„Ich denke, er hat die Konsequenzen vollkommen verstanden“, sagt Carlson (r.) über Trumps Iran-KriegQuelle: Anna Moneymaker/Getty ImagesTucker Carlson rechnet mit dem US-Präsidenten ab. Über viele Jahre habe der einstige Fox-News-Moderator diesen verteidigt, doch die Folgen des Iran-Kriegs seien nun zu verheerend. Dabei sei Trump selbst nicht begeistert davon gewesen – sondern nur die „Geisel“ von Netanjahu.Tucker Carlson hat einen weiten Weg zurückgelegt. Einst hatte der Journalist für den eher linksliberalen Sender MSNBC gearbeitet, bevor er sich mit seinem abendlichen Format „Tucker Carlson Tonight“ zum Lautsprecher von Fox News entwickelte. Bis 2023 rührte er dort leidenschaftlich die Werbetrommel für die Republikaner – und im Besonderen für Donald Trump. Nach seinem unfreiwilligen Ausscheiden machte er sich selbstständig, um in Online-Formaten Russlands Präsident Wladimir Putin oder Holocaustleugner Nick Fuentes eine Bühne zu bieten. Nebenbei verdingte er sich als Scharfmacher im Dienste Trumps beim vergangenen Präsidentschaftswahlkampf. Unter dem Eindruck des Iran-Kriegs vollzog sich der öffentliche Bruch mit Trump. Erst nannte Carlson die Angriffe „absolut widerlich und böse“, dann legte er in seinem Podcast nach. „Ich denke schon, dass es ein Moment ist, in dem wir mit unserem eigenen Gewissen ringen müssen. Wir werden lange davon gequält werden“, schilderte er darin seine Scham angesichts der eigenen Verantwortung. „Ich möchte sagen, dass es mir leid tut, Menschen in die Irre geführt zu haben.“ Der US-Präsident schoss umgehend auf „Truth Social“ zurück. Carlson sei ein Idiot, der „nicht mal sein Studium“ abgeschlossen habe und „einen guten Psychiater aufsuchen“ sollte. Er gehöre neben der Journalistin Megyn Kelly oder Radiomoderator Alex Jones zu jenen „Spinnern, Unruhestiftern, die alles sagen würden, um billige Publicity zu ergattern“. Sie fänden es toll, wenn der Iran, „der führende staatliche Unterstützer des Terrorismus“, Atomwaffen besäße, behauptete Trump.Nun traf sich die Journalistin Lulu Garcio-Navarro von der „New York Times“ zu einem ausgiebigen Interview mit dem Podcaster, um insbesondere dessen Haltung zum Nahost-Krieg zu beleuchten. Bereits seit 2016 habe er mit Trump über den Iran gesprochen, erklärte Carlson, da auf diesen – wie auf viele seiner Vorgänger – großer Druck ausgeübt worden sei, einen Regimewechsel herbeizuführen. „Wir wissen aus unserer Erfahrung mit einem viel kleineren Land, dem Irak, dass dies eine große Herausforderung ist, nicht unbedingt zu einem gewünschten Ergebnis führt und den Vereinigten Staaten schadet. Trump wusste das“, insistierte Carlson gegenüber der Zeitung. Eben darum habe er sich in seiner Funktion als Anchorman von Fox News für den damaligen Präsidentschaftskandidaten starkgemacht. „Das war für meine Ansichten über Trumps Kandidatur und Präsidentschaft von zentraler Bedeutung.“ Lesen Sie auch„Iran ist keine Militärmacht, sondern eine Wirtschaftsmacht. Das lag auf der Hand, denn das Land kontrolliert den größten Küstenabschnitt am Persischen Golf, der ein Fünftel der weltweiten Energieversorgung ausmacht – all das ist heute bekannt und war ihm damals auch bewusst“, schilderte der politische Kommentator. „Ich denke, er hat die Konsequenzen vollkommen verstanden.“ Gerüchte, wonach Trump unter Demenz leide, wies Carlson ebenso zurück wie die Annahme, der US-Präsident habe den Iran unterschätzt. „Ich denke, die Venezuela-Operation hat ihm erlaubt, sich in eine Art Fantasiewelt zurückzuziehen, in der er sich einredete, dies würde ein Kinderspiel werden. Aber ich glaube nicht, dass er das selbst glaubte.“Lesen Sie auchAls die Vereinigten Staaten im Zuge der Operation Midnight Hammer im vergangenen Juni Angriffe auf iranische Atomanlagen flogen, habe sich der Weg zum Regimewechsel abgezeichnet, was ihn „fassungslos“ gemacht habe. Er fürchtete „verheerende Folgen“, die nun sogar übertroffen worden seien. Anfang des Jahres habe er Trump mehrfach in Washington besucht und mit ihm telefoniert, um Einfluss auf diesen auszuüben. „Am Ende dieser Gespräche – das letzte fand wohl eine Woche vor Kriegsbeginn statt – hatte ich den starken Eindruck, dass er keine andere Wahl sah und sich damit abgefunden hatte. Er war unglücklich darüber.