Die ausgreifende Wiese wirkt an diesem Morgen fast wie ausgerollt. Zwei kleine Blumenbeete setzen erste Farbpunkte, dazwischen zieht sich ein schmaler Asphaltweg durch das Grün im Kurpark von Bad Salzhausen. Wer diesem Weg in dem Ortsteil von Nidda folgt, landet vor einem betagten Gebäude: lang gezogenes Fachwerk, ein schmaler Wasserturm, davor ein Pavillon. „Die Trinkkuranlage. Ein Relikt aus einer Zeit, in der man begonnen hat, Salz als Gesundheitselement zu nutzen“, sagt Myriam Lenz von der Trägergesellschaft der Landesgartenschau. Von der Trinkkuranlage aus schweift der Blick zu dem von Parkbänken gesäumten Gradierwerk jenseits der Wiese. Dort rieselt Sole über Reisig und verbreitet eine salzhaltige Luft, die als wohltuend für die Atemwege gilt.Der Kurpark von Bad Salzhausen ist neben Büdingen und Gedern einer der drei zentralen Schauplätze der Landesgartenschau Oberhessen 2027. Elf Städte und Gemeinden in der östlichen Wetterau tragen das vom 22. April bis 3. Oktober angesetzte Großereignis. Ein Novum. Bisher hat stets eine Stadt die Gartenschau ausgerichtet. Geplant sind bis zu 2000 Veranstaltungen. Was die Gäste erwarten dürfen, wird im Oktober klar sein. An diesem Tag geht es für Besucher über die Baustellen, sie bekommen einen vertieften Blick darauf, wie weit die Arbeiten schon gediehen sind.Die Idee zur aktuellen Landesgartenschau kam 2020 vom Verein Oberhessen, ein Jahr später kam die Zusage des Landes Hessen. Seit Ende 2021 organisiert eine eigens gegründete Gesellschaft das Projekt. Die Macher der Landesgartenschau Oberhessen legen Wert darauf, weit mehr als eine „Blümchenschau“ zu gestalten. Das Vorhaben soll die Infrastruktur in der teils als abgehängt geltenden Region dauerhaft verbessern helfen. Zu diesem Zweck fließen 30 Millionen von Europäischer Union und Land in die östliche Wetterau. Zudem investieren die Ausrichter unterschiedlich viel Geld.Das Gradierwerk im Kurpark Bad SalzhausenPhilipp HannappelDafür ist die Trinkkuranlage auch ein gutes Beispiel, wie Lenz sagt: „Ohne die Gartenschau wäre eine Sanierung gar nicht möglich gewesen.“ Sie zeigt auf den Wasserturm mit seinen schmalen schwarz-weißen Streifen. Während der seit März 2025 laufenden Sanierung hat sich herausgestellt, dass die Kuppel des Turms nicht verankert war und das Gebälk morsch ist. Jetzt ist das Gelände umzäunt, auf der Fläche herrscht Baustellenbetrieb. Normalerweise ist auch das Fachwerk der Trinkkuranlage rot-weiß lackiert – und soll es auch in Zukunft wieder sein.„Noch vor Kurzem war hier alles verschlammt“„Helm aufsetzen!“, sagt einer der Arbeiter grinsend, bevor es auf die Baustelle geht. Lenz deutet in den Anbau, der in den Wasserturm übergeht: In der Mitte des kreisförmigen, holzvertäfelten Raumes geht es einen guten Meter in die Tiefe – dort befand sich früher eine Wasserquelle. Jetzt legt Christopher Ernst, ein mehrfach ausgezeichneter Florist, Hand an das Becken an. Er wird es im Wechsel mit zwölf verschiedenen Blumenarrangements bepflanzen. „Das, was man sich klassischerweise unter einer Gartenschau vorstellt, präsentieren wir hier in Salzhausen“, sagt Lenz.Aber nicht nur die Trinkkuranlage wird in dem rund 52 Hektar großen Kurpark in Bad Salzhausen, einem der ältesten und größten seiner Art in Deutschland, saniert. Das gilt auch für