PfadnavigationHomeICONISTTrends„Cleantok“-Influencerin„Putzen ist jetzt mein Vollzeitjob“Von Josie RathVolontärin an der Axel Springer Academy Stand: 13.05.2026Lesedauer: 4 MinutenWie reinigt man ein Waschbecken richtig? – „Cleantok“ gibt die Anleitung dafür Quelle: Getty Images/Westend61Lisa-Sophie hat ihren Job als Bürokauffrau gekündigt und lässt sich nun auf TikTok beim Putzen zusehen. „Cleantok“ ist mittlerweile mehr als ein Spaß – Millionen gerade aus der Gen Z finden es lehrreich und entspannend, andere beim Säubern der Wohnung zu betrachten.Lisa-Sophie filmt sich beim Putzen. Genauer gesagt: nur ihre Hände. Wie sie Kalk aus der Dusche entfernt, den Airfryer auswischt oder die Spülmaschine tiefenreinigt. Ihr Gesicht sieht man in den Videos nicht und trotzdem erreichen ihre Clips auf Instagram und TikTok regelmäßig zwischen 150.000 und 350.000 Aufrufe. Vor sieben Monaten hat sie dafür sogar ihren Vollzeitjob gekündigt. Statt Büroalltag jetzt: „Cleantok“. Putzen als Content.Sie hatte eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement gemacht, zwei Jahre gearbeitet – fester Job, geregeltes Einkommen. Aber dass sich mit Putzen auch ernsthaft Geld verdienen lässt, zeigte sich „als dann ein langfristiger Kooperationspartner mit einer verlässlichen Zusammenarbeit“ auf sie zukam. „Das war für mich der entscheidende Moment“, sagt sie. Heute finanziert sie sich hauptberuflich als Content-Creatorin über Markenkollaborationen und langfristige Partnerschaften. Zu ihrem Alltag gehören inzwischen nicht nur Putzvideos, sondern auch Dreh, Schnitt, Vertragsverhandlungen, Buchhaltung und das Management ihrer Kooperationen. „Gerade als Selbstständige ist man nicht nur Creatorin, sondern gleichzeitig auch Unternehmerin. Das wird bei Social Media oft unterschätzt.“Was nach einer kuriosen Nische in den sozialen Medien klingt, trifft einen echten Nerv. Denn wer sehr jung ist und gerade in seine erste eigene Wohnung zieht, steht plötzlich vor Fragen, die peinlich banal klingen: Wie oft muss ein Bad eigentlich geputzt werden? Was ist der Unterschied zwischen Scheuermilch und Allzweckreiniger? Wie bekomme ich den unangenehmen Geruch aus dem Abfluss weg? Keine große Lebenskrise. Und doch: Für viele aus der Generation Z ist der eigene Haushalt eine echte Herausforderung. Genau hier setzt „Cleantok“ an – eine Zusammensetzung aus den Begriffen „clean“ und „TikTok“. Zwischen ästhetischen Vorher-Nachher-Videos, penibel sortierten Kühlschränken und Videos über die richtige Reihenfolge beim Kücheputzen, wird schön inszeniert gezeigt, was früher im Haushalt einfach dazugehörte. Der Algorithmus als „dein“ Haushaltscoach. Und kaum ein Content funktioniert in den sozialen Medien so zuverlässig wie sichtbare Transformation.Eine Studie von YouGov aus April 2025 zeigt, wie groß das Phänomen bereits ist: 64 Prozent der deutschen Social-Media-Nutzer schauen sich Inhalte rund um Hausarbeit an – das liegt knapp hinter Fitness (66 Prozent) und deutlich vor Mode-Content (59 Prozent). Außerdem empfinden mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen ein positives Gefühl und halten es für unterhaltsam, wenn sie anderen beim Saubermachen zusehen. Lesen Sie auchDabei geht es längst nicht mehr nur um saubere Oberflächen. „Cleantok“ inszeniert Ordnung als Haltung. In den Anfang bis Mitte Zwanzigern der Generation Z – einer Phase, die von Umzügen, Jobsuche und genereller Orientierungslosigkeit geprägt ist – hat das eine fast meditative Qualität. Kontrolle über den Haushalt, wenn alles andere gerade unkontrollierbar wirkt.Denn wer bei @cleanwithlisasophie landet, sucht oft mehr als nur einen Putztipp. Natürlich könnte man auch googeln, wie man Kalkflecken in der Dusche entfernt, aber das vermittelt nicht das Gefühl, Teil der „Clean-Girl-Ästhetik“ zu sein: weiße Bettlaken, Spülmaschinentabs in Glasbehältern mit Holzdeckel und Wohnungen, die aussehen, als würde dort nie wirklich jemand leben. Putzen wird zum Lifestyle – und Lifestyle lässt sich verkaufen. Denn zwischen Lisa Sophies Schritt-für-Schritt-Anleitungen tauchen immer wieder ihre Produktempfehlungen ihrer Kooperationspartner auf. Besonders beliebt sind die Marken „The Pink Stuff“ oder „Scrub Daddy“. Über Amazon-Links können Zuschauer ganz einfach die Produkte nachkaufen und jeder Kauf bringt der Influencerin Provision ein.„Muss ich auch dringend machen“ oder „Danke für die Erinnerung“ sind die häufigsten Kommentare unter ihren Videos. Was früher Mutter oder Vater zeigten, lernen sie jetzt von Fremden auf dem Smartphone. Während 44 Prozent der Generation Z spezialisierten „Cleanfluencern“ vertrauen, sind es bei den Babyboomern, Jahrgang 1946 bis 1964, gerade mal 15 Prozent. Gleichzeitig zeigt die Plattform eine Version von Haushalt, die mit der Realität vieler wenig zu tun hat. Wohnungen wirken makellos und kaum jemand zeigt das Bad, das seit zwei Wochen aufgeräumt werden müsste, oder wie lange man in Wirklichkeit putzt, bis die ganze Wohnung so blitzt. Dessen ist sich die „Cleanfluencerin“ auch bewusst: „Ich möchte mit meinem Content deshalb vor allem inspirieren und motivieren, aber keinen Druck erzeugen. Für mich darf Cleaning Content schön aussehen, solange klar bleibt, dass das nicht der Maßstab für jeden Alltag sein muss.“Warum also schauen so viele lieber beim Putzen zu, statt selbst anzufangen? Vielleicht, weil es dabei längst nicht mehr nur um Sauberkeit geht. Hausarbeit wird zur Mischung aus Unterhaltung, Routine und Lifestyle. Lisa-Sophie sagt selbst: „Gerade Gen Z entdeckt dadurch vielleicht auch, dass Putzen nicht nur Arbeit ist, sondern auch etwas mit Selbstfürsorge, Wohlfühlen und einem schönen Zuhause zu tun haben kann.“ Für viele Mitte-20‑Jährige ist das der erste Versuch, ein Leben zu ordnen, das plötzlich komplett in der eigenen Verantwortung liegt – ohne Eltern im Hintergrund, die die Zahnpastareste wegwischen, Klodeckel schließen oder den Mülleimer leeren, bevor man überhaupt merkte, dass er voll war.
Social Media: Warum Gen Z lieber putzt als Karriere macht - WELT
In den sozialen Medien wird aus Putzen Unterhaltung – Millionen schauen anderen beim Saubermachen zu. „Cleantok“ ist mittlerweile aber mehr als Spaß und so erfolgreich, dass eine Influencerin dafür sogar ihren Vollzeitjob kündigte.