“ Lesen Sie auchLaut Carlsons Beobachtung seien weder Trump noch Außenminister Marco Rubio, der den Iran selbst stets als größte Bedrohung skizziert hatte, begeistert davon gewesen, militärisch einzugreifen. Niemand im Weißen Haus habe die Kriegspläne enthusiastisch vorangetrieben. „Stattdessen gab es, wie immer, viele Feiglinge, und Trump schürt Feigheit in seinem Umfeld durch Einschüchterung. Er besitzt eine faszinierende Ausstrahlung. Ich glaube, es ist tatsächlich ein Zauber“, sagte der Journalist schwärmerisch. „Die Folge ist, dass er die Menschen um sich herum schwächt, sie gefügiger und verwirrter macht. Ich habe das selbst erlebt. Verbringt man einen Tag mit Trump, befindet man sich in einer Art Traumwelt. Es ist wie Haschisch rauchen.“Doch wer habe sich letztlich für den Krieg eingesetzt? „Mein starker Eindruck – und ich kann mich irren, da ich nicht dort arbeite – ist, dass niemand im Gebäude dafür gedrängt hat, zumindest nicht offen. Der ganze Druck kam von außen – ständige Anrufe von Spendern und Personen mit Einfluss auf den Präsidenten.“ Zu diesen zählte Carlson den Medienunternehmer Rupert Murdoch, die Parteispenderin Miriam Adelson, den konservativen Aktivisten Mark Levin sowie den Moderator Sean Hannity, wobei die beiden Letztgenannten dies auf Nachfrage bestritten haben.Lesen Sie auchAuffällig am Interview von Lulu Garcio-Navarro mit dem früheren Fox-News-Host ist, wie dieser Leerstellen seines eigenen Wissens über die Abläufe mit Geraune füllt. „Das war kein normaler Entscheidungsprozess. Mein starker Eindruck war, dass Trump in dieser Angelegenheit eher eine Geisel als ein souveräner Entscheidungsträger war“, munkelte Carlson. „Welche Mechanismen führen dazu, dass ein Mann, der angeblich souverän ist, die Verantwortung trägt und dem diese Autorität von Millionen Wählern verliehen wurde, keine Entscheidung im Interesse des Landes oder gar in seinem eigenen Interesse treffen kann?“Auf die direkte Frage, wessen „Geisel“ der US-Präsident sein könnte, antwortete Carlson unumwunden: „Von Benjamin Netanjahu und seinen vielen Unterstützern in den Vereinigten Staaten.“ Jenen sei es darum gegangen, eine Verhandlungslösung zu unterlaufen und den Konflikt fortzuführen, „bis der Iran zerstört und im Chaos versunken war – das ist das israelische Ziel.“ Als Angriff auf Israel wolle er seine Einschätzung nicht verstanden wissen. Dennoch legte er nach: „Trump weigerte sich sogar, Netanjahu öffentlich zu kritisieren. Ist das ein Witz? Das ist Sklaverei. Das ist die totale Kontrolle eines Menschen durch einen anderen. Und das ist, was mich betrifft, eine Angelegenheit zwischen Trump, Bibi und Gott.“Lesen Sie auchÜber zehn Jahre lang habe er den US-Präsidenten bei Fox News verteidigt, „aber mittlerweile sind die Folgen dieser Entscheidung so verheerend für die Vereinigten Staaten und für meine und Ihre Familie, dass man es einfach aussprechen muss“. Carlson verkaufte seine Opposition zu Trump als eine Art Notwehr-Erzählung. „Das Ganze wird jeden, der damit zu tun hat, auf absehbare Zeit ruinieren, einschließlich der gesamten Republikanischen Partei. Wenn Sie sich für Präsident Gavin Newsom freuen, ist das wohl gut. Ich tue es nicht, deshalb halte ich es für eine Katastrophe. Eine echte Katastrophe.“
Tucker Carlson: „Die Venezuela-Operation hat Trump erlaubt, sich in eine Art Fantasiewelt zurückzuziehen“ - WELT
Tucker Carlson rechnet mit dem US-Präsidenten ab. Über viele Jahre habe der einstige Fox-News-Moderator diesen verteidigt, doch die Folgen des Iran-Kriegs seien nun zu verheerend. Dabei sei Trump selbst nicht begeistert davon gewesen – sondern nur die „Geisel“ von Netanjahu.








