PfadnavigationHomeRegionalesHamburgAlternde GesellschaftPflege im Quartier – Hamburg startet neue AngeboteVeröffentlicht am 21.04.2026Lesedauer: 4 MinutenPflege ist ein Thema, das in Hamburg neu organisiert werden soll, um Menschen länger ein Wohnen im eigenen Quartier zu ermöglichen. Quelle: Oliver Berg/dpaHamburg wird älter, die Pflegeversicherung gerät unter Druck. Mit neuen Quartierspflegediensten will der Senat Pflegebedürftigkeit hinauszögern und ambulante Versorgung stärken. Sechs Quartiere dienen ab 2026 als Testfeld.Hamburg gilt als vergleichsweise junge Stadt. Doch der demografische Wandel holt auch die Hansestadt ein. In den kommenden Jahren rechnet die Sozialbehörde mit rund 100.000 zusätzlichen Pflegebedürftigen. Viele von ihnen verbindet ein Wunsch: möglichst lange zu Hause zu bleiben – und nicht ins Pflegeheim zu müssen. Gleichzeitig wächst der finanzielle Druck auf die Pflegeversicherung. Allein die gesetzlichen Pflegekassen gaben zuletzt mehr als 1,1 Milliarden Euro pro Jahr für Pflegeleistungen in Hamburg aus. Vor diesem Hintergrund rückt Prävention stärker in den Fokus – und die Frage, wie Pflegebedürftigkeit hinausgezögert oder zumindest länger ambulant organisiert werden kann. Zum 1. Mai 2026 startet die Stadt deshalb in sechs Hamburger Quartieren neue quartiersbezogene Pflegeangebote. Beteiligt sind die Sozialbehörde, die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, die Pflegekassen sowie sechs Bezirksämter. Rund 5,2 Millionen Euro stehen für die Vorhaben zur Verfügung, finanziert je zur Hälfte aus Mitteln der Pflegekassen und aus dem Stadtentwicklungsfonds „Lebendige Quartiere“. Die Projekte laufen bis April 2029 und werden wissenschaftlich durch die Universität Osnabrück begleitet.Lesen Sie auchIm Zentrum stehen sogenannte Quartierspflegedienste. Sie sollen als Anlaufstellen im Stadtteil Pflegebedürftige und Angehörige beraten, Unterstützungsangebote koordinieren und die pflegerische Versorgung absichern. Vorgesehen sind unter anderem eine engere Verzahnung von Pflege, Beratung und nachbarschaftlicher Unterstützung sowie gemeinschaftlich nutzbare Räume im Quartier.Hamburg reagiert damit auf eine Entwicklung, die sich bereits heute abzeichnet. Mehr als 350.000 Hamburgerinnen und Hamburger sind 65 Jahre oder älter. Die große Mehrheit der Pflegebedürftigen lebt weiterhin in der eigenen Wohnung oder im vertrauten Umfeld, häufig mit ambulanter Unterstützung oder durch Angehörige.„Wenn Menschen älter werden, wird das eigene Zuhause oft noch wichtiger – als Ort der Sicherheit, der Vertrautheit und des eigenen Alltags“, sagte Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD). Pflege und Unterstützung müssten deshalb so organisiert werden, dass ein Verbleib in der eigenen Wohnung auch bei wachsendem Unterstützungsbedarf möglich bleibe.Lesen Sie auchFür die Pflegekassen ist das Vorhaben auch Teil eines gesetzlichen Auftrags. Kathrin Herbst, Leiterin der Hamburger Landesvertretung des Verbands der Ersatzkassen (vdek), verwies auf § 123 SGB XI, der es ermögliche und vorsehe, gemeinsam mit Ländern neue Versorgungsformen zu erproben. Ziel sei es, Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern und ambulante Versorgung im Quartier zu stärken.Umgesetzt werden die Vorhaben in Stadtteilen mit hoher Einwohnerdichte und besonderem Entwicklungsbedarf: in Mümmelmannsberg, Eimsbüttel, Langenhorn, Hohenhorst, Bergedorf sowie in Neuwiedenthal. Träger sind unter anderem die AWO Hamburg, die Immanuel Albertinen Diakonie, die ASB Sozialdienste und das DRK. Die beteiligten Träger sind in den Quartieren bereits seit Jahren aktiv und bauen auf vorhandene Strukturen auf.Dass Pflege dabei nicht losgelöst vom Wohnumfeld gedacht werden kann, betonte Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD). Viele Menschen wollten in der eigenen Wohnung oder zumindest im vertrauten Quartier alt werden, sagte Pein – dafür brauche es barrierearme Wohnungen ebenso wie ein Umfeld, das auf steigenden Pflege‑ und Assistenzbedarf vorbereitet sei.Lesen Sie auchWelche Formen der Koordination, Beratung und Versorgung sich im Quartier bewähren, soll die wissenschaftliche Begleitung der Projekte in den kommenden Jahren zeigen.Aus Sicht der Wohnungswirtschaft stößt der Ansatz auf Zustimmung. Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) begrüßte, dass der Senat das Thema altersgerechtes Wohnen stärker in den Fokus rückt. Verbandsdirektor Andreas Breitner erklärte, die Mitglieder des Verbands, etwa Genossenschaften, erhofften sich von den Projekten Erkenntnisse, „wie sie in ihrer Arbeit künftig unterstützt werden können“. Entscheidend seien dabei nicht nur eine verlässliche öffentliche Förderung, sondern auch der frühzeitige Aufbau von Fachpersonal. Mit Blick auf die wachsende Zahl Hochbetagter betonte Breitner zudem die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit von Stadt, Bezirken, sozialen Trägern und Wohnungsunternehmen, um Doppelstrukturen zu vermeiden und Betreuung professioneller zu organisieren.Kritik kam hingegen aus der Opposition. Andreas Grutzeck, sozialpolitischer Sprecher der CDU‑Fraktion, hielt dem Senat vor, trotz seit Jahren bekannter demografischer Entwicklungen zu spät zu handeln. Die Beschränkung auf sechs Projekte mit begrenzter Laufzeit werde der Dimension der Aufgabe nicht gerecht, erklärte Grutzeck. Zudem blieben viele Wohnungsbaugesellschaften außen vor, während für Betroffene unklar sei, wann und ob sie konkret von den Vorhaben profitieren könnten. Auch das Fördervolumen erscheine angesichts von mehr als 350.000 älteren Menschen in Hamburg zu gering. Nötig seien verlässliche, flächendeckende Strukturen statt einzelner Pilotprojekte, die über die Testphase hinausreichten.
Alternde Gesellschaft: Pflege im Quartier – Hamburg startet neue Angebote - WELT
Hamburg wird älter, die Pflegeversicherung gerät unter Druck. Mit neuen Quartierspflegediensten will der Senat Pflegebedürftigkeit hinauszögern und ambulante Versorgung stärken. Sechs Quartiere dienen ab 2026 als Testfeld.






