PfadnavigationHomeRegionalesHamburgSozialer Brennpunkt„Behördendomino“ in Steilshoop – Warum auf einen Hausarzt 5000 Patienten kommenVeröffentlicht am 27.04.2026Lesedauer: 8 MinutenSteilshoop, ein „lost space“: Einfach war die Lage hier nie, jetzt spitzt sie sich zu. Quelle: Bertold Fabricius/BERTOLD FABRICIUSVon einst zehn Hausärzten praktiziert in Hamburg-Steilshoop nur noch einer. Ein neues Zentrum soll gebaut werden. Doch bei der Frage, wie die ärztliche Versorgung der Menschen für die nächsten sieben Jahre gewährleistet werden soll, herrscht RatlosigkeitDer Ärztetower in Steilshoop wirkt wie ein Geisterhaus. Von den knapp ein Dutzend Ärzten, die hier einst praktizierten, ist nur einer übrig geblieben. Ein Kinderarzt, seine Räume liegen im dritten Stock. Im Treppenhaus steht der Geruch von Urin und Marihuana, von den drei Aufzügen ist lediglich einer in Betrieb. Und dann gibt es diese Tage, da stehen oben im Flur vor der Praxistür die Eltern so dicht gedrängt, dass niemand aus dem Fahrstuhl steigen kann. Nicht selten dauert es Stunden, bis die Patienten den Arzt zu sehen bekommen. Das sind aber noch die guten Tage, denn es gibt auch jene, da drücken Eltern vergeblich die Klingel an der Praxistür. Einmal, zweimal, immer wieder. Doch niemand öffnet. Häufig sind es einfach viel zu viele Patienten für den Kinderarzt und sein Team, der ständig am Limit arbeitet. Und so kommt es vor, dass Eltern in ihrer Verzweiflung den Notarzt rufen. Zum Beispiel wegen eines Babys, das Fieber hat.Die hausärztliche Versorgung in Steilshoop steht kurz vor dem Kollaps, faktisch praktiziert neben dem Kinderarzt derzeit nur noch ein Hausarzt in der Hochhaussiedlung. Im Jahr 2020 gab es in hier noch zehn. Der Stadtteil im Osten von Hamburg ist umgeben von besser durchmischten Vierteln, gilt aber selbst seit jeher als sozialer Brennpunkt. Bezeichnend ist, dass sich die Zustände in den vergangenen Jahren verschärft haben. Das geht aus dem aktuellen Sozialmonitoring hervor. Rund 60 Prozent der Bevölkerung hier haben einen Migrationshintergrund, bei den unter 18-Jährigen liegt der Anteil bei knapp 80. Im Hamburger Durchschnitt beträgt er gut 40 Prozent. Es fehlt an allem, besonders an Hausärzten. Man schätzt, dass von den 19.000 Menschen, die im Viertel leben, 5000 auf eine wohnortnahe Versorgung angewiesen sind. Lesen Sie auchLesen Sie auchDie Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH) sagt, umliegende Praxen hätten bereits zahlreiche betroffene Patienten übernommen und damit die Weiterversorgung der Menschen gesichert. In einem Radius von drei Kilometern um das Zentrum von Steilshoop versorgen derzeit 69 Hausärzte sowie hausärztlich tätige Internisten Patienten. Zudem verweist die KVH auf ihre telefonische Terminservicestelle. Dort könnten Betroffene eine neue Praxis finden. Vor Ort ergibt sich ein anderes Bild. Die Patienten, die es betrifft – Ältere, chronisch Kranke und Gehbehinderte – schaffen es nicht zur nächsten Bushaltestelle, die im Zuge einer Großbaustelle verlegt wurde. Viele schaffen es auch nicht in die einzige Hausarztpraxis, denn die liegt im ersten Stock, einen Fahrstuhl gibt es nicht. Und selbst wenn diese Menschen sich mit einer Begleitperson aufmachen ins nächste Viertel, bekommen sie dort vielleicht einen Termin; als Patienten aufgenommen werden sie da aber wahrscheinlich nicht, denn dort sind die Praxen ebenfalls überlastet. