Er galt als letzter großer Couturier – doch Azzedine Alaïa hütete noch ein anderes Geheimnis: die größte Mode privatsammlung der Welt. Jetzt ist sie erstmals zu sehen – und erzählt auch eine Liebesgeschichte zu Christian Dior. Was bleibt von Mode, wenn man ihr alles Markenhafte entzieht?“ Mit dieser philosophischen Schlüsselfrage näherte sich der französische Modehistoriker und Kurator Olivier Saillard vor Jahren dem Schaffen seines Freundes Azzedine Alaïa, dem 2017 verstorbenen Modeschöpfer.Der geniale wie zauberhafte Designer hätte wahrscheinlich etwas wie „Schönheit ohne Spektakel“ gesagt. Große Antworten finden sich hingegen bis Mai in Paris in der „La Galerie Dior“ und in der „Fondation Azzedine Alaïa“. Mit einer eben doch spektakulären Doppelausstellung beleuchtet Saillard in beiden Häusern die lange im Vagen gebliebene Rolle von Alaïa als Sammler und als Verehrer von Christian Dior.Man wusste, dass der 1935 in Jemmal, Tunesien geborene und bei den Großeltern in Tunis aufgewachsene Azzedine 1956 nach Paris gezogen war, um Modedesigner zu werden, und schon in den 1960ern begonnen hatte, Couture zu sammeln. Doch selbst seine engsten Freunde und Mitarbeiter waren nach seinem Tod vom Ausmaß der Sammlung, der Obsession und Verehrung für die Arbeiten seiner Kollegen überrascht.Größte Privatsammlung der WeltIn seinem Haus in der Rue de la Verrerie, das zugleich Atelier, Shop, Wohnraum und Lager war, entdeckten sie einen Raum nach dem anderen voller Kleidungsstücke. Alles Schätze der Modehistorie, 20.000 Teile, die größte Privatsammlung der Welt.Madame Grès, Balenciaga, Schiaparelli, Chanel, auch zwei Mäntel, die Matisse bemalt hatte. Berühmte Namen, aber allein 596 Kleidungsstücke aus dem Haus Dior, die meisten von Monsieur selbst. Das erste stammt aus dem Jahr 1947, als alles mit einem Skandal um die verwendeten Stoffmengen begann, bevor es französisches Kulturgut wurde.Lesen Sie auchManche dieser Stücke hatten sie bei Dior nicht einmal im großen „Heritage Department“. Dafür aber alle Dokumente: zigtausende, die Namen, Datum, Kollektion, die jeweilige Linie, Entwürfe, Kollektionskarten, die Pressemitteilungen, die Skizzen, Fotos und Videos von Christian Dior, bei der Arbeit im Atelier sowie Magazine. So begann eine zweijährige Kleinarbeit: Allein die Zuordnung eines Kleides war oft schwierig. Es gab Fälle wie ein Kleid, das in schwarzem Satin entworfen war, wie ein Foto von Richard Avedon zeigt – aber in der Alaïa-Sammlung in dem Kundinnenwunsch Pastellrosa auftaucht.Derart identifiziert und kategorisiert, werden bis Mai mehr als hundert dieser Kleidungsstücke in „La Galerie Dior“, dem hauseigenen Museum an der Rue François 1er, ausgestellt. Direktor Olivier Flaviano schwärmt: „Das ist das erste Mal, dass wir so viele Originale des Gründers hier haben. Es ist bewegend, dass sie wieder zu Hause sind. Im Obergeschoss sind ja immer noch die Haute-Couture-Ateliers, wie eh und je.