PfadnavigationHomeReiseOldtimer der MeereKreuzfahrt wie 1956 – mit der „Nordstjernen“ auf Zeitreise zur SeeVon Heidi ScharvogelStand: 15.05.2026Lesedauer: 6 MinutenSteht unter Denkmalschutz: Die 1956 gebaute „Nordstjernen“ ist weitgehend im Originalzustand erhaltenQuelle: Heidi Scharvogel/dpa-tmnSchwimmendes Museum: Das ehemalige Postschiff „Nordstjernen“ fährt fast im Originalzustand von 1956. Wie reist es sich auf einem Oldtimer, der die Wellen ohne Stabilisatoren nimmt, aber Gauguin-Kunst an Bord hat?Werden die beiden Uralt-Anker gesetzt, sprühen die dicken, rostigen Metallketten Funken. Ebenfalls von Anfang an steht das Notsteuerrad auf dem Achterdeck. Es ist direkt mit dem Ruderblatt verbunden und könnte auch heute im Notfall noch eingesetzt werden. Kurzum: Die „Nordstjernen“ – sie ist ein Oldie. Sie sei das älteste international fahrende Kreuzfahrtschiff der Welt, sagt Reiseleiterin Ruth Moritz, die für den Cruise von Warnemünde über Danzig und die baltischen Staaten nach Stockholm an Bord des ehemaligen Hurtigruten-Schiffes gegangen ist. Die Sache mit der Historie ist zwar komplizierter, aber das Alter des Schiffes, und die Atmosphäre an Bord, sie scheinen die Passagiere zu Wiederholungstätern zu machen.Lesen Sie auchLinda aus Norwegen reist innerhalb von zwei Monaten schon das zweite Mal auf der „Nordstjernen“ mit, deren Trips die Reederei als „Heritage Voyages“ anpreist. „Kleinere, alte Schiffe haben Charakter, fast so etwas wie eine Seele“, sagt sie. Auch Richard aus Großbritannien ist zum zweiten Mal an Bord. Er lobt die Crew: „Der Kontakt ist viel persönlicher als auf großen Kreuzfahrtschiffen.“Gebaut wurde „Nordstjernen“ 1956 in Hamburg bei Blohm & Voss für Hurtigruten, damals „nur“ das norwegische Postschifffahrtsunternehmen. Da 11 von 14 Hurtigruten-Schiffen den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt hatten, war der Bedarf an Postschiffen in Norwegen groß, die Werftkapazitäten aber waren gering. So ging der Auftrag nach Hamburg.Unter DenkmalschutzGut 70 Jahre später ist die „Nordstjernen“ als Kreuzfahrtschiff unterwegs – obwohl sie sich nicht als solches anfühle, sagt Reiseleiterin Moritz: „Eigentlich ist die ‚Nordstjernen‘ ein Traditionsschiff, aber diese Klassifizierung gibt es nicht für Schiffe, die international unterwegs sind.“So könnte man sagen: Die „Nordstjernen“ ist das älteste motorisierte Schiff, das Kreuzfahrten anbietet. Die „Hebridean Princess“, die ebenfalls zu den ältesten Kreuzfahrtschiffen zählt, wurde 1964 in Dienst gestellt, damals noch als Fähre, später folgten Umbauten. Und die „Astoria“, 1946 als das Passagierschiff „Stockholm“ gebaut, ist nicht mehr unterwegs.Zu den modernen Kreuzfahrtriesen, die tausende Passagiere fassen, bildet die „Nordstjernen“ ohnehin einen krassen Gegensatz: Bis zu 150 Passagiere nimmt sie mit. Und die spüren fast jede Wasserbewegung, was für Linda Anteil an der historischen Atmosphäre hat: Stabilisatoren gehörten in der Nachkriegszeit nicht zur üblichen Schiffsausrüstung. Ein nachträglicher Einbau kommt nicht infrage, da das Schiff seit 2012 unter Denkmalschutz steht.Während man sich auf den Riesenpötten schon auf einem Deck verirren kann, sind die Wege an Bord der „Nordstjernen“ schnell klar. Vorbei am brummenden und Wärme abstrahlenden Maschinenraum zum Treppenhaus der ehemaligen 2. Klasse, wo das Geräusch der Schiffsschraube gut zu hören ist – allein das undenkbar auf einem modernen Riesen –, geht es weiter hinauf in die Bar oder auf das Teakholz-beplankte Achterdeck mit seinen bequemen hölzernen Lehnstühlen. Und dann auch schon wieder zurück.Stricken in familiärer AtmosphäreDirekt unter der Brücke gelegen, bietet der Salon mit seinen vielen Fenstern auch an kühlen Tagen einen guten Blick aufs Meer. Von dem lenkt kein Unterhaltungsprogramm ab. Der Internetzugang über das Bord-WLAN funktioniert eigentlich nur in den Häfen. Eine echte Chance für digitales Detox.Reiseleiterin Ruth rät deshalb zu einem guten Buch, Strickzeug oder Gesellschaftsspielen. Wer möchte, kommt mit anderen Passagieren leicht ins Gespräch. Die Atmosphäre ist familiär.Dass man auf ein Animations- und Anreizfeuerwerk, die ganze schwimmende Unterhaltungsindustrie, wie auf den Kreuzfahrtriesen der Standard, verzichten darf, hat natürlich auch damit zu tun, dass die „Nordstjernen“ als Postschiff konzipiert war. Hinzu kommt: Der Denkmalschutz verbietet auch Umbauten, und die Kreuzfahrt-Umwidmung ist recht neu. Erst 2025 stach das Schiff zu einer „Heritage Voyage“ erstmals in See.Früher war die „Nordstjernen“ über Jahrzehnte, länger als jedes andere in der Hurtigruten-Flotte, als Postschiff unterwegs. „Eine Passagierin erinnerte sich, dass sie es als Kind gruselig fand, wenn die Autos am Kran hängend an Bord schwebten“, sagt Ruth. Da die „Nordstjernen“ 1982 eine neue, leistungsstarke Maschine bekommen hatte, sprang sie immer wieder ein, wenn andere Schiffe in die Werft mussten.Nach ihrem letzten Einsatz als Postschiff im Jahr 2012 übernahm die Reederei Vestland Classic das Schiff. Und Hurtigruten charterte es viele Sommer für kurze touristische Fahrten rund um Spitzbergen und zu dessen Versorgung – bis einschließlich 2024, dem Jahr, in dem geschlossene Rettungsboote in der Arktis vorgeschrieben wurden.Nach dem Vorbild von DampfschiffenFür die „Nordstjernen“ mit ihren offenen Rettungsbooten, die ebenfalls unter Denkmalschutz stehen, war damit Schluss. Unter Schutz steht die „Nordstjernen“ unter anderem, weil sie als letztes der Hurtigruten-Schiffe nach dem Vorbild von Dampfschiffen gebaut worden war. Wichtigstes Erkennungsmerkmal dieser Gattung: der Schornstein in der Mitte.Auch auf der Brücke sind die funktionsfähigen Steuer- und Messinstrumente aus dem Jahr 1956 erhalten. Zu erkennen sind sie an der blauen Farbe. Genutzt werden zusätzlich moderne elektronische Seekarten, Radar und Echolot.
Kreuzfahrt: „Der Kontakt ist viel persönlicher“ – was dieses Schiff anders macht - WELT
Schwimmendes Museum: Das ehemalige Postschiff „Nordstjernen“ fährt fast im Originalzustand von 1956. Wie reist es sich auf einem Oldtimer, der die Wellen ohne Stabilisatoren nimmt, aber Gauguin-Kunst an Bord hat?








