PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungMedien im KI-ZeitalterDas unverzichtbare SinnesorganVon Juleanna GloverVeröffentlicht am 06.05.2026Lesedauer: 5 MinutenQuelle: Getty Images/Yuichiro ChinoJetzt, wo die KI alles im Web in sich aufgesaugt hat, benötigt sie dringend neue Fakten aus der physischen Welt. Dabei wird eine Berufsgruppe, die lange in der Krise steckte, eine Schlüsselrolle spielen: Journalisten.Nachrichten-Plattformen haben ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Dabei werden ihre verifizierten, qualitativ hochwertigen Berichte über das reale Leben in absehbarer Zukunft digitales Gold sein. Sie sind der entscheidende Input, der über Erfolg oder Misserfolg beim Einsatz von KI in unserem Alltag entscheiden wird.Der Journalismus ist das unverzichtbare Sinnesorgan des KI-Zeitalters. Er ist der einzige Mechanismus, über den Menschen verfügen, um Fakten in Echtzeit in der realen Welt zu sammeln und zu analysieren und um die chaotische, unlogische und sich rasch verändernde Realität in einen Kontext zu setzen, den Codes nicht herstellen können.Selbst das intelligenteste Large Language Model kann sein volles Potenzial nicht ausschöpfen, wenn es keinen Zugang zu sachlichen Berichten über aktuelle Geschehnisse hat. Und genau das ist es, was Journalisten produzieren. Die entscheidende Frage lautet: Werden sie die Verhandlungsmacht haben, um ihr Geschäftsfeld zu schützen?Berichten zufolge sind bereits 50 Prozent des im Internet zirkulierenden Materials von KI erstellte Inhalte. Dieser Brei steigt aus der kollektiven Geschichte all dessen herauf, was Menschen jemals veröffentlicht, geschrieben oder gepostet haben. Jetzt, wo die KI alles im Web in sich aufgesaugt hat, benötigt sie dringend neue Fakten aus der physischen Welt. Ohne diese sind die großen Sprachmodelle der KI wie Schlangen, die ihren eigenen Schwanz fressen. Sie trainieren und starten Suchanfragen auf der Grundlage ihrer eigenen, exponentiell wachsenden Inhalte.Die KI ist außergewöhnlich gut bei Programmierung, Mathematik, wissenschaftlicher Forschung und allem, was sich als richtig oder falsch beweisen lässt. Doch wenn es um das geschriebene Wort und die Berichterstattung über die Welt in Echtzeit geht, ist die KI noch weit davon entfernt, die Intuition, Skepsis und das Urteilsvermögen zu ersetzen, mit denen ein Reporter die Wahrheit herausfindet oder das menschliche Empfinden der Welt um uns herum beschreibt. Die KI könnte sich irgendwann zu hoch entwickelten Humanoiden weiterentwickeln, die sich sinnvoll mit Menschen unterhalten und interagieren können; vielleicht sogar mit biometrischen und physiognomischen Scannern, die sie de facto zu Lügendetektoren machen. (Gott bewahre, wenn dies geschieht und es keine kleinen Notlügen mehr gibt!)Humanoide dieser Art könnten zunächst in der Verteidigungsindustrie eingesetzt werden, um zu analysieren, Bericht zu erstatten und auf das zu reagieren, was sie als Bedrohungen der physischen Welt wahrnehmen. Bisher gilt, dass bei Entscheidungen in der KI-Kill-Chain unserer nationalen Verteidigung ein Mensch im Loop bleibt. Dasselbe wird für die Übertragung unserer gemeinsamen kollektiven Realität in Nachrichten gelten, die die KI füttern.Echte Menschen reden andersKI-Tools spielen bereits eine große Rolle beim Sammeln, Verstehen und Verbreiten von Nachrichten. Eine KI kann