als zehn Wochen sind vergangen, seit die USA und Israel ihren Krieg gegen Iran begonnen haben. Seither muss die Welt auf rund 10 bis 20 Prozent des sonst üblichen Angebots an Erdöl verzichten, weil die Seestrasse von Hormuz zu gefährlich für Exporte aus der Golfregion geworden ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu Beginn des Krieges erwarteten Marktbeobachter einen Ölpreis von mehr als 150 Dollar je Fass, falls der Angebotsschock länger anhält. Stattdessen kostet ein Fass der Referenzsorte Brent heute nicht einmal 110 Dollar. Das sind zwar über 40 Prozent mehr als vor dem Krieg – aber auffällig wenig angesichts des grössten Versorgungsunterbruchs in der Geschichte des modernen Ölhandels. Was ist los mit dem Ölmarkt? Der verarbeitet zwar Käufe und Verkäufe vieler tausend Händler und Investoren, aber er spricht nur in Preisen. Und in Rätseln.Merkwürdige Entspanntheit herrschtZwei Begründungen machten stets die Runde. Erstens war vor dem Krieg viel Rohöl auf dem Markt, und das steckte in Lagern. Diese Lager werden nun geleert, das überdeckt den Angebotsausfall. Zweitens ist der typische Brent-Preis ein Terminpreis für die Lieferung von Öl in zwei Monaten (derzeit für Juli). Viele Marktteilnehmer wollen seit mehr als zwei Monaten nicht glauben, dass die Strasse von Hormuz für mehr als ein paar Wochen geschlossen bleiben könnte – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.Dieser Optimismus hält sich hartnäckig. Doch Preise spiegeln Knappheit, und die machte sich tatsächlich bemerkbar. Am sogenannten Spotmarkt, wo Rohöl zur sofortigen Lieferung gehandelt wird, verteuerte sich ein Fass Brent Anfang April auf mehr als 140 Dollar. Aber auch das war nicht von Dauer: Mittlerweile ist dieser Spotpreis wieder deutlich gefallen und liegt nur noch etwas über den Terminpreisen. Obwohl die Blockade von Hormuz andauert.Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley hat zwei neue Gründe gefunden, warum das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage solch ein beschönigendes Bild ergibt: China und die USA. Das Reich der Mitte hat seine Ölimporte seit Kriegsbeginn deutlich gesenkt und leert stattdessen die Lager, die aussergewöhnlich gut gefüllt waren.Dies möglicherweise mit dem Kalkül, das Öl erst dann einzukaufen, wenn es wieder deutlich billiger ist. Und die USA haben deutlich mehr Rohöl in den Rest der Welt exportiert als zuvor. Zusammen habe das den Weltmarkt gut geschützt, halten die Analysten fest.Auch der niedrige Preis sollte eine Mahnung seinDieser Schutz ist trügerisch. Die chinesischen Lager sind immer noch gut gefüllt, aber die Pegel sinken. Die Pegelstände der Lager in den USA sind bereits tiefer. Ein Grund dafür: Amerikanische Ölfirmen haben nicht mehr Öl gefördert, um grössere Mengen auf dem Weltmarkt zu exportieren. Sie haben dafür ihre eigenen Lager geleert. Öl fliesst dahin, wo es den besten Preis erzielt – derzeit vor allem in Asien. Doch Präsident Donald Trump könnte darauf mit einem Exportstopp reagieren. Das würde den globalen Ölmarkt aus der trügerischen Sicherheit reissen.Denn wie man es dreht und wendet: Der Welt fehlt Öl. Die Lager rund um den Erdball würden sich im Rekordtempo leeren, hat die Internationale Energieagentur (IEA) am Mittwoch festgestellt. Selbst wenn der Iran-Krieg im Juni beendet wäre, bliebe der Markt bis Ende des Jahres unterversorgt.Am besten wäre es, Ölimporteure, Unternehmen und Konsumenten nähmen den bisherigen Preisanstieg als Mahnung: Wird der Versorgungsunterbruch nicht gelöst, stehen bald noch höhere Kosten an. Das passiert umso schneller, je mehr Öl und Ölprodukte heute verbraucht werden. Denn desto schneller erschöpfen sich die Lager. Masshalten bei der Nachfrage ist angesagt. Auch wenn der Preis es noch nicht mit der Brechstange erzwingt.16 KommentareDaniel Stalder HeuteDieser Artikel ist ein interessantes Beispiel für publizistische Rhetorik.
Öl ist nicht teuer, sondern billig. Die Welt wiegt sich in trügerischer Sicherheit
Angesichts der grössten Krise in der Geschichte des Ölmarktes ist der Brennstoff bemerkenswert günstig. Jetzt wird klar, warum. Es ist kein Grund zur Entwarnung.