“Angesichts der Bedeutung dieser Sammlung wurde sogar die Hall of Fame umdekoriert, die dauerhaft jeden Nachfolger sowie Maria Grazia Chiuri als einzige Nachfolgerin von Monsieur würdigt. Statt den Designern sind nun die Podeste den sieben verschiedenen „Linien“, wie die A- oder H-Form, die Dior prägte, gewidmet. Die linke Wand in dem langen Raum dokumentiert „die enorme Rechercheleistung von Dior Heritage“, so Kurator Saillard bei der privaten Führung. Originale von 1947 bis 1957, Monsieur bei der Arbeit. Es gibt detaillierte Skizzen mit Stecknadeln und Stoffstückchen im Papier, Fotos und Filme. Christian Dior hatte ja nur zehn Jahre zwischen Gründung seines Hauses und seinem Tod, aber er hinterließ aus dieser Zeit ein schier unerschöpfliches Erbe, eine Schule des Stils und des Geschmacks. Und in genau die trat der junge Alaïa ein.Alaïa, der PraktikantNach seiner Ankunft in Paris durfte er auf Vermittlung seiner Landsleute Habiba Menchari (die Mutter von Hermès Schaufensterdekorateurin Leila) und der Haute-Couture-Kundin Zeineb Lévy-Despas für ein paar Tage als Praktikant im Atelier an der Avenue Montaigne arbeiten. Seine Personal-Karteikarte hängt gerahmt im ersten Ausstellungsraum. Die kurze, intensive Zeit dort, die Stoffe, das Können, die Eleganz, der Blick hinter die Kulissen der komplexen Anfertigung, der architektonischen Raffinesse in Diors Arbeit, sollten ihn für immer prägen. Überhaupt war er ja gekommen, weil er schon als Junge in Modeheften dessen Kleider genau studiert und gerätselt hatte, wie sie entstanden. Nähen konnte er früh, seine Schwester betrieb ein kleines Atelier.Auch deswegen findet die Ausstellung in der Dior-Galerie ihr zeitgleiches Echo in der „Masters of Couture“-Präsentation in den hohen Räumen der Fondation Azzedine Alaïa. 30 Dior-Looks treten in Konversation mit 30 eigenen Looks, um zu verstehen, wie sehr bei aller Verschiedenheit sein eigenes Können von Diors beeinflusst worden war.Dieses entfaltete sich erst in den 1980er-Jahren zu Ruhm mit Alaïas avantgardistischen, körperbetonten Kleidern. Dabei hatte er schon Ende der 1960er-Jahre für Kundinnen wie Greta Garbo oder Cécile de Rothschild gearbeitet. Abschied vom letzten großer CouturierDen Modemännern gemein war auch, was Christian Dior einmal formulierte: „Selbst wenn der jeweilige Look Absicht und vorrangiges Ziel ist, kann eine Kollektion nur erfolgreich sein, wenn sie gut geschnitten und genäht ist, ebenso wie ein schönes Haus nur auf einer stabilen Konstruktion stehen kann.“ Als Alaïa starb, wurde er als „letzter großer Couturier“ verabschiedet.In der Ausstellung in der La Galerie im Dior-Stammhaus nimmt das Thema Modearchitektur einen ganzen Raum ein. Die „Sektion 8“, unter anderem mit einem Saint-Laurent-Kostüm und Fotos von Richard Avedon, „reflektiert wohl auch am meisten Azzedines Geschmack“, erklärt Saillard.Er ist einer der einflussreichsten Mode-Intellektuellen Frankreichs, der als Direktor des städtischen Modemuseums von Paris, Palais Galliera, das Genre Modeausstellung neu definiert hat: als experimentelle Mode-Museologie mit mehr Erzählungs- und Performance-Elementen. Die multimedialen Präsentationen treten so an die Stelle der aufwendig gestalteten Modemagazine als faszinierende Bühne. Mit hunderttausenden Besuchern weltweit.Lesen Sie auchIn der La Galerie eröffnet ein besticktes Mousseline-Kleid von 1910 aus Alaïas Sammlung den Rundgang. „Ich wollte zeigen, dass viele Geschichten in der Mode mit der Mutter beginnen“, erklärt Saillard die Referenz aus der Belle Époque. Auch der kleine Christian war beeindruckt