den Landgrafenteich am Rande des Geländes. „Noch vor Kurzem war hier alles verschlammt“, sagt Lenz. Jahrelang wurde das Gelände demnach kaum beachtet – auch, weil vermutet wurde, dass sich im Boden Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg befinden könnten. In Nidda gab es damals einen Militärflugplatz. „Am Ende waren es dann zum Glück nur zwei verrostete Fahrräder“, sagt Lenz und lacht. Nun soll der Teich wieder benutzbar gemacht und das Ufer gesichert werden, außerdem sind Treppen ans Wasser geplant. „In einem Jahr werdet ihr das ganze Gelände nicht mehr wiedererkennen“, fügte sie hinzu.Landesgartenschauen haben Tradition in HessenIn Wohnmobilen geht es durch schmucke, von Fachwerkhäusern gesäumte Ortschaften weiter nach Büdingen. Rapsfelder, Pferdekoppeln und Buchenwälder ziehen vorbei. Die Wohnmobile sind Teil des Konzepts: fahrende Werbung für die Landesgartenschau, die schon jetzt Lust machen soll, die Region später über mehrere Tage zu entdecken. Landesgartenschauen haben in Hessen Tradition: Das Land veranstaltete bisher bereits sieben solcher Schauen, zuletzt 2023 in Fulda. Wer auf die östliche Wetterau folgen wird, steht aber noch dahin.In Büdingen übernimmt Christopher Blos das Wort, er ist der Bauleiter der drei Standorte. Hier sieht man vor allem eines: große Erdhaufen. Und Bagger, die sie von einem Fleck zum anderen tragen. „Wir spielen ein bisschen Bagger-Ballett“, sagt Blos und lacht. Das wirke immer ein bisschen unsinnig, habe aber einen einfachen Grund: „Die Erde, die wir ausgegraben haben, verwenden wir wieder.“ Auf einer kreisrunden, 2,8 Hektar großen Fläche war bis vor ein paar Monaten noch der Sportplatz eines in der Nähe gelegenen Gymnasiums. Jetzt entsteht daraus ein öffentlicher Stadtpark. Büdingen verkaufe sich seit Langem unter Wert. Die ums Eck gelegene Altstadt sei wunderschön – trotzdem verirrten sich hierhin kaum Touristen, wie Blos erzählt. Wie in vielen anderen oberhessischen Städten sei das Marketing ausbaufähig und das Gastronomie-Angebot sei spärlich, heißt es.Mit Schwammstadt-Ansatz gegen Hochwasser in Büdingen„Die Lage des Parks ist optimal“, sagt Blos und deutet mit einer weiten Handbewegung um sich. Er meint außer der Altstadt einen Kindergarten, der an die Parkfläche angrenzt. In der Ferne ragen die Türme des Schlosses Büdingen auf. Durch den Umbau werden auch die Anwohner von dem Park profitieren, wie der Bauleiter sagt. Noch ist schwer vorstellbar, was hier entstehen soll: Eine ausgreifende Wiese, ein Rundweg aus Asphalt, dazu eine Aktivecke mit Boule-Anlage, Spielplatz und Calisthenics-Geräten sind geplant. Das eigentliche Herzstück des Parks liegt allerdings unterirdisch: „Wir wollen aus Büdingen eine Schwammstadt machen.“Das hat einen triftigen Grund: Anfang 2021 kam es in Büdingen durch Starkregen und Schmelzwasser zu einer Hochwasserkatastrophe. Das Wasser stieg auf bis zu 3,60 Meter. Da, wo normalerweise Autos fahren, schwammen Schlauchboote durch die Gassen. Rund 200 Häuser wurden beschädigt. „Daraus müssen endlich Konsequenzen folgen“, sagt Blos und zeigt auf den Fluss neben dem zukünftigen Park, den Seeme genannten Seemenbach. Er verläuft über 37 Kilometer westlich des Vogelbergs als Nebenfluss der Nidder. „Wenn der wieder überläuft, dann sind wir vorbereitet“, hebt der Bauleiter hervor. Auch die geplanten Beete folgen dem Schwammstadt-Ansatz: Schon jetzt sind erste eingelassene Gräben in der Erde zu erkennen. Dazwischen verlaufen kleine unterirdische Rinnen, die sich von Beet zu Beet ziehen. „Das ist unser Regengarten“, sagt Blos. Durch die Mulden soll Regenwasser dorthin gelangen, wo es gebraucht wird: zu den Pflanzen. „Das ist nicht nur gelebter Hochwasserschutz, sondern auch klimafreundlich.