PfadnavigationHomeICONISTTrendsTourismusboomVon Japan bis Bonn – Warum Kirschblüten die Welt verzaubernVon Frank LorentzVeröffentlicht am 27.04.2026Lesedauer: 5 MinutenDrohnenaufnahme von Kirschblüten in der Breite Straße in BonnQuelle: Giacomo Zucca/Bundesstadt BonnKirschblütenfeste haben in Japan Tradition – und locken auch hierzulande ganze Besuchermassen ins Freie. In Bonn verdichtet sich das Schauspiel im April zu einem rosa Ereignis von fast unwirklicher Intensität.Bis 1990 war Bonn Bundeshauptstadt. Mit dem Umzug der Regierung nach Berlin wurde der Titel zu Bundesstadt zurechtgestutzt. Im April allerdings ist die Rheinmetropole in erster Linie das: Blütenstadt. Kirschblütenstadt, um genau zu sein. Wenn nicht sogar Kirschblütenhauptstadt. Vorzeigemeile ist die Heerstraße in der Altstadt, eine schmale, von denkmalgeschützten Häusern gesäumte Straße, in der beidseitig 70 Kirschbäume aufragen. Japanische Nelkenkirschen. In der Breite Straße, zu Fuß nur fünf Minuten entfernt, gedeihen noch ein paar mehr dieser Schönheiten aus Fernost.Die Bonner Nelkenkirschen blühen etwa zehn Tage lang. In der Heerstraße stehen sie so nah beieinander, dass sich die Kronen zu einem Dach verbinden. Spaziert man in der Blütezeit darunterher, ist es, als befände man sich in einem rosa Tunnel, in einer anderen Welt. Selbst dann, wenn die verblühenden Blüten herabrieseln, ist das Erlebnis einzigartig – als würde rosa Schnee vom Himmel fallen.Der Kirschblüte haftet etwas Magisches an. Sie zu feiern, hat sich in Deutschland seit einigen Jahren etabliert. Versteht sich, denn von schönen Anblicken, die sich noch dazu kostenlos und ohne menschliches Zutun einstellen – Wunder der Natur! –, kann man nicht genug bekommen. Vor einer Woche wurde im Berliner Stadtteil Marzahn in den „Gärten der Welt“ ein Kirschblütenfest gefeiert. Wenn Hannover am 26. April das Aufblühen des Hiroshima-Gedenkhains zelebriert, hat das einen ernsten Hintergrund. Die 110 Bäume wurden 1987 in Erinnerung an die 110.000 Menschen gepflanzt, die am 6. August 1945 durch den Abwurf der Atombombe in Hiroshima getötet wurden. An der Berliner Stadtgrenze, ganz im Osten, erinnert die Kirsche an die deutsche Teilung. „Unter den Zweigen der Kirschbäume in Blüte ist keiner ein Fremder hier“, steht auf einer kleinen Bronzetafel an der ehemaligen Grenze zur DDR. Japanische Bürgerinnen und Bürger hatten Spendengelder gesammelt, um über die Vereinigung 1000 Kirschbäume zu pflanzen. Lesen Sie auchOb sie zur Zierde wächst oder essbare Früchte trägt: Die Kirsche inspiriert und verzaubert alle Welt. So sehr, dass sich um die Bonner Blüte im Laufe der Jahre eine regelrechte Marketingindustrie herausgebildet hat. Altstadtgeschäfte verkaufen Shirts mit Kirschblütenmotiv. Auch Kappen. Socken. Puzzles. Seifen. In keinem Monat zieht es so viele Touristen nach Bonn wie im April, wenn die Kirschen blühen. Die Übernachtungszahlen steigen dann auf 130.000 an, sagt Birgit Landsberg, Chefin der Bonn-Information. Längst gibt es Kirschblütenführungen. Sehr beliebt sind Ausflüge auf die Dachterrasse des 72 Meter hohen Stadthauses, dem Sitz der Stadtverwaltung. Von da oben genießen die Besucher den Anblick des rosafarbenen Kirschblütenbands, das sich zwischen den grauen Häusern der Breite Straße erstreckt, und fotografieren sich die Finger wund.Ein „Geschenk des Himmels“Die Bonner Blütentouristen kommen von überall her. „Manche reisen aus China und Japan an“, sagt die Tourismuschefin. Damit war nicht zu rechnen, als die Bäume Ende der 1980er-Jahre in den ehemals baumfreien Altstadt-Straßen im Rahmen eines Programms zur „behutsamen Wohnumfeldverbesserung“ gepflanzt wurden. Die Kirschbäume waren nur Plan B. Plan A waren Weißdornbäume, die jedoch an der Pflanzenkrankheit Feuerbrand litten und eingingen. Brigitte Denkel, die verantwortliche Stadtplanerin, entschied sich kurzerhand für die Nelkenkirsche als Nachfolgerin – und erntete von der Anwohnerschaft Protest. Tenor: Die verdunkeln die Erdgeschosse. Dann müssen wir ständig Laub wegkehren. Außerdem fallen Parkplätze weg! Heute trägt Denkel den Spitznamen „Mutter der Bonner Kirschblüte“ und nennt die Anpflanzung ein „Geschenk des Himmels“. Als 2012 ein Geschäft in der Altstadt einen Fotowettbewerb ausschrieb und ein Blogger ein Bild von der Heerstraße im rosa Blütenoutfit einreichte, war das der Beginn eines Social-Media-Hypes. 