PfadnavigationHomeICONISTTrendsPhänomen FreebiesWarum verschenken Fremde kleine Dinge – einfach so?Von Josie RathVolontärin an der Axel Springer Academy Stand: 11.05.2026Lesedauer: 4 MinutenSelbstgeknüpfte Freundschaftsarmbänder sind für viele Fans von Taylor Swift längst Teil des Konzerterlebnisses – sie werden verschenkt und getauschtQuelle: Getty Images/Jeremy MoellerSie basteln stundenlang, geben mitunter viel Geld aus – und verschenken alles an Fremde. Auf Konzerten, auf Reisen oder in kleinen Tauschboxen. Wie junge Menschen das Geben neu entdecken – und was sie selbst davon haben.Sobald irgendwo etwas gratis ist, merkt man es – lange bevor man versteht, warum eigentlich. Eine Schlange auf der Straße, kurz darauf Videos auf Instagram. Für einen neuen Matcha-Drink, ein Schmuck-Giveaway, ein Parfüm-Sample oder den Dreh am Glücksrad im Pflanzencenter stellen sich Menschen an – oft, ohne genau zu wissen, was es überhaupt gibt. Hauptsache: etwas Kostenloses mitnehmen. Auch wenn jeder ahnt, dass es das selten wirklich ist. Soweit, so menschlich.Umso irritierender ist es, wenn plötzlich Menschen auftauchen, die Dinge einfach so verschenken. Ohne Marketingbudget, ohne erkennbare Absicht. Sie sitzen zu Hause, fädeln Perlen auf, kleben Sticker auf Kärtchen, packen alles in kleine Tütchen – und verteilen sie an völlig Fremde. Klingt seltsam? Auf Konzerten und in Fan-Communities ist das längst normal. Kleine Armbänder, Schlüsselanhänger, handgeschriebene Nachrichten, Süßigkeiten – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Weltweit bekannt wurde das Prinzip vor allem durch Fans von Taylor Swift. In ihrem Song „You‘re On Your Own, Kid“ singt sie: „So make the friendship bracelets, take the moment and taste it“ – frei übersetzt: Mach Freundschaftsarmbänder, nutz den Moment, koste ihn aus. Eine Zeile, die ihre Fans, vor allem aus der Generation Z, erstaunlich wörtlich genommen haben. Man erkennt sich an den Handgelenken: Die Armbänder wurden Teil des Konzerterlebnisses – etwas, das man nicht nur trägt, sondern meist auch weitergibt. Eine kleine Geste für jemanden, den man fünf Minuten später nie wieder sieht.Neu ist das allerdings nicht. In der K-Pop-Szene gibt es „Freebies“, also kostenlose Goodies, schon länger. Bei Konzerten von Bands wie Enhypen, Ateez oder 1VERSE bringen Fans kleine vorbereitete Sets mit: Fotokarten, Sticker, Perlenpins. Oft abgestimmt auf ein bestimmtes Bandmitglied, einen Song oder einen Insiderwitz. Und so kann das aussehen:Aber warum kauft jemand nicht ganz günstige Pokémon-Figuren oder fädelt stundenlang Perlen auf, nur um sie anschließend an Fremde zu verschenken? Eine naheliegende Antwort: weil es sich gut anfühlt. Was viele Fans auf Konzerten praktizieren, hat sogar einen Namen: „Random Acts of Kindness“ – kleine, anlasslose Freundlichkeiten gegenüber Fremden. Eine gleichnamige US-Organisation bewirbt das Prinzip sogar schon seit den 90er-Jahren. Die Idee dahinter: Wer gibt, tut nicht nur anderen etwas Gutes, sondern stärkt oft auch das eigene Wohlbefinden. Studien, etwa der Universität Lübeck, deuten darauf hin: Wer Geld für andere ausgibt statt für sich selbst, trifft großzügigere Entscheidungen – und berichtet von mehr Zufriedenheit. Beim Schenken wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert, Botenstoffe sorgen für ein spürbar gutes Gefühl.Ein Teil des Glücks entsteht bereits im Ritual selbst: beim Basteln, beim Zusammenstellen, beim Überlegen, welche Perlen und Sprüche auf die Kärtchen kommen. Viele beschreiben diesen Prozess als fast meditativ. Dass entsprechende Bastelvideos auf TikTok regelmäßig tausende Aufrufe erreichen, dürfte den Reiz zusätzlich verstärken.Lesen Sie auchDennoch: Verschenken hat seinen Preis. Wer vor einem Konzert 50 kleine Tütchen packt, gibt dafür schnell über 20 Euro aus. Beim Tauschen kommt zwar meist etwas zurück, aber nicht unbedingt das, was man zuvor ausgegeben hat. Dass das materiell ein schlechter Deal ist, stört die wenigsten. Denn sozial ist es das Gegenteil.Wer zu einem Konzert Selbstgebasteltes mitbringt, fällt auf – durch Kreativität und Großzügigkeit. Wer etwas geschenkt bekommt, bleibt stehen, fragt nach, will wissen, wer dahintersteckt. Zugehörigkeit, Anerkennung und ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen – zumindest in diesem Moment – nicht durch das, was man hat oder wie viele einem auf Instagram folgen, sondern durch das, was man bereit ist zu geben. Ein Gefühl, das nicht nur auf Konzerten entsteht: Auf Kreuzfahrten der Disney Cruise Line ist es etwa Tradition, kleine, anonyme Geschenke vor den Kabinentüren zu finden. „Pixie Dusting“ nennt sich das – angelehnt an die Idee von Feenstaub, der plötzlich auftaucht.Lesen Sie auchEin ähnlicher Trend: sogenannte „Trinket Boxen“. Was in den USA begann, steht inzwischen auch in Deutschland. Von Berlin bis Erfurt tauchen die Tauschboxen auf. Von außen erinnern sie an Mini-Bücherschränke – kleine Plastikhäuschen, mit Kabelbindern an Pfosten befestigt. Nur dass darin kein Krimskrams liegt, den jemand loswerden will. Stattdessen: Pokémon-Figuren, Hello-Kitty-Haarspangen, Schlüsselanhänger in Donut-Form, Sticker, Ohrringe. Oft noch originalverpackt.Die Regel ist simpel: Wer etwas hineinlegt, darf sich etwas mitnehmen. Ein kleiner Kreislauf, der ganz ohne App funktioniert.Der Unterschied zwischen Armbändern, „Freebies“ und Tauschboxen einerseits und klassischen Gratisproben oder Gewinnaktionen andererseits ist offensichtlich: kein Newsletter, für den man sich anmelden muss und dann wochenlang zugespamt wird, keine 20. Kundenkarte im Portemonnaie, keine Werbung – und vor allem keine unmittelbar erwartete Gegenleistung.Viele, die kleine Geschenke an Fremde verteilen, sagen: Es macht Spaß, großzügig zu sein. Für die Generation Z, die komplett digital aufgewachsen ist, wird das Verschenken und Tauschen fast zu einer analogen Gegenbewegung. In einer Zeit, in der man erst seine E-Mail-Adresse hinterlässt, bevor man einen Rabatt bekommt, und erst jemanden liket, bevor man selbst geliket wird, wirkt das einfache Verschenken fast radikal.