PfadnavigationHomeWirtschaftHohe Neuverschuldung„Ich kann nichts dafür, dass hier 20 Jahre lang alles kaputtgespart wurde“, sagt KlingbeilVeröffentlicht am 29.04.2026Lesedauer: 4 MinutenNach dem Kabinettsbeschluss zu den Haushalts-Eckwerten für ‌2027 hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) ⁠die Sparvorgaben für den Bundeshaushalt konkretisiert. Holger Zschäpitz, Leitender WELT-Wirtschaftsredakteur, analysiert die Klingbeil-Pressekonferenz.Finanzminister Klingbeil plant für 2027 neue Schulden in Rekordhöhe – sowie Einschnitte bei Sozialleistungen und höhere Abgaben auf Zucker, Plastik, Alkohol und Tabak. Auf einer Pressekonferenz verteidigt er sich gegen Kritik.Die Bundesregierung hat die Eckpunkte für den Haushalt 2027 beschlossen, der neue Schulden von 196,5 Milliarden Euro und Sparvorgaben für die Ministerien vorsieht. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) verteidigte die hohe Neuverschuldung, die „politisch notwendig“ sei. Man müsse den Investitionsstau auflösen und das Land „gegen äußere Bedrohungen schützen können“. Das Kabinett mahnte er, die Vorgaben für noch zu erbringende Einsparungen seien nicht mehr verhandelbar. Für 2027 sind Einsparungen etwa im Sozialbereich geplant. Mehr Geld sollen höhere Steuern auf Alkohol und Tabak bringen. Dennoch klafft in der Planung bis 2030 eine Lücke von rund 140 Milliarden Euro.Nach einer Frage von WELT-Redakteur Karsten Seibel zur Generationengerechtigkeit und den rasant steigenden Zinsen verteidigte Klingbeil bei einer Pressekonferenz die hohe Neuverschuldung. Es sei ein wichtiges Versprechen an die junge Generation, dass sie hier durch die Investitionen in die Verteidigung und die Infrastruktur in Freiheit leben könnten. „Ich kann nichts dafür, dass hier 20 Jahre lang alles kaputtgespart wurde.“ Für die Sicherheit des Landes müsse Geld in die Hand genommen werden. Lesen Sie auchFür 2027 ist die zweithöchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik geplant. Dabei ist schon berücksichtigt, dass die Ministerien bis zum 20. Mai noch konkrete Einsparungen vorlegen müssen. Alle Maßnahmen müssen von den jeweiligen Ministerien noch in konkrete Gesetze gegossen werden.Allein im Bereich der Rente müsse ein Betrag von vier Milliarden Euro erbracht werden, sagte Klingbeil. Das Digitalministerium solle drei Milliarden Euro einsparen. Durch die Gesundheitsreform solle der Bundeszuschuss um zwei Milliarden sinken. Für das Bauressort ist eine Milliarde, für das Familienministerium sind 500 Millionen Euro vorgesehen. Klingbeil deutete an, dass die Verhandlungen hart waren und womöglich noch härter werden. An die Adresse seiner Kabinettskollegen sagte er, die bisherigen Gespräche seien vielleicht „nur die Aufwärmübung“ gewesen.Lesen Sie auchAuf der Einnahmeseite sollen eine Plastikabgabe 1,4 Milliarden Euro bringen, höhere Steuern auf Genussmittel wie Tabak zwei Milliarden und die verschärfte Bekämpfung von Steuerkriminalität samt Kryptobesteuerung ebenfalls zwei Milliarden Euro. „Die Ehrlichen dürfen nicht die Dummen sein“, sagte Klingbeil dazu. Beim Abbau von Subventionen zeigte er sich mit den bisher vereinbarten 300 Millionen Euro unzufrieden: „Ich habe da ein anderes Ambitionsniveau.“Trotz der Maßnahmen klafft in der Finanzplanung für die Jahre 2028 bis 2030 eine Lücke von rund 140 Milliarden Euro. Der Etat von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) überschreitet 2027 erstmals die Marke von 200 Milliarden Euro. Der Verteidigungsetat soll bis 2030 auf rund 180 Milliarden Euro anwachsen. Die Zinsausgaben des Bundes explodieren und sollen sich bis 2030 auf 78,7 Milliarden Euro fast verdoppeln.Lesen Sie auchDie von der Koalition für 2027 geplante Steuerreform zur Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen ist in den Eckwerten nicht finanziert. Er wolle das „haushaltsschonend hinbekommen“ und erreichen, „dass Menschen, die hart arbeiten, mehrere hundert Euro im Jahr mehr im Geldbeutel haben“, sagte Klingbeil. Für ein gerechtes Gesamtpaket werde „jemand, der sechsstellig verdient, einen höheren Beitrag leisten müssen“. Das werde noch einige Debatten in der Regierung geben.Breite Kritik am HaushaltsplanBei Verbänden und in der Opposition stießen die Pläne auf breite Kritik. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) erklärte, mit den Eckwerten würden keine klaren Weichen für eine wirtschaftliche Erneuerung gestellt. Ähnlich äußerte sich der Verband der Automobilindustrie (VDA), der bemängelte, dass notwendige strukturelle Einsparungen vertagt würden. Der CDU-nahe Wirtschaftsrat nannte die Pläne „desaströs“, da Haushaltslücken nur durch „Placebo-Posten“ überdeckt würden.Auch aus der Opposition kam scharfe Kritik. Grünen-Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer sagte, der Haushalt sei „auf Treibsand gebaut“. Die Diakonie warnte hingegen vor massiven Einschnitten im sozialen Bereich und forderte, bei den auf Hilfe angewiesenen Menschen nicht den Rotstift anzusetzen. Die Gesamtausgaben des Bundes sollen von 543,3 Milliarden Euro im Jahr 2027 auf 625,1 Milliarden Euro im Jahr 2030 steigen. Größter Ausgabenposten ist der Etat von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), der 2027 erstmals die ‌Marke von 200 Milliarden Euro überschreitet. Der Verteidigungsetat soll bis 2030 auf rund 180 Milliarden Euro anwachsen. Inklusive der Ausgaben aus dem „Sondervermögen Bundeswehr“ und für die Ukraine-Hilfe steigt der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt 2027 auf 3,1 Prozent. Zugleich steigen die Zinsausgaben rasant: Sie sollen sich von 42,7 Milliarden Euro 2027 auf 78,7 Milliarden Euro im Jahr 2030 fast verdoppeln.Reuters/ll