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Zumindest nicht, wenn der Entwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz unverändert beschlossen werden sollte. Es sieht Honorareinschnitte von bis zu 30 Prozent in den Praxen vor und werde bewirken, prophezeit die KV, dass über eine Million Termine wegfallen. Steilshoop, ein „lost space“Im Erdgeschoss eines Hochhauses sitzt der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Sandro Kappe in einem Büro, das er sich genau genommen mit einem EC-Kartenautomaten teilt. Nicht im selben Raum, aber hinter einer nachträglich eingesetzten Wand. Hätte er nicht einen Teil seiner Fläche abgegeben, bekäme man im Viertel jetzt kein Bargeld mehr. Er sucht nach Worten, die erklären, warum die Lage in Steilshoop – einem „lost space“, wie er sagt –, so verfahren ist. Viermal die Woche ist er hier, hakt nach, bleibt dran, stellt Anträge und Anfragen in der Bürgerschaft. Er weiß, dass er manchen auf die Nerven geht. Aber er sieht auch, wie sich die Lage weiter zuspitzt.Ein Punkt ist dabei die ärztliche Versorgung im Viertel, die hier eine Lücke aufweist. Statistisch gilt Hamburg als überversorgt, bezogen auf die Gesamtstadt, wie die Kassenärztliche Vereinigung betont. Der Planungsbereich ist daher für Neuzulassungen gesperrt. Allerdings gibt es ein Ungleichgewicht. In den „reicheren“ Stadtvierteln siedeln sich mehr Ärzte an als in den sozial schwachen.Das liege im Wesentlichen daran, dass die Kassenhonorare in den meisten Fällen lediglich die laufenden Kosten einer Praxis tragen, sagt Felix Heimann. Er ist Fachanwalt für Medizinrecht und berät Ärzte bei Praxisübergaben und Neugründungen. Wirklich lohnen tue es sich erst für einen Arzt, wenn er Privatpatienten behandeln und sogenannte „IGeL“-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen), also solche, die nicht zum Katalog der gesetzlichen Krankenkassen gehören und von Versicherten als Selbstzahler übernommen werden müssen. Zwar gebe es Praxiskonzepte, die sich ausschließlich auf Kassenleistungen spezialisieren, doch diese müssten ihre Wirtschaftlichkeit durch hohe Patientenzahlen und optimierte Abläufe sichern. „In sozial schwachen Stadtteilen mit hohem Anteil an Kassenpatienten und wenigen Privatpatienten ist die wirtschaftliche Lage für Praxen daher angespannt“, so Heimann.Lesen Sie auchLesen Sie auchEin weiterer Effekt führe dazu, dass der Anteil der Privatpatienten darüber entscheide, wie lukrativ eine Praxis ist, erklärt Heimann. Bei Kassenpatienten sorgt die sogenannte Budgetierung, eine Art Kostendeckel, der nicht überschritten werden darf, dazu, dass Kassenbehandlungen zwar erbracht werden, jedoch ohne, dass ein Arzt dafür honoriert wird. Zwar wurde für Hausärzte eine Entbudgetierung beschlossen, sodass ein Großteil der hausärztlichen Leistungen seit Oktober 2025 voll vergütet wird.Dennoch bleibt die wirtschaftliche Situation in sozial schwachen Stadtteilen schwierig, da dort weniger Privatpatienten und individuelle Gesundheitsleistungen nachgefragt werden. Das System, das vorgibt, welche Leistung wie abgerechnet wird, ist komplex. Entscheidend ist für die Praxen aber auch: Dort, wo viele kranke Menschen leben und diese häufiger als anderswo zum Arzt gehen, klafft eine besonders große Lücke zwischen erbrachter Leistung und tatsächlich gezahltem Honorar. Und so entscheide oft der Standort darüber, ob ein Arzt zu den Besserverdienenden gehört oder nicht, sagt Felix Heimann. „Wer als Hausarzt nach Steilshoop geht, ist meist eher Idealist als Unternehmer.