PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenNationalpark Siegen-Wittgenstein„Wir müssen nach anderen Möglichkeiten der Entwicklung suchen“Veröffentlicht am 29.04.2026Lesedauer: 6 MinutenAuf dem Rothaarkamm: Die Ginsburg bei Hilchenbach liegt in dem Gebiet, das für die Gründung eines Nationalparks in Siegen-Wittgenstein infrage kommt Quelle: picture alliance/Zoonar/Tobias ArhelgerDie NRW-Regierung wollte einen zweiten Nationalpark haben, doch in den infrage kommenden Landesteilen winkte man bloß ab. Mit Verspätung regt sich nun im Kreis Siegen-Wittgenstein Interesse.Nationalparke sind Gebiete der höchsten Schutzkategorie, in denen die Natur sich weitgehend selbst überlassen werden soll. 2004 wurde in der Nordeifel der erste Nationalpark in NRW eingerichtet. Und vor zwei Jahren startete die Landesregierung einen Aufruf an die Regionen, sich für einen zweiten Nationalpark zu bewerben – ohne Erfolg. Nirgends konnten sich die politischen Akteure auf eine Ausweisung geeigneter Flächen einigen. Doch nun kommt aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein die Nachricht, man ziehe doch eine Bewerbung in Betracht. Landrat Andreas Müller (SPD) erklärt, was hinter dem Gesinnungswandel steckt.WELT: Herr Müller, warum hat sich der Kreis Siegen-Wittgenstein nicht schon vor zwei Jahren als interessiert gemeldet?Andreas Müller: Ich gehörte damals selbst zu den Kritikern und empfahl dem Kreistag, dass wir in das Thema nicht tiefer einsteigen sollten. Allerdings wurde bei uns überhaupt nicht inhaltlich diskutiert.WELT: Welche Gründe hatten Sie für Ihre ablehnende Haltung?Müller: Die Landesregierung hatte nur wenige Monate Zeit gegeben. Doch anders als in anderen Regionen hatte man sich in Siegen-Wittgenstein zuvor noch nie mit dem Gedanken Nationalpark auseinandergesetzt. Und im Kreistag war uns allen klar, dass wir die zu erwartenden Diskussionen und Kontroversen zwischen Befürwortern und Kritikern niemals in dieser Kürze der Zeit sachgerecht würden führen können.WELT: Und warum bringen Sie das Thema jetzt auf den Tisch?Müller: Schon vor zwei Jahren sagten viele: An sich wäre es doch interessant, genauer zu beleuchten, welche Vor- und Nachteile ein Nationalpark für unsere Region hätte. Und seit klar ist, dass sich in NRW keine andere Region bewerben wird, eröffnet sich für uns die Chance, uns tiefergehend damit zu beschäftigen. Erstens stehen wir jetzt nicht mehr unter Zeitdruck. Zweitens müssen wir nicht mit anderen Regionen konkurrieren, denn in der direkten Konkurrenz wären wir mit unserer vergleichsweise kleinen Fläche ohnehin chancenlos. Und drittens konnten wir nun vorab mit dem Umweltministerium ein paar grundsätzliche Fragen klären.WELT: Welche Fragen waren das?Müller: Es gibt bei uns einige No-go-Themen im Zusammenhang mit einem Nationalpark. Nehmen wir beispielsweise unsere Verkehrssituation. Wir sind ein 1975 geschaffener Bindestrich-Kreis, der räumlich durch den Rothaarkamm getrennt wird. Man fährt auf der einen Seite von 200 Höhenmetern hinauf auf über 600 – und auf der anderen Seite wieder runter auf 300 Meter. Bis heute hat man es nicht geschafft, die Straßeninfrastruktur anzupassen. Dieser Ausbau muss kommen und darf auch durch einen Nationalpark nicht behindert werden. Das Ministerium, das glücklicherweise für Verkehr und Umwelt zuständig ist, hat zugesichert, dass man dafür eine Lösung finden würde. Ein anderer Punkt ist, dass wir in angrenzenden Orten keine Gewerbeflächen verlieren dürfen. Wir sind ja nicht nur der waldreichste Landkreis Deutschlands, sondern auch Teil einer der industriestärksten Regionen. WELT: Als Mindestgröße für Nationalparke werden oft 10.000 Hektar genannt. Die Waldfläche in Landesbesitz im Kreis Siegen-Wittgenstein, die für einen Nationalpark infrage kommt, beträgt nur rund 4300 Hektar. Müller: Diese 10.000 Hektar sind nur ein Richtwert. Natürlich ist der Nationalpark Wattenmeer deutlich größer. Andererseits ist der Nationalpark Kreidefelsen auf Rügen kleiner. Man muss also abwarten, wie der Bund unsere Fläche bewertet – wenn wir uns denn bewerben sollten.WELT: Noch befindet sich der Kreis Siegen-Wittgenstein in der Vorbereitungsphase einer Bewerbung. Wie sieht der Zeitplan aus?Müller: Wir nehmen uns jetzt Zeit, möglichst alle Fragen – von Kritikern, Befürwortern, Verbänden, Einzelpersonen, Unternehmen – von Expertengruppen erörtern und beantworten zu lassen. Erst wenn im Herbst diese Antworten auf dem Tisch liegen, geht