PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1966„Moby Dick“ im Rhein – Ein weißer Wal hielt Deutschland in AtemVon Antonia KleikampStand: 13.05.2026Lesedauer: 5 Minuten„Moby Dick“, der weiße Beluga-Wal, beschäftigte die Deutschen Mitte Mai 1966 tagelangQuelle: picture alliance/dpa/Egon SteinerMitte Mai 1966 schaute Deutschland fasziniert auf den Rhein: Ein Belugawal spielte hier Fangen mit der Wasserschutzpolizei und Zoologen. Am Ende siegte das Tier. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Auch am dritten Tag blieb die Jagd auf dem Rhein erfolglos, obwohl man alles Mögliche versucht hatte. Doch das Ziel, ein weißer Beluga-Wal, wollte den Häschern einfach nicht ins Netz gehen. Am Mittwoch, dem 18. Mai 1966, war das Tier auf der Höhe von Duisburg gesichtet worden, und sofort hatte der Direktor des Duisburger Zoos seine Chance erkannt: Das vier bis fünf Meter lange Tier würde hervorragend in sein Salzwasser-Delphinarium passen. Also verkündete der Zoologe Wolfgang Gewalt: „Ein Beluga-Wal im Rhein, das ist eine zoologische Sensation!“ Weil der Wal in dem schmutzigen Fluss aber bald eingehen würde, müsse man das Tier fangen.Zoodirektor Gewalt mobilisierte eine scheinbar übermächtige Armada: die schnellsten Fahrzeuge der Wasserschutzpolizei, Feuerlöschboote und sogar Landungsschiffe der Bundeswehr. Er selbst führte eine Druckpistole mit Narkosepatronen bei sich, und neben ihm im Bug eines Polizeibootes hockte ein Bogenschütze. Er wollte dem Wal einen Pfeil mit einer Nylonschnur in den Rücken schießen; am Seilende war eine kleine Boje befestigt, damit man das Tier besser verfolgen könne. Doch auch aus diesem Plan wurde nichts.Wie es der Zufall wollte, war der nächste Tag Christi Himmelfahrt und arbeitsfrei. Also zog es Tausende Vatertagsausflügler ans Rheinufer, um das Schauspiel zu beobachten. „Zahlreiche Amateurfotografen wagten sich mit ihren Apparaten bis zum Knie ins Wasser, um den Schuss des Jahres zu machen. Moby Dick ließ sie gewähren“, berichtete WELT über das Interesse an dem Meeressäuger.Um 11.30 Uhr am Donnerstag meldeten die Wasserschutzpolizei-Boote wieder „Wal in Sicht“. Der Beluga, inzwischen allgemein „Moby Dick“ genannt, schwamm bevorzugt die rund zwölf Kilometer lange Strecke zwischen Wesel und Götterswickerham hin und her – möglicherweise wegen des höheren Salzgehaltes an dieser Stelle des Stromes. Denn bei Ossenberg lag am Ufer eine Verladestelle der Salzbergwerke Borth, von der öfter Salz in den Rhein rieselte.Aus der Schweiz war der amerikanische Delphinjäger James Tiebor herbeigeeilt, der den Wal zweimal vergeblich mit einer Harpune aus Bambusrohr unter Kontrolle zu bringen versuchte. Er empfahl auch, „Moby Dick“ in eine Hafenanlage zu drängen und dann einen Zaun aus Holzlatten ins Wasser abzulassen. Nachmittags glaubte man dann, den Wal zu haben. Etwa in Höhe von Götterswickerham schwamm der Wal so nahe an das Boot, in dem Wolfgang Gewalt saß, dass der Zoodirektor eine Narkose-Patrone auf ihn abfeuerte. Der Schuss traf das Tier in den Rücken; es tauchte unter. Das war gegen 15 Uhr. Die folgenden zwei Stunden lang wurde er nicht mehr gesehen. Schon dachte man, er sei tot oder zumindest vor Erschöpfung auf den Grund des Rheins gesunken.Plötzlich, gegen 17 Uhr, sichteten die Jäger ihr Ziel erneut. Wieder schwamm er auf die niederländische Grenze zu. Dann endlich, gegen 18.30 Uhr, „als das Tier deutliche Erschöpfungserscheinungen zeigte“, konnte der Beluga von vier Booten eingekreist werden. Fieberhaft wurde versucht, ihn in ausgeworfene