“Hinzu komme: Im Vergleich zu anderen Fachärzten bringe der Beruf des Hausarztes eine wesentlich höhere Arbeitsbelastung mit sich. Wer als Augenarzt oder Radiologe arbeitet, hat einen festen Dienstplan, verdient aber im Durchschnitt mehr als ein Hausarzt. Auch die demografische Entwicklung sei ein Problem, so der Fachanwalt. „Viele Hausärzte gehen in Rente, während zu wenige nachkommen. Die Zahl der Medizinstudienplätze ist begrenzt, der Numerus clausus (NC) hoch, und viele junge Ärztinnen und Ärzte arbeiten in Teilzeit oder steigen später in den Beruf ein.“Um die ärztliche Versorgung in sozialschwachen Stadtteilen zu verbessern, wurde vor Jahren das Modell der Gesundheitskioske entwickelt. Das sind niedrigschwellige Beratungsstellen, wo keine Ärzte, sondern geschulte Mitarbeiter arbeiten. Sie bieten hauptsächlich Beratung an, für die in Arztpraxen meist keine Ressourcen vorhanden sind. In Hamburg gibt es drei solcher Zentren, in Billstedt, Horn sowie eine in die Stadtteilklinik Mümmelmannsberg integrierte Anlaufstelle. Finanziert werden sie durch die AOK Rheinland/Hamburg, teilweise gemeinsam mit weiteren Krankenkassen. Der Deutsche Hausärzteverband kritisierte, die ersten Modelle dieser Art schafften neue, teure Strukturen, statt die hausärztliche Versorgung direkt zu stärken. Etwa durch bessere Vergütung oder weniger Bürokratie. „Die Gesundheitskioske sind von uns nie als flächendeckende „Parallelstruktur“ oder gar Ersatz medizinischer Versorgung angelegt worden, sondern dienen an ausgewählten Standorten als Lotsen insbesondere für Menschen, die sich in unserem Gesundheitswesen nicht zurechtfinden“, so Heiko Schmitz, Sprecher der AOK Rheinland/Hamburg. Lesen Sie auchDie Sozialbehörde verfolgt einen anderen Ansatz: Sie fördert derzeit sechs Lokale Gesundheitszentren (LGZ) als integriertes Versorgungsmodell. Im Mittelpunkt steht die enge Zusammenarbeit zwischen mindestens einer hausärztlichen Praxis, einer „Community Health Nurse“ (CHN) – also einer akademisch qualifizierten Pflegefachperson – sowie Angeboten der sozialen und psychosozialen Beratung.In Steilshoop ist die Sache noch vertrackter: Offenbar gibt es Ärzte, die bereit wären, hier zu arbeiten, es fehlt jedoch an geeigneten Praxis-Flächen. Das hängt damit zusammen, dass ein neues Zentrum geplant ist, denn das Viertel wird an die neue Bahnlinie U5 angeschlossen. Die Anbindung gilt als lang ersehnter „Gamechanger“, der tatsächlich eine Zeitenwende einläuten könnte. Doch bis die Großbaustellen abgeschlossen sind, werden noch Jahre ins Land gehen. Steilshoops Zentrum besteht im Wesentlichen aus dem Ärztetower und einem Einkaufszentrum. Beide Immobilien sind in der Hand eines Eigentümers, der auf dem Areal einen neuen Komplex bauen will. In der vergangenen Woche kam die Nachricht, dass Bezirk und Finanzbehörde mit ihm eine Sanierungsvereinbarung abgeschlossen haben. Von einem „weiteren Meilenstein“ ist die Rede. Die Frage, die sich jedoch aktuell stellt, ist: Wie soll die ärztliche Versorgung in der Übergangszeit, also für die nächsten sieben Jahre, sichergestellt werden? So lange müssen die Menschen hier offenbar irgendwie durchhalten. Sandro Kappe schüttelt darüber den Kopf. Er sagt, es brauche dringend eine pragmatische Lösung, eine Notfallpraxis. Sie könnte in Form eines Containerbaus am Rand des Viertels gebaut werden, auf einem Grundstück, das der Stadt gehört. Rechtlich möglich wäre es, kommunal umsetzbar auch. „Man könnte vieles, wenn man wirklich wollte“, sagt er. Und dann fällt ihm das Wort ein, das die Misere in Steilshoop trifft: „Hier herrscht Behördendomino“. Und so stellt es sich auch bei Nachfrage dar: Der Investor verweist an den Bezirk, der an die Behörde, die an die KV. Am Ende bleiben die entscheidenden Fragen unbeantwortet.Eva Eusterhus berichtet seit 2005 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg.