PfadnavigationHomeGeschichteAufstand in AuschwitzAls die Todgeweihten sich gegen die Mörder erhobenVeröffentlicht am 05.05.2026Lesedauer: 6 MinutenSo zeichnet Vincent Burmeister die Attacke des KZ-Häftlings Chaim Neuhoff auf einen SS-Mann Quelle: digital images GmbH/WTS WixedMedia/Telefactory Weidt u. Müller GbR/Graphics: Vincent BurmeisterAm 7. Oktober 1944 wagten die Mitglieder des „Sonderkommandos“ in Birkenau den Aufstand wider die SS. Ein Dokumentarfilm zeigt diesen Akt der Verzweiflung in beeindruckenden, teilweise gezeichneten Bildern – denn Fotos gibt es nicht.Eine „Gnadenfrist“? Oder eher eine Verlängerung der Qual? Das wussten Abraham und Shlomo Dragon nicht, als sie am Abend des 6. Dezember 1942 im deutschen Konzentrationslager Auschwitz im besetzten Ostoberschlesien ankamen. Die zwei Brüder aus der polnischen Kleinstadt Żuromin, rund 120 Kilometer nördlich von Warschau, 23 und 20 Jahre alt, hatten schon mehrere Gettos überstanden und waren nun zusammen mit etwa 2500 weiteren Menschen in die Hölle auf Erden transportiert worden. Abraham und Shlomo gehörten zu den 406 meist jungen Männern aus diesem Deportationszug, die Häftlingsnummern erhielten und ins Lager Birkenau getrieben wurden – die übrigen fast 2100 Menschen wurden binnen der folgenden Stunden in einer der Gaskammern ermordet. Die Brüder stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Aufstand in Auschwitz“, der ab Mai 2026 in ausgewählten Kinos zu sehen ist. Denn beide wurden wenige Tage nach ihrer Ankunft im KZ (Shlomo erhielt die Nummer 80.359 eintätowiert und sein Bruder die 80.360) in das „Sonderkommando“ eingeteilt. So nannte die SS jene Häftlinge, die den „Betrieb“ in Birkenau am Laufen halten mussten.„Die Männer des Sonderkommandos sind Geheimnisträger des grausamen Mordens der Nationalsozialisten – und damit selbst zum Tode verurteilt“, erklärt die Sprecherin in dem Film von Regisseurin Gabi Schlag und Co-Drehbuchautor Andreas Kilian aus dem Off. Die Aufgabe dieser Männer war es, die massenhafte Menschenvernichtung vorzubereiten und anschließend die Spuren zu beseitigen. Das bedeutete: Mehrmals pro Woche deportierte Menschen wider besseres Wissen beruhigen; sie zum Ablegen ihrer Kleidung bringen und in die Gaskammern führen; nach dem eigentlichen Mord (den SS-Leute mit dem Schädlingsgift Zyklon B begingen) die oft ineinander verkeilten Leichen aus den Gaskammern herausziehen, zu den Öfen der Krematorien tragen und dort einäschern; die Kleidung der Ermordeten sortieren – und den Betrieb des „Sonderkommandos“ aufrechterhalten: Essen besorgen und verteilen sowie ihre Baracke, den „Block“, sauber halten.Als Shlomo und Abraham in den „Block“ kamen, war er verlassen. Denn ihre Vorgänger im „Sonderkommando“ waren am Tag zuvor selbst ermordet worden. Das tat die SS regelmäßig, ungefähr alle sechs Monate. Andererseits sollten die unfreiwilligen Handlanger beim Massenmord nicht zu oft ausgetauscht werden, denn jede neue Gruppe musste sich erst „einarbeiten“, was den reibungslosen Ablauf des Tötens störte. Lesen Sie auchEs gibt keine Fotos der Tätigkeit des „Sonderkommandos“; die einzige Ausnahme sind vier teilweise unscharfe, verdeckt gemachte Aufnahmen. Wahrscheinlich knipste Alberto Errera, ein griechischer Jude, sie während der Verbrennung von Leichen ermordeter Holocaust-Opfer vor dem Krematorium V im Frühsommer 1944 mit einer eingeschmuggelten Kamera. Wie kann man etwas in einem Dokumentarfilm zeigen, was allein in Form von Zeugenaussagen überliefert ist? Gabi Schlag hat sich für szenische Zeichnungen im Stil einer Graphic Novel entschieden; als Künstler wurde Vincent Burmeister engagiert, der schon zahlreiche historische und zeitgenössische Themen mit hartem, schonungslosen Strich illustriert hat. Zwar gibt es auch einen Spielfilm über das „Sonderkommando“, erschienen 2002 unter dem Titel „Die Grauzone“. Doch damit eine Dokumentation zu bebildern, wäre