PfadnavigationHomePanoramaEhrlichkeit in der Beziehung„Ich liebe sie, aber ihr Körper stößt mich ab“ – Wie viel Wahrheit verträgt eine Ehe?Stand: 12.05.2026Lesedauer: 5 MinutenWie ehrlich sollten Partner zueinander sein? (Symbolbild)Quelle: Getty Images/Galina ZhigalovaEin Mann hält seine Frau für zu dick, aber er traut sich nicht, ihr das zu sagen. Wann werden Lügen gefährlich? Unsere Autorin erklärt, welche Wahrheiten Nähe schaffen – und welche Vertrauen vernichten.Thomas hat schon mehrere Biere getrunken. Wir kennen uns gar nicht, man hat uns bei einem Essen nebeneinandergesetzt, und als er dann während unseres Gesprächs erfuhr, was ich beruflich mache, schüttete er mir sein Herz aus.„Ich liebe meine Frau, wir verstehen uns gut, aber wenn ich ehrlich bin, finde ich sie nicht wirklich attraktiv. Sie ist mir einfach zu dick. Ich weiß, das darf man nicht sagen, aber es ist so. Ich mag mir ihren nackten Körper nicht anschauen. Das kann ich ihr unmöglich sagen, und dass ich es ihr nicht sagen kann, belastet mich genauso wie die Tatsache, dass ich fette Frauen einfach hässlich finde. Trotzdem liebe ich sie.“Wie viel Wahrheit kann eine Beziehung aushalten, und wie viele Lügen kann sie vertragen? Diese Frage stellte mir auch eine Freundin, deren Ehe glücklich war, bis sie erfuhr, dass sie von ihrem Mann jahrelang belogen worden war. Er wollte sie nicht beunruhigen und verschwieg ihr deshalb eine schwerwiegende Diagnose. Als sie schließlich doch davon erfuhr, war er bereits genesen. Sie fand zufällig Arztbriefe und Befunde beim Aufräumen. Selbst einen mehrtägigen Klinikaufenthalt hatte er als berufliche Reise getarnt.Lesen Sie auchAls sie ihn darauf ansprach, erklärte er, dass es ihm geholfen habe, ihr vorzuspielen, dass alles in Ordnung sei. So habe er glauben können, dass die Krankheit nur eine vorübergehende Episode war. Denn wenn er mit ihr zusammen war, fühlte sich alles normal an. Meine Freundin war erleichtert, dass es ihrem Mann wieder gut ging, aber zutiefst verletzt darüber, dass er ihr nicht zugetraut hatte, die Wahrheit auszuhalten und ihn durch diese Zeit zu begleiten. „Allein die Tatsache, dass er so gut lügen konnte, macht es mir unmöglich, ihm jemals wieder zu glauben“, sagte sie. „Wer weiß, was er noch alles verheimlicht.“„Aber du warst doch die ganze Zeit glücklich mit ihm“, entgegne ich. „Du hast dich geliebt gefühlt, zwischen euch hat sich nichts verändert. Du weißt jetzt nur etwas, das du vorher nicht wusstest.“Lesen Sie auch„Das verändert alles“, antwortete sie. „Ich bin mit einem Lügner verheiratet.“Wann also sind Lügen böse und wann vielleicht verständlich? Gibt es überhaupt gute Lügen? Belügt der Mann seine Frau, wenn er ihr gegenüber verschweigt, dass er ihren Körper abstoßend findet? Oder würde er ihr mehr schaden, wenn er die Wahrheit ausspricht? Meistens beginnt eine innere Abwendung schleichend. Oft aus Angst, den anderen zu verletzen oder einen Konflikt auszulösen. Aber ist das wirklich Rücksichtnahme?Wer kennt sie nicht, diese Menschen, die einem die größten Unverschämtheiten ins Gesicht schleudern und sich dann achselzuckend erklären: „Ich bin nur ehrlich“? Man tut damit so, als wäre Ehrlichkeit immer moralisch überlegen. So einfach ist das aber nicht. Ehrlichkeit ist vielschichtig: Sie kann verletzend, feige oder entlastend sein. Manchmal will man seine Wahrheit nur loswerden, um sich selbst zu reinigen. Der Schmerz oder die Schuld wird dann auf den anderen übertragen – denn geteiltes Leid ist halbes Leid.Lesen Sie auchDabei löst Wahrheit allein erst mal nichts. Auch wenn Menschen sagen, sie wollen die Wahrheit, wollen sie oft etwas anderes: Sicherheit, Kontrolle und Vorhersagbarkeit. Wahrheit nur, solange sie weder das Selbstbild noch das Weltbild erschüttert. Aber genau das ist die Absicht und gleichzeitig Gefahr der Wahrheit. Und das muss man aushalten können, denn Ehrlichkeit und Wahrheit sind selten bequem.Absolute Ehrlichkeit ist ohnehin ein Fantasieprodukt. Niemand sagt alles. Wir alle filtern und verschweigen, jeder inszeniert sich auf seine Weise. Schon Höflichkeit ist kontrollierte Unehrlichkeit. Die Frage ist also eher: Welche Unehrlichkeiten zerstören Vertrauen, und welche machen Zusammenleben überhaupt erst möglich? Muss man sich alles erzählen, oder ist es in Ordnung, Geheimnisse zu haben? Diese Frage stellte ich zur Diskussion.„Wenn ich etwas verabscheue, dann ist es Unaufrichtigkeit“, sagt Marie. „Ich kann jede Wahrheit besser annehmen als eine Lüge, die mich schonen soll. Mit einem Mann, der sich nicht den Konsequenzen seiner Entscheidungen stellen kann, will ich nichts zu tun haben.“Ich fragte sie, wie sie damit umgehen würde, wenn ihr Mann ihren Körper oder ihren Geruch abstoßend fände. „Das wäre hart“, antwortet sie. „Aber genau das würde ich wissen wollen. Dagegen kann man doch etwas tun.“ Die anderen Frauen stimmen ihr zu.Lesen Sie auchPetra sagt: „Wir haben vereinbart, dass wir uns einen Seitensprung nicht erzählen. Wir bemühen uns beide um Treue, wissen aber auch, dass Menschen Fehler machen. Ich will nur rechtzeitig wissen, wenn mein Mann sich ernsthaft verliebt und sich innerlich von mir entfernt, bevor es zu spät ist.“Silvie sieht das ähnlich: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Ich finde es erbärmlich, wenn jemand fremdgeht und dann beichtet, nur um sein schlechtes Gewissen loszuwerden. Wenn mein Mann eine Krankheit vor mir verschweigen würde, würde ich das nicht persönlich nehmen. Das ist seine Entscheidung.“Die Ansichten könnten also unterschiedlicher nicht sein. Das ist ein Grund, warum man schon sehr früh darüber sprechen muss, was man unter Ehrlichkeit versteht und welche Wahrheiten man überhaupt miteinander teilen will.Vielleicht verletzen uns Lügen deshalb so tief, weil sie uns mit etwas konfrontieren, das wir in Beziehungen nur schwer aushalten: dass der andere niemals vollständig für uns zugänglich ist. Das Schmerzhafteste an einer Lüge ist deshalb die Erkenntnis, dass der andere eine innere Welt hat, die uns verborgen bleibt. Dass selbst bei größter Nähe ein Abstand bleibt, zerstört die Illusion von Einheit. Die Verletzung liegt damit nicht nur in der Lüge selbst, sondern in der Erkenntnis, dass selbst Liebe den Abstand zwischen zwei Menschen niemals ganz aufheben kann.