“Bäume aus Nordamerika für den Klimahain im Schlosspark in GedernZurück im Wohnwagen. An Windrädern und endlosen Wiesen vorbei führt der Weg nach Gedern. Der Ort erinnert an Bad Salzhausen, viel Grün, viel Fachwerk und – viele Baustellen. Ziel ist das Schloss. Im Innenhof wartet schon Thomas Hellingrath, einer der Geschäftsführer der Landesgartenschau. Über den um das Schloss verlaufenden Weg kommen die Besucher zu einer großen Grünfläche: „Das war mal der Barockgarten“, sagt Hellingrath. Während in Büdingen alles – auch die Bäume – erst angelegt werden muss, lebt der 3,5 Hektar große Schlossgarten von einem alten Baumbestand. „Dadurch ist es hier im Sommer angenehm kühl“, hebt Hellingrath hervor. Bauarbeiter verlegen unweit des Rasens Sandsteinplatten. Sie sollen an die barocke Anlage erinnern. „Deswegen korrespondiert die Farbe auch mit dem Schloss“, ergänzt er. Das Senfgelb des Schlosses Gedern wirkt im Sonnenlicht besonders satt.Bauarbeiten im KurparkPhilipp HannappelRund um die Platten entstehen später unterschiedliche Blumenbeete – im Landesgartenschau-Sprech heißt das Wechselflor. Der Weg neben dem Garten führt bergab zu einer ebenen Fläche. „Hier werden Spielplätze entstehen, alles barrierefrei“, erklärt Hellingrath. Noch ist nur wilder Graswuchs zu erkennen. „Im Umkreis sind Seniorenheime, die davon auch profitieren.“Unweit davon findet sich eine ähnliche Fläche, noch wilder bewachsen: „Ehemalige Tennisplätze“, wie der Geschäftsführer weiß. Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen macht daraus einen Beratungsgarten. Wer etwa eine Pflanze bestimmen möchte, soll dort künftig Hilfe bekommen. Nach der Landesgartenschau wird die Fläche an eine nahe gelegene Schule übergeben.Ein paar Meter weiter wird es trotz der strahlenden Sonne plötzlich spürbar kühler. „Das ist unser Klimahain“, sagt Hellingrath. Bäume stehen dicht an dicht, ihre Kronen bilden ein natürliches Sonnendach. Rechter Hand fließt ein Bach, und unter den Füßen knirscht Basaltschotter aus einem nahe gelegenen Steinbruch. „Das sorgt für ein völlig anderes Mikroklima“, sagt er und deutet in die Runde. Artenvielfalt sei bei der Auswahl der Bäume entscheidend. Falle eine Baumart aus, könne ein ganzer Bestand gefährdet sein. Unterschiedliche Arten sollen dieses Risiko verringern.Die Bäume im Klimahain sind unter anderem auf dem Balkan und in Nordamerika beheimatet. Sie gelten als robuster gegenüber längeren Trockenphasen, wie sie in den vergangenen Jahren und gerade erst im April zu erleben waren. Kritik, dass hier keine heimischen Arten verwendet würden, weist Hellingrath zurück: „Von einem heimischen Baum, der nach ein paar Hitzesommern krank wird, haben wir auch nichts.“Aus Baustellenstaub, neuen Stadtparks und Zukunftsbäumen entsteht etwas, das über eine Gartenschau hinausgeht: eine Region, die sich auf ein anderes Klima vorbereitet.