ein optischer Zirkelschluss. Dieser Gefahr entgeht die reduzierte und vielfach erschütternd direkte, ja: harte Visualisierung durch Burmeister.Lesen Sie auchZwischen dem 9. Dezember 1942 und dem Ende des quasi-industriellen Massenmordens in Birkenau am 25. November 1944 sind lediglich fünf Fälle spektakulären Widerstands im „Sonderkommando“ dokumentiert. Andreas Kilian, neben dem Israeli Gideon Greif der wichtigste Historiker des Aspekts der KZ-Geschichte, geht davon aus, dass es auch nicht wesentlich mehr Fälle gegeben hat. Denn zwar überlebten von den insgesamt etwa 2200 Auschwitz-Häftlingen, die von der SS zu dieser Aufgabe gezwungen wurden, nur etwa 110, also gerade einmal fünf Prozent. Doch prägten sich „außergewöhnliche und extreme Ereignisse dieser Art“ in ihrem Gedächtnis „nachhaltig“ ein, „sprachen sich im Kommando und teilweise auch in anderen Lagerbereichen rasch herum oder wurden von den Chronisten im Sonderkommando dokumentiert“, schreibt Kilian.Lesen Sie auchDer zweifellos größte und wichtigste Akt des Widerstands, der Gabi Schlags Film den Namen gab, fand am 7. Oktober 1944 in den Krematorien IV und V in Birkenau (nach anderer Zählung mitunter auch Krematorien III und IV genannt) statt. Am Morgen erfuhren die Männer, dass etwa 300 von ihnen an diesem Tag „selektiert“ und ermordet werden sollten. Gegen 13.25 Uhr fand ein „Appell“ im umzäunten Hof des Krematoriums IV statt. 316 Häftlinge waren angetreten. Plötzlich griff der 54-jährige polnische Jude Chaim Neuhoff einen SS-Mann mit einem Hammer an – und rief dazu: „Hurra!“ Das löste Kampfhandlungen aus: Häftlinge des „Sonderkommandos“ begannen, Steine auf die SS-Leute zu werfen. Die Massenmörder zogen sich zurück und schossen zunächst ungezielt. Lesen Sie auchDie Brüder Abraham und Shlomo Dragon schildern in Gabi Schlags Film in (allerdings schon 1993 aufgenommenen) Interviews am Ort des Geschehens, was sie erlebten. Vincent Burmeister setzt zusätzlich die Erinnerungen des 2013 verstorbenen Augenzeugen Filip Müller und weitere Szenen in angemessen düstere Zeichnungen um.Während die SS die meisten Häftlinge binnen kurzem tötete, konnte Abraham Dragon sich vom Areal des Krematoriums IV retten, wurde aber außerhalb durch eine Kugel verletzt. Müller versteckte sich im Kamin des Krematoriums.Lesen Sie auchAuch im etwa 200 Meter entfernten Krematorium II wagten Mitglieder des dortigen „Sonderkommandos“ die Flucht, doch niemand von ihnen überlebte – sie konnten jedoch drei SS-Leute töten und zwölf verwunden. Außerdem wurde das Krematorium IV durch die Explosion eingeschmuggelten Sprengstoffs so stark beschädigt, dass es nicht mehr benutzt werden konnte. Am Abend des 7. Oktober 1944 waren 451 Angehörige des „Sonderkommandos“ der vier Krematorien tot, zwei Drittel der Gesamtstärke. Die Brüder Dragon (auch Shlomo hatte sich verstecken können) und Filip Müller zählten zu den Überlebenden. Vier junge Frauen, die für den Schmuggel in das „Sonderkommando“ verantwortlich gemacht wurden, erhängte die SS nach schweren Folterungen am 5. Januar 1945.„Aufstand in Auschwitz“ zeigt in naturgemäß furchtbaren Bildern und erschütternden Interviewpassagen eine dramatische Facette der Zeitgeschichte. Gabi Schlag setzt auf einen anderen visuellen Zugang als „Die Grauzone“ oder zuletzt der zu Recht viel gelobte Spielfilm „Zone of Interest“. Das ändert an der Eindringlichkeit ihres unbedingt sehenswerten Films nichts, im Gegenteil. Am Ende ihrer hochdramatischen und zugleich unendlich traurigen Dokumentation steht eine schlichte Aussage. „Die Leute fragen einen: ,Wie habt Ihr überlebt?‘“, sagt Abraham Dragon in die Kamera – und fügt hinzu: „Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Was soll ich sagen? Ich weiß es nicht.“Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen schon seit seinem Geschichtsstudium der Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und der Holocaust.