einen Geschäftsbericht analysieren und anhören oder eine Pressemitteilung lesen und einen Artikel verfassen. Bloomberg und Business Insider, das wie WELT zu Axel Springer gehört, nutzen sie für stichpunktartige Zusammenfassungen ihrer Artikel. Doch Interviews mit CEOs zur Beurteilung ihrer Führungsqualitäten werden weiterhin die Domäne von Journalisten bleiben, ebenso wie analytische Berichte über die Persönlichkeiten, die regulatorische Angelegenheiten wie Kartellrecht und andere Durchsetzungsmaßnahmen leiten. Das Gesetz mag glasklar sein, aber die Menschen, die es durchsetzen, können unberechenbar, inkompetent oder einfach nur korrupt sein. Vielleicht ist eine KI eines Tages in der Lage, die beispiellose Rolle zu erfassen, die ein korrupter Lobbyist dabei spielen könnte, Kartellbehörden nach seinem Willen zu beeinflussen. KI-Avatare mögen in der Lage sein, bekannte Interviewer wie Andrew Ross Sorkin (New York Times, CNBC) oder Jake Tapper (CNN) realistisch nachzuahmen, aber Wähler und Investoren werden immer Sorkins und Tappers aktive Befragungen und Echtzeitanalysen von Führungskräften verfolgen wollen.Viele Medienunternehmen haben Verträge abgeschlossen, die es KI-Plattformen ermöglichen, anhand ihrer Archive zu lernen und täglich neue Berichte zu liefern. Der Wert dieser Verträge beläuft sich mittlerweile auf Milliarden von Dollar. Doch wenn die aktuelle Vertragsrunde ausläuft, sollten Nachrichtenunternehmen hart verhandeln und weitaus mehr fordern. Sie wissen inzwischen, dass KI zwar einen Zugriff auf das hat, was bereits geschehen ist, aber keinen wirklichen Zugang zur Zukunft. Hier zeigt sich der unschätzbare Wert, den Journalisten bei der Überprüfung und Analyse unserer kollektiven und zufälligen menschlichen Handlungen haben.Lesen Sie auchSilicon Valley hat Nachrichtenanbieter schon lange in die Defensive gedrängt. Die Werbung ging zuerst zu Craigslist und Aggregatoren wie Google und YouTube. Das Publikum wanderte zu sozialen Medien wie Instagram, Facebook und X ab, wo sich Wahrheit und Falschinformationen auf Augenhöhe vermischten – zum Nachteil der Demokratie. Nun befürchten viele Menschen, dass die KI-Plattformen das Werk vollenden werden, indem sie Nachrichten zusammenfassen, anstatt Nutzer zu den Originalquellen zu leiten.Es liegt auf der Hand, dass der Zugang zu aktuellen Nachrichten und Analysen des Zeitgeschehens langfristig der entscheidende limitierende Faktor bei der KI ist. Die KI-Branche hat bisher 1,6 Billionen US-Dollar in den Ausbau ihrer Plattformen investiert. Die jährlichen Einnahmen der US-Zeitungsbranche betragen nur etwa 20 Milliarden Dollar. Nachrichten-Anbieter sollten die Mittel einfordern, die sie zur Aufrechterhaltung und zum Aufbau der Nachrichten-Infrastruktur benötigen, und KI-Plattformen sollten bereitwillig dafür aufkommen.Wir haben das Ende des Zeitalters des statischen Wissens der KI erreicht. Der anfängliche Wettlauf wurde durch die Speicherung der gesamten Menschheitsgeschichte gewonnen – also all dessen, was jemals gescannt oder hochgeladen wurde. Aber Geschichte ist eine endliche Ressource. Um nützlich zu bleiben, muss die KI das Jetzt verstehen – sonst bleibt sie selbstreferenziell.Juleanna Glover ist CEO der Unternehmensberatung Ridgely Walsh. Sie berät die Technologie- und Medienbranche und hat in der Vergangenheit auch mit Axel Springer zusammengearbeitet.