von der Eleganz seiner Mutter und begleitete sie oft zu ihrer Schneiderin Rosine Perrault in die vornehme Rue Royal.Ein bisschen Didaktik darf auch dabei sein. Am Neckholder-Cocktailkleid „Zélie“ von 1954 wird dessen ganze Geschichte dokumentiert: H-Linie, Taille, Doppelreiherknöpfung, und das komplette Schnittmuster erscheint hinter dem Originalkleid digital Schritt für Schritt. All das fand sich im Archiv: die Entwürfe, die Stoffproben, die handgeschriebenen Anweisungen, die detaillierten Pressemitteilungen. Auf die legte schon Christian Dior wert.Vor der Tour durch die Ausstellung sitzen wir im Museumscafé und essen Kekse in Handtaschenform. Saillard, gebildet, charismatisch, erzählt.ICON: Wo hat Alaïa seine Schätze aufbewahrt?Olivier Saillard: In seinem Haus. Wenn ein Raum voll war, schloss er ihn ab und füllte den nächsten. Azzedine ging jede Woche zu einer Auktion. Wenn er es sich zeitlich eigentlich gar nicht leisten konnte, schob er Arzttermine vor.ICON: Wussten Sie von der Obsession?Saillard: Ich hatte eine Ahnung als Direktor des Modemuseums Galliera. Er war oft wütend auf mich, weil ich nicht immer alles kaufen konnte. Er verstand nicht, warum ich das Budget nicht hatte. Also kaufte er. Immer.ICON: Haben Sie ihn auch manchmal gebeten, ein Stück zu ersteigern?Saillard: Ich rief ihn mal wegen eines Kleides aus dem 18. Jahrhundert an: „Ich habe kein Geld, aber du solltest es kaufen, weil es sehr selten und einzigartig ist“, und er hat es gekauft. Mitte der Neunziger hatte er große finanzielle Schwierigkeiten. Und erwarb trotzdem ein Meisterwerk von Paul Poiret.ICON: Wie fing es an?Saillard: 1968, als Balenciaga sein Haus schloss. Er ermunterte Azzedine: „Wenn Sie Kleider oder Stoffe kaufen oder mitnehmen möchten, tun Sie das gern.“ Azzedine meinte, dass er in diesem Moment das Gefühl für das Erbe der Mode entwickelte. Er war der erste private Sammler, wurde der größte. In den Siebzigern konnte man auf Flohmärkten in St. Tropez auch noch etwas von Madame Vionnet finden.ICON: Er kaufte nicht, um zu kopieren?Saillard: Einige der Stücke haben wahrscheinlich seine Arbeit beeinflusst, aber darum ging es ihm nicht. Er war ein echter Sammler. Mich berührt, dass viele Designer wahrscheinlich mehr Budget zur Verfügung hatten als er, aber nichts Besonderes für ihre Disziplin getan haben. Es war dieser kleine Mann aus einer sehr bescheidenen, tunesischen Familie, der das unglaublichste Modepatrimonium gekauft hat.ICON: Worin liegt für Alaïa das Wesen der Mode?Saillard: Für Azzedine barg ein Kleid drei Erinnerungen. Die an den Designer, die an das Atelier und die Näherinnen. Und drittens die Erinnerung an die Frau, die es getragen hat. Ein Kleid hat also immer einen guten Grund, aufbewahrt zu werden.Infos: La Galerie Dior, 11 Rue François 1er, Katalog bei Rizzoli. Azzedine Alaïa Foundation, 18 Rue de la Verrerie, Katalog über Damiani. Bis 3. Mai
596 Mal Dior und eine spektakuläre Doppelschau in Paris: Wie Azzedine Alaïa seine gigantische Modesammlung zusammentrug - WELT
Er galt als letzter großer Couturier – doch Azzedine Alaïa hütete noch ein anderes Geheimnis: die größte Mode privatsammlung der Welt. Jetzt ist sie erstmals zu sehen – und erzählt auch eine Liebesgeschichte zu Christian Dior.






