PfadnavigationHomeRegionalesHamburgRenaturierungDie Zukunft wächst am FeldrandVeröffentlicht am 03.05.2026Lesedauer: 6 MinutenBlüten der Schlehe, dahinter ein Rapsfeld bei Heiligenhafen an der Ostsee in Schleswig-HolsteinQuelle: picture alliance/Zoonar/Thorsten SchierEine kleine Plantage mit großer Wirkung: Schleswig-Holstein baut erstmals ­Saatgut für Sträucher an – und schließt damit eine für Waldumbau und Renaturierung zentrale Lücke.Von der Landstraße führt nur ein schmaler Weg ab, rechts Felder, links der ausfransende Rand eines Waldes. Nach einigen Hundert Metern öffnet sich der Blick auf eine Fläche, die man ohne das Schild leicht übersehen würde: eine Samenplantage für Sträucher. Was nach Acker mit ein paar dünnen Stöcken aussieht, ist in Wahrheit ein weiterer Baustein für die Landschaft der Zukunft.Deutschland baut große Teile seiner Landschaft um, kreist die öffentliche Debatte kreist allerdings noch viel um Wälder und Bäume: um Fichtensterben, um Douglasien, Eschen, Kastanien, Wildbirnen, um Schädlinge wie Borkenkäfer und die Suche nach „klimastabilen Arten“. Sträucher kommen dabei bisher oft nur untergeordnet vor. Die Gewächse werden in und außerhalb des Waldes an vielen Stellen gebraucht, gerade dort, wo gebaut, ausgeglichen, gesichert oder renaturiert wird: an Straßen und Trassen, an Gewässern, auf Ausgleichsflächen – und in Norddeutschland auch entlang von Deichen und in Küstenräumen, wo Eingriffe regelmäßig kompensiert werden müssen.Lesen Sie auchSeit 2020 schreibt Paragraf 40 des Bundesnaturschutzgesetzes vor, dass bei Pflanzungen in der freien Landschaft ausschließlich Samen und Pflanzen aus der jeweiligen natürlichen Herkunft verwendet werden dürfen. Hintergrund war die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht reichen würde, die Natur nur in ausgewiesenen Gebieten zu schützen. Zum Erhalt heimischer Arten – in ihrer Anzahl und genetischen Vielfalt – wurde bestimmt, dass nur noch diese gepflanzt werden dürfen. Was bei Waldbäumen längst Standard ist, stellte sich jedoch bei Sträuchern als problematisch heraus. Geeignete, zertifizierte Strauchsamen und -Pflanzen sind nur begrenzt verfügbar, während der Bedarf durch Ausgleichs‑, Ersatz‑ und Renaturierungsmaßnahmen steigt. Nach Angabe der Schleswig-Holsteinischen Landesforste zeigen sich die Engpässe besonders dort, wo Sträucher kurzfristig für Ausgleichsflächen oder Ersatzmaßnahmen bei Infrastrukturprojekten gebraucht werden. Baumschulen könnten die Nachfrage dann nur eingeschränkt bedienen.Hier sollen die Samenbanken helfen. Die Landesforste steuern dieser Entwicklung mit ihrer Hilfe entgegen. In der Försterei Hasselbusch bei Heidmoor ist die erste Plantage für gebietseigene Sträucher im Land entstanden – bundesweit gibt es bislang nur wenige vergleichbare Anlagen. Schleswig-Holsteins Forstministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU) weihte das Projekt ein, schrieb nach ihrem Besuch: „Mit der neuen Plantage gehen wir gemeinsam mit den Landesforsten einen wichtigen Schritt, um die Versorgung künftig zu verbessern – und Erleichterungen für Projekte und Baumschulen zu schaffen.“ Landesforstdirektor Chris Freise stellte den Schritt in einen größeren Zusammenhang: „Bei Waldbäumen achten wir seit Jahrzehnten darauf, nur geeignetes Saatgut aus heimischen Herkünften zu verwenden. Diese Erfahrungen übertragen wir nun auch auf Sträucher. So sichern wir genetische Vielfalt, biologische Anpassungsfähigkeit und einen gesunden Naturhaushalt.“Lesen Sie auchIn Heidmoor – und geplant auch weiter nördlich in Satrup – wachsen auf 1,4 Hektar Fläche gezielt ausgewählte Straucharten, die für viele Vorhaben im Norden eine Rolle spielen: Hasel, Schwarzer Holunder, Hundsrose, Pfaffenhütchen, Schneeball, Schlehe und Kreuzdorn. Die Auswahl orientierte sich, so erläutern es die Landesforste, am Bedarf der Baumschulen, an bekannten Projekten sowie an der tatsächlichen Verfügbarkeit zertifizierter Herkünfte.Hundsrose und Kreuzdorn gelten als besonders anpassungsfähigAuch die Frage der Klimaanpassung spielte bei der Auswahl eine Rolle. In einer Stellungnahme aus dem Umwelt‑ und Forstministerium heißt es, Sträucher