PfadnavigationHomeRegionalesHamburgAusstellungDie hohe Kunst der WerbungVeröffentlicht am 18.04.2026Lesedauer: 6 MinutenHans Hansen setzte diese Objektive für Nikon in SzeneQuelle: Museum für Kunst und GewerbeDas Museum für Kunst und Gewerbe ehrt den Hamburger Fotografen Hans Hansen mit einer großen Retrospektive. Gezeigt werden 220 ikonische Aufnahmen, die das Bild ganzer Markenfamilien prägten.Das Stillleben zeigt keine Obstteller, Blumenbouquets oder Silberkaraffen. Stattdessen hat der Hamburger Objektfotograf Hans Hansen (86) elektronische und mechanische Komponenten kunstvoll arrangiert: Für sein Foto „Kamera“ demontierte er einen Fotoapparat von Nikon und legte dessen Innenleben offen. Indem er die nüchternen Bauteile der Spiegelreflexkamera neu ordnete, verlieh er seinem ästhetischen Produktporträt, das 1983 entstand, eine beinahe erhabene Wirkung.1970 das erste Studio in HamburgZusammen mit weiteren rund 220 ikonischen Lichtbildern des Nachkriegsfotografen ist die Aufnahme jetzt in der Werkschau „Foto: Hans Hansen“ im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) zu sehen. Bereits 2021 hat der Fotograf, der die Ausstellung gemeinsam mit der Kuratorin Esther Ruelfs einrichtete, dem Museum sein gesamtes Archiv als Schenkung überlassen: Der Vorlass enthält etwa 10.000 Diapositive, Druckbelege, Briefe und Dokumente. Zusätzlich erwarb die Stiftung Hamburger Kunstsammlungen eine repräsentative Auswahl von über 200 Fotoabzügen des Künstlers sowie seine private Fotosammlung und stellte beides dem MKG als Dauerleihgabe zur Verfügung.Hans Hansen, geboren 1940 in Bielefeld, schloss eine Ausbildung zum Lithografen ab, verließ die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf anschließend aber ohne Abschluss. 1663 begann er als Autodidakt, mit einer Rolleiflex-Mittelformatkamera zu fotografieren, und gründete sein erstes Studio 1970 in Hamburg. Seit den 1960er-Jahren übernahm er internationale Werbekampagnen für Unternehmen wie etwa Lufthansa, Volkswagen, Mercedes-Benz oder Erco und prägte deren Markenimage entscheidend mit.Werbefotos, verknüpft mit Kunst und DesignSeine Aufnahmen erschienen außerdem in Publikationen wie „Stern“, „Mare“, „GEO“, dem Greenpeace Magazin oder den Magazinen der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Zeit“. Hansens Talent liegt in der Fähigkeit, Werbefotografie mit Kunst und Design zu verknüpfen – zumal er als Lithograf wie ein Grafiker denkt, der die Umrisse der Dinge oft wirken lässt, als seien sie auf das Fotopapier gezeichnet worden.So gingen seine sachlich-minimalistischen Objektfotografien in das kollektive Bildgedächtnis ein: „Seine Bildsprache war prägend, während die Autorschaft eher im Hintergrund blieb“, erklärt MKG-Direktorin Tulga Beyerle. Auch, um den Blick mehr auf die Persönlichkeit des sich selbst zurücknehmenden Künstlers zu lenken, steht im Zentrum der Schau Equipment aus Hansens Atelier. Dazu passt die nun erstmals ausgestellte Serie „Analog“: Hansen richtete seine Kamera hier auf die Dinge, die er über Jahrzehnte in seinem Studio genutzt und für seine analogen Abzüge benötigt hat – darunter sind zum Beispiel Lampen, Chemikalien, Fernauslöser, Farbfilter, Filmverpackungen oder gestapelte Aktenordner mit Negativen in Plastikhüllen.„Er löst die Gegenstände aus ihrem Kontext“Jeder Gegenstand aus dem Fotografenalltag wird durch die Art der Darstellung mit Bedeutung aufgeladen: Hansen rückt seine funktionalen Besitztümer wie Schätze ins Licht: „Er löst die Gegenstände aus ihrem Kontext heraus und isoliert sie“, sagt Kuratorin Ruelfs. Mit der Dokumentation seiner Atelierutensilien schuf der Fotograf, der seit 2007 nur noch mit Digitalkameras arbeitet, auch eine Hommage an das analoge Zeitalter der Lichtbildkunst. Das Hauptmerkmal seiner Arbeit ist die Reduktion der abgelichteten Motive auf ihre wesentlichen Eigenheiten und Aussagen. Vor meist neutral-monochromen Hintergründen entfalten die Dinge ihre volle Wirkung, die Hansens durch seinen gekonnten Einsatz von Licht und Schatten intensiviert. „Selbst wenn es beiläufig