es um die politische Bewertung. Bisher habe ich in der öffentlichen Diskussion allenfalls die etwas reflexhaften Kommentare von den üblichen Verdächtigen gehört. Naturschutzverbände finden das Projekt gut, Unternehmerverbände lehnen es ab. Ich plädiere dafür, dass wir die Emotionalität erst einmal beiseitelassen und uns eingehend mit den Vor- und Nachteilen beschäftigen, bevor wir ein abschließendes Urteil fällen.WELT: Zu den von Ihnen erwähnten Reflexen gehört die Warnung, durch die Einrichtung eines Wald-Nationalparks würde der Holzwirtschaft der Rohstoff entzogen.Müller: Wer das sagt, kann sich unsere Flächen gerne anschauen. Die Wälder dort sind weitgehend von Borkenkäfer und Dürre zerstört. Von dort wird in den nächsten 30 Jahren ohnehin kein Holz an irgendein Sägewerk geliefert.WELT: 2004 wurde in NRW der Nationalpark Eifel eingerichtet. Auch dort gab es anfangs viel Kritik. Inzwischen gilt er als Leuchtturmprojekt, das den Tourismus angekurbelt und der strukturschwachen Region auf die Beine geholfen hat. Wo steht Siegen-Wittgenstein im Vergleich?Müller: Wir haben eine ganz andere Ausgangssituation. Wir gelten sicher nicht als strukturschwach. Auch das ist übrigens eines der nun reflexhaft vorgebrachten Argumente: Ein Nationalpark sei doch nur ein Modell zur Entwicklung strukturschwacher Regionen, heißt es. Wir brauchen einen anderen Angang. Bei uns geht es darum, einen Nationalpark in einer traditionellen Industrieregion einzurichten. Wir sind hier die älteste Montanregion Europas. Wenn wir zeigen könnten, dass wir die Industrieregion fortführen und dennoch für unseren Naturraum werben können – das wäre doch eine tolle Sache.WELT: Die Industrie- und Handelskammer sowie die Arbeitgeberverbände im Landkreis mahnen, man habe drängendere Probleme als die Prüfung einer Nationalpark-Bewerbung.Müller: Natürlich befinden wir uns in einem Transformationsprozess. Wir verlieren jeden Tag Industriearbeitsplätze. Brauchen wir da eine Nationalpark-Diskussion? Meine Meinung ist: Gerade in dieser Situation brauchen wir diese Diskussion.WELT: Warum?Müller: Wir müssen uns fragen, was unsere Region in 20 oder 30 Jahren ausmachen soll. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unsere Region noch attraktiver aufstellen. Ich bezweifle, dass uns das gelingt, wenn wir versuchen, mehr Urbanität zu schaffen. Da können wir mit Köln und der Rhein-Ruhr-Schiene ohnehin nicht mithalten. Also müssen wir mit anderen Qualitäten punkten. In jedem Unternehmen, das ich hier im Kreis besuche, höre ich, die größte Herausforderung der Zukunft sei es, genügend Personal zu bekommen. Es gibt Firmen, die deswegen abwandern. Es gibt Firmen, die jeden Tag einen Shuttle-Service anbieten, um ihre Mitarbeiter in Köln abzuholen und zur Arbeit zu bringen. Wir haben doppelt so viele Ausbildungsplätze wie Bewerber – das ist das schlechteste Verhältnis in ganz Nordrhein-Westfalen.WELT: Ein Nationalpark soll das verbessern?Müller: Jedenfalls reichen die Antworten, mit denen wir bisher auf diese Probleme reagiert haben, nicht aus. Wir müssen also nach anderen Möglichkeiten der Entwicklung suchen. Ich bin der Allerletzte, der die weitere Stärkung unserer Industrieregion infrage stellt. Aber wir können doch spätestens seit Corona auch beobachten, wie viele junge Menschen nach Natur und Outdoor-Erlebnissen lechzen. Das kann man übrigens sehr gut am Rothaarsteig sehen.WELT: Dieser Fernwanderweg führt auch durch die Wälder, die nun als Nationalpark-Fläche zur Diskussion stehen.Müller: Genau. Das ist der beliebteste Wanderweg in Nordrhein-Westfalen. Jedes Jahr kommen 1,7 Millionen Besucher. Als man den Rothaarsteig vor 25 Jahren eingerichtet hat, war er hochumstritten. Noch umstrittener waren die riesigen Kunstwerke, die man rund um Bad Berleburg am Rothaarsteig aufgestellt hat. Damals hieß es: Um Gottes willen, wie kann man so was machen? Heute reisen die Leute extra in diesen Abschnitt des Wanderwegs. In solche Richtungen müssen wir weiterdenken.Andreas Müller ist 1983 in Siegen geboren. Nach Realschulabschluss und Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann absolvierte er das Fachabitur und studierte Betriebswirtschaftslehre. Im Jahr 2000 trat er in die SPD ein. Er war für den Bundestag und die NRW-SPD tätig, u.a. als Geschäftsführer im Kreisverband Olpe. 2014 wurde er zum Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein gewählt und bei den Kommunalwahlen 2020 und 2025 im Amt bestätigt. Siegenafa