2020 würdigte der Reiseführer „Lonely Planet“ Bonn als eine der tollsten Städte der Welt. Lesen Sie auchSeinen Ursprung hat das Spektakel um die Kirschblüte – „Sakura“ genannt – in Japan. Sie ist dort seit mehr als 1000 Jahren Symbol für den Frühling, für Schönheit, für die Beziehung zur Natur und ihre Vergänglichkeit. Was bei uns der Karneval ist, ist in Japan die rosa Jahreszeit. In den Fernsehnachrichten wird zur Blütensaison täglich mitgeteilt, wann und wo gerade welche Knospen aufgehen. In großen Gruppen versammeln sich Menschen in Parks zum „Hanami“ – zum gemeinsamen Kirschblütengucken. Als sich 2024 aufgrund von extremen Kälteschwankungen die Kirschblüte ungewöhnlich lang hinauszögerte und Prognosen mehrmals danebenlagen, kam es zu großen Verwirrungen. Denn in Japan ist es üblich, die Urlaubsplanung an die Kirschblüte anzupassen. Der Chefmeteorologe musste damals bei einer Pressekonferenz Abbitte leisten und versprechen, künftig verstärkt auf die Expertise von Botanikern zu hören.In Deutschland begann die Tradition 1968 in Hamburg, als die japanische Gemeinde rund 5000 Kirschbäume als Symbol der Freundschaft pflanzte. Seitdem veranstaltet sie alljährlich ein Kirschblütenfest, inklusive Wahl der Kirschblütenkönigin. Die größte japanische Community Deutschlands mit rund 10.000 Personen lebt in Düsseldorf. Hier gibt es ein Viertel namens „Little Tokyo“ sowie eine Menge an japanischen Institutionen und Vereinen. Einer davon ist der Japanische Club, gegründet 1964 und heute 3000 Mitglieder stark. Auf die Frage, ob sie schon einmal nach Bonn zum Blütengucken gereist ist, erwidert Hauptgeschäftsführerin Yukari Uchima mit einem – eine Spur verlegen wirkenden – Lachen: „Nein“. Auch die Düsseldorfer Kirschbäume würden auf sie nur einen überschaubaren Reiz ausüben. Die Anzahl der Kirschbäume komme einfach nicht mit den Pflanzungen in Japan mit. „700 Bäume in einem Park – das ist für uns normal“, sagt sie. „Wenn am Rheinufer auf einer Strecke von einem Kilometer Kirschen stehen würden, dann würde ich vielleicht hingehen“, fügt sie an. Lesen Sie auchWobei die Ansichten in dieser Frage so vielfältig sein dürften wie die Arten von Zierkirschen. Brigitte Denkel, die Mutter der Bonner Kirschblüte, berichtet von einem japanischen Paar, mit dem sie in der Heerstraße ins Gespräch kam. Die frisch Verheirateten lebten in Düsseldorf und hatten geplant, zur Hochzeit nach Japan zu fliegen, der Blütenschau wegen. Dann wurden sie auf die Bonner Altstadt aufmerksam und entschieden sich für den kürzeren Weg. Dass in der Heerstraße nur 70 und keine 700 Bäume stehen – egal. Jede Blüte zählt.Und dann erzählt Tourismuschefin Birgit Landsberg von dem aus Japan angereisten TV-Team, das einen Beitrag über die Bonner Kirschblüte produzierte. Im Fokus: das rosafarbene Licht im Heerstraßentunnel. Die Journalisten waren sehr angetan. Etwas so märchenhaft Schönes hätten sie noch nie erlebt, nicht einmal im Ursprungsland der Kirschblütenverehrung.
Kirschblüten: Von Japan bis Bonn – warum die rosa Pracht die Welt verzaubert - WELT
Kirschblütenfeste haben in Japan Tradition – und locken auch hierzulande ganze Besuchermassen ins Freie. In Bonn verdichtet sich das Schauspiel im April zu einem rosa Ereignis von fast unwirklicher Intensität.







