PfadnavigationHomePolitikDeutschlandOrganisierte KriminalitätDas steckt hinter der Schusswaffen-Razzia in BerlinStand: 13.05.2026Lesedauer: 3 MinutenSchwer bewaffnete Einsatzkräfte der Polizei haben am Mittwoch mehrere Objekte in Berlin durchsuchtQuelle: Axel BilligSeit Monaten eskaliert die Schusswaffengewalt auf Berlins Straßen. Die Spur führt in die Türkei und zu illegalen Waffenfabriken.Mit einer groß angelegten Razzia ist die Berliner Polizei am Mittwoch gegen die organisierte Kriminalität und die Verbreitung illegaler Schusswaffen vorgegangen. Seit den frühen Morgenstunden durchsuchten 570 Einsatzkräfte 28 Wohnungen und Gewerberäume in mehreren Stadtteilen, darunter Neukölln und Kreuzberg. Zudem wurden mehrere Haftbefehle vollstreckt. Auch Spezialeinheiten waren im Einsatz, etwa die GSG 9 der Bundespolizei, die sonst bei Terrorlagen oder Geiselbefreiungen zum Einsatz kommt.Der hochgerüstete Einsatz hat einen Grund: Im Zentrum der Ermittlungen steht eine türkische Gruppierung, die als extrem gefährlich gilt. Sie sollen nicht nur illegale Schusswaffen in die Stadt geschleust, sondern auch zahlreiche Geschäftsleute erpresst haben. Dafür sollen sie sich als kriminelle Vereinigung zusammengeschlossen haben. „Es wird angenommen, dass die Gruppierung für eine Vielzahl von Erpressungslagen mit Schussabgaben in der vergangenen Zeit verantwortlich ist“, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin in einer gemeinsamen Mitteilung mit der Polizei mit. Insgesamt wurden neun Männer im Alter von 23 bis 63 Jahren festgenommen.In den durchsuchten Objekten konnten laut Staatsanwaltschaft Beweismittel sichergestellt werden, darunter Betäubungsmitteln, Bargeld, eine Schusswaffe, Schusswaffenteile, Schreckschusswaffen, zwei Fahrzeuge sowie Datenträger und Mobiltelefone.Lesen Sie auchSeit mehr als einem Jahr kommt es in der Hauptstadt immer wieder zu Schießereien. WELT hatte in einem großen Report im vergangenen Jahr aufgedeckt, dass viele der in Berlin sichergestellten oder gehandelten Waffen aus der Türkei stammen und eine türkische Mafiagruppe versucht, in der Stadt Fuß zu fassen. Dort werden von der organisierten Kriminalität in großem Stil Nachbauten bekannter Pistolen produziert, darunter auch Modelle, die äußerlich an Waffen des österreichischen Herstellers Glock angelehnt sind. Die Waffen werden demnach zerlegt und in Einzelteilen – häufig über den Landweg – nach Deutschland geschmuggelt, wo sie wieder zusammengesetzt und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden.Seit Ende des Jahres 2025 hat der türkische Geheimdienst „MIT“ mehr als 500 illegale Schusswaffen und über 20.000 Pistolenteile aufgespürt. Gegen rund 400 Personen wird ermittelt, etwa 150 davon befinden sich im Zusammenhang mit Erwerb, Handel, Besitz und Herstellung illegaler Schusswaffen in Untersuchungshaft. Ende 2025 durchsuchten Ermittlungsbehörden nahe Şanlıurfa im Südosten der Türkei eine illegale Waffenfabrik und schlossen diese. Wie WELT von einem Insider erfuhr, lag die Produktion dort im niedrigen fünfstelligen Bereich.Lesen Sie auchNach Einschätzung türkischer Sicherheitsbehörden könnte bereits eine mittlere fünfstellige Zahl solcher illegalen Waffen aus der Türkei nach Zentraleuropa gelangt sein. Ermittler sehen darin eine der zentralen Versorgungsrouten für das kriminelle Milieu.Als Reaktion auf die wachsende Gewalt hatte das Landeskriminalamt Berlin im November 2025 die Sondereinheit „Ferrum“ eingerichtet. Parallel dazu schuf die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsgruppe „Telum“. Beide Einheiten sollen gezielt gegen Waffenstrukturen und deren Hintermänner vorgehen. Die Berliner Polizei hatte im vergangenen Jahr insgesamt 1119 „Schusswaffendelikte“ registriert. 2024 waren es noch 666 Fälle gewesen.Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach von einem monatelang vorbereiteten Einsatz. Landeschef Stephan Weh erklärte, die Maßnahmen seien „mit enormer Präsenz und hervorragender Ermittlungsarbeit“ vorbereitet worden. Ziel sei es, die „Welle an Schusswaffenauseinandersetzungen“ einzudämmen und kriminelle Strukturen zu zerschlagen. Zugleich verwies die GdP auf Defizite bei technischen Ermittlungsbefugnissen, etwa bei der Überwachung von Kommunikation und der Auswertung digitaler Daten.Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).