erscheint, jedes Licht, jeder Schatten ist präzise gesetzt und schärft unsere Wahrnehmung der abgebildeten Objekte, die dabei oft rätselhaft wirken“, so Beyerle.Anhand verschiedener Bildgruppen und Schaffensphasen vollzieht die Ausstellung Hansens Werkentwicklung über sechs Jahrzehnte hin nach. Da sind etwa die zwischen 1963 und 1967 aufgenommenen Bilder für Lufthansa, darunter Landschaftspanoramen, Wildtiere oder Sehenswürdigkeiten. Für die Werbekampagnen wurden die Fotos mit nüchternen Typografien des Grafikdesigners Otl Aicher kombiniert. „Ich hatte das Glück, mit der Lufthansa in Kontakt zu kommen, als die Corporate Identity komplett neugestaltet wurde“, erinnert sich Hansen.Freie Arbeiten neben den AufträgenIn seinen auf den Arbeitsreisen nebenbei entstandenen freien Fotografien hielt der Künstler verwitterte Plakate an Hauswänden und Mauern in Spanien, China oder dem Iran fest, bewies seinen Blick für die Ästhetik des Unscheinbaren. „Für ihn ist die Unterscheidung zwischen freien und angewandten Arbeiten irrelevant“, sagt Ruelfs über den Fotografen.Präzise, oft radikale Bildlösungen entwickelte Hansen auch für die Kampagnen verschiedener Automobilhersteller. Zur Markteinführung 1989 wurde etwa der Mercedes SL der Baureihe R 129 spektakulär in Szene gesetzt: Durch die weit geöffneten Türen wirkt der frontal aufgenommene, zweisitzige Sportwagen, als hätte er Flügel – und flöge in die Morgenröte oder einen Sonnenuntergang hinein, was durch den pink-orangefarbenen Farbverlauf im Hintergrund suggeriert wird.Auf der Suche nach „der Seele des Glases“Ein weiterer Themenschwerpunkt ist die Darstellung von Lebensmitteln, die Hansen etwa für Rewe oder über zwei Jahrzehnte hinweg für die „Stern“-Küche aufnahm. Auch hier entwickelte er eine innovative, sachlich reduzierte Bildsprache: „Um die Schönheit und Kostbarkeit der Lebensmittel zu würdigen, habe ich versucht, nicht das zu machen, was bis dahin in der Lebensmittelfotografie gemacht wurde“, so Hansen. Für den Stern erfand er jede Woche ein anderes Bild: Eine Brotscheibe, die aus vielen kleineren Stullen zusammengesetzt ist, ein Fenchelquerschnitt, durch den das Licht schimmert, eine Rhabarberstange, deren grüne Blätter im Hintergrund verschwimmen, während der knallrote Stängel gestochen scharf ins Auge fällt.Der erste Auftrag, den der junge Fotograf 1962 erhielt, kam von dem finnischen Glasdesigner Tapio Wirkkala: „Er gab mir die Chance, seine Objekte zu fotografieren. Es gab nie irgendwelche Vorschläge, ich war immer absolut frei“, erzählt Hansen. Der Designer habe ihn lediglich gebeten, „die Seele des Glases zu finden“. Diese Erfahrung begründete eine lebenslange Leidenschaft für den Werkstoff Glas, der ihn als Fotograf durch seine besonderen Eigenschaften herausfordert. Über die Jahre trug er eine Sammlung aus Glasobjekten zusammen, die sich ebenfalls im MKG befindet. Eigens für die Ausstellung entstand eine Fotoserie mit einigen dieser Glasobjekte, die Hansen zu Skulpturen aufgetürmt hat. „Glas und Fotografie sind zwei Dinge, die für mich zusammenhängen“, sagt der Künstler: „Beide leben vom Licht.“Ein VW Golf aus 7000 TeilenHansens Vorliebe, Dinge zu sortieren, neu anzuordnen und ihre Stofflichkeit zu vergleichen, zeigt sich auch in der 1988 entstandenen Aufnahme eines in seine Einzelteile zerlegten VW Golf. Die rund 7000 Komponenten hat der Künstler sorgfältig arrangiert, von den kleinsten Schräubchen über das Auspuffrohr bis hin zu den Autositzen. Der Fokus liegt auf den verschiedenen Materialien, Formen und Strukturen der Dinge, die schließlich im Produkt miteinander verbunden und zu einem Ganzen werden. Hansen geht den Dingen auf den Grund, indem er sie unabhängig von ihrer Funktion betrachtet und ihre ureigene Schönheit herausarbeitet.Museum für Kunst und Gewerbe, bis 1. November
Ausstellung: Die hohe Kunst der Werbung - WELT
Das Museum für Kunst und Gewerbe ehrt den Hamburger Fotografen Hans Hansen mit einer großen Retrospektive. Gezeigt werden 220 ikonische Aufnahmen, die das Bild ganzer Markenfamilien prägten.