hätten sich zwar insgesamt durch ihre im Vergleich zu Bäumen schnelleren Fortpflanzungszyklen bereits an die bislang gemessene Erwärmung von bis zu 1,4 Grad Celsius anpassen können. In die Auswahl für die Samenplantage seien aber auch Arten gekommen, die als besonders trockenheitsresistent und anpassungsfähig gelten, darunter Hundsrose und Kreuzdorn.Welche Sträucher als „gebietseigen“ gelten, orientiert sich an den Vorkommensgebieten des Bundesamtes für Naturschutz. Sie unterteilen Deutschland in sechs Großräume mit insgesamt 13 Untereinheiten. Die in Heidmoor gepflanzten Sträucher kommen aus dem „Norddeutschen Tiefland“, das die Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern sowie die nördlichen Regionen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen umfasst.Lesen Sie auchUm eine Vermischung mit genetischem Material nicht geeigneter Herkunft zu vermeiden, gelten für Samenplantagen feste Abstandsregeln. Nach Angaben der Landesforste müssen je nach Art und Standort 300 bis 600 Meter Abstand zu potenziellen Fremdbestäuberquellen eingehalten werden. In Heidmoor stammen alle Pflanzen aus zertifizierten Herkünften, deren Eignung in einem formalen Zulassungsverfahren überprüft wurde. Dass Sträucher in der Herkunftssicherung oft komplexer sind als Bäume, ist in der Fachliteratur gut dokumentiert. Autoren der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt weisen darauf hin, dass Sträucher lange als „Beiwerk“ galten, entsprechend wenig gezielt erforscht und gesichert wurden – trotz ihrer ökologischen Bedeutung.Samenplantagen für Sträucher werden mehrAuch auf die Anlage in Heidmoor hat das Auswirkungen. So konnten nicht alle möglicherweise wünschenswerten heimischen Straucharten berücksichtigt werden, weil es nicht für alle genug qualitätsgesichertes Saatgut gibt. Um eine Samenplantage zu betreiben, müssen für jede Art mindestens fünf unterschiedliche Herkünfte vertreten sein. Ergänzt wird das Angebot der Landesforste daher durch zugelassene natürliche Beerntungsbestände in Wäldern und in der offenen Landschaft. Dort werden die Samen von eigenständig gewachsenen Sträuchern eingesammelt.Bundesweit rücken Samenplantagen stärker in den Fokus der Fachwelt. In einem Beitrag der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt heißt es, Samenplantagen seien in Deutschland seit mehr als 70 Jahren eine Quelle für hochwertiges Vermehrungsgut; lange aber seien sie aus dem Blick geraten, erst Klimastress und großflächige Wiederbewaldung (etwa nach dem Orkan Kyrill) hätten ihnen neue Bedeutung gegeben. Dazu kommt ein Fachkräftemangel, der zusätzlich die Samengewinnung in der freien Natur erschwert. Professionelle Baumsteiger – bei Nadelbäumen müssen Zapfen oft aus den Kronen geholt werden – und Sammelkräfte fehlen. Plantagen werden gezielt gepflegt, damit Ernte und Herkunftskontrolle planbar bleiben. Jahr für Jahr.Lesen Sie auchFür Sträucher sind Samenplantagen dennoch weiter selten. Im Nordwestdeutschen Raum gibt es etwa ein Dutzend. Doch wie Schleswig-Holstein machen sich immer mehr Länder auf den Weg, für den Umbau ihrer Landschaften Saatgut bereitzustellen. In Rheinland‑Pfalz etwa werden nach Angaben der Landesforste aktuell Erhaltungsplantagen auch für Straucharten angelegt, um genetisches Potenzial zu sichern. Dass dieser Weg nicht überall beschritten wird, zeigt der Blick nach Hamburg. In der Hansestadt gibt es derzeit keine Samenplantagen – weder für Bäume noch für Sträucher. „Die forstliche Saat‑ und Pflanzgutversorgung für den Hamburger Wald erfolgt überwiegend über zertifizierte Herkünfte außerhalb des Stadtgebiets und über Baumschulen“, teilt Alexander Fricke von der Umweltbehörde mit. Eigene Anlagen seien nach Kenntnis der Behörde nicht geplant.Für die Landschaft bedeutet das: Der Umbau entscheidet sich nicht nur in großen Waldprogrammen, sondern oft in unscheinbaren Pflanzungen am Rand von Straßen, Feldern und Deichen. Was dort wächst, hängt zunehmend von Saatgut ab, das verfügbar ist – oder eben nicht.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburg und Schleswig-Holstein. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Umweltpolitik.