Netze zu bugsieren – bis zum Einbruch der Dunkelheit gelang das jedoch nicht. „Der Einsatz ist um 21 Uhr abgebrochen worden. Wir konnten nichts mehr sehen“, erklärte um 21.30 Uhr der zuständige Oberkommissar der Wasserschutzpolizei Duisburg.Die „rheinische Waljagd“ Mitte Mai 1966 war ohne Vorbild in der Geschichte, denn Belugas verlassen nur selten ihren natürlichen Lebensraum, die arktischen Gewässer. Nur etwa zwölf Sichtungen der auch Weißwal genannten Art an der britischen Küste wurden zwischen 1820 und 1966 registriert. Zuletzt war 1932 am Firth of Forth in Schottland, 830 Kilometer nordwestlich vom Jagdgebiet im Rhein, ein junges Beluga-Männchen gefangen worden.Hoch im Norden hingegen schwimmen die bis gut fünf Meter langen Wale häufig große Ströme aufwärts. Im Jenissei und im Amur (Sibirien) hat man Exemplare schon tausend Kilometer jenseits der Mündungen angetroffen. An der nordamerikanischen Küste wandern Weißwale den St.-Lorenz-Strom (Kanada) aufwärts und sind bis Quebec hinauf nicht selten. Nur einmal hingegen, im Jahre 1736, wurde ein Weißwal in der Elbmündung beobachtet.Bis 1966 waren Belugas nur gelegentlich erfolgreich in Gefangenschaft gehalten worden. Zwei Versuche, von Kanada herübergebrachte Tiere im Londoner Aquarium zu präsentieren (1877/1878), scheiterten – die Wale gingen bald ein. Im Coney-Island-Aquarium in New York hingegen lebten zu dieser Zeit schon seit Jahren mehrere Belugas. „In dem sehr großen Delphinarium des Duisburger Tierparks wäre die Haltung des Weißwals sehr gut möglich“, gab WELT die Vermutung eines Walexperten wieder. Am Freitagabend teilte die Wasserschutzpolizei Duisburg mit, dass „Moby Dick“ munter wie kaum zuvor durch den Rhein schwimme, stromauf- und stromabwärts, und den Walfängern dabei manches Schnippchen schlage. Offenbar hatte die Nachtruhe, die der Wal in einem Baggerloch in einem Seitenarm des Rheins verbrachte, neue Kräfte verliehen.Die Prognosen der Fachleute, dass das Riesensäugetier im fischarmen und stark verschmutzten Rhein nicht lange werde aushalten können, erwiesen sich als verfehlt. Als die Dunkelheit hereinbrach, schwamm der Beluga-Wal etwa auf der Höhe von Rheinberg munter im Strom.Währenddessen löste sich das Rätsel, wie der Wal in den Rhein gekommen war. Diese „zoologische Sensation ersten Ranges“ fand ihre Erklärung wohl darin, dass „Moby Dick“ gar nicht aus den arktischen Gewässern gekommen war, sondern von der englischen Küste. James Tiebor erklärte, dass vor etwa elf Monaten fünf Beluga-Wale nach Europa verschifft worden seien. Eine Riesenwelle habe dicht an der englischen Küste den Spezialtransporter jedoch so durchgeschüttelt, dass drei Tiere über Bord gespült wurden. Von diesen drei Walen war nur einer tot gefunden worden: Seine Schwanzflosse war, vielleicht ebenfalls von einer schweren Welle, gebrochen worden.Am Samstagnachmittag, dem vierten Tag der Jagd, verschwand der Wal plötzlich aus dem Rhein; erst am Dienstag wurde er im Ijsselmeer wieder gesichtet. Zwar kehrte er noch einmal zurück in den Fluss und tauchte vor dem Regierungsviertel in Bonn auf, doch Mitte Juni erreichte er endlich die offene Nordsee und verschwand. Ein zehn Tage später in Schweden tot angespülter Beluga war ein anderes Exemplar.
1966: „Moby Dick“ im Rhein – Ein weißer Wal hielt Deutschland in Atem - WELT
Mitte Mai 1966 schaute Deutschland fasziniert auf den Rhein: Ein Belugawal spielte hier Fangen mit der Wasserschutzpolizei und Zoologen. Am Ende siegte das Tier. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.









