Fachinstitute, Tierschutzorganisationen, Experten waren sich einig: Dem vor der Ostsee-Insel Poel liegenden Buckelwal sei nicht sinnvoll zu helfen. Man wollte ihn in Ruhe sterben lassen. Nun kam die politische Wende. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) gab grünes Licht für den Rettungsversuch einer privaten Initiative für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal.Das Konzept sehe eine Bergung des lebenden Tieres und einen Transport in die Nordsee und gegebenenfalls bis in den Atlantik vor, sagte Backhaus. Die Behörden hätten das entsprechende Konzept geprüft und ihm zugestimmt. Nach Aussage von Backhaus soll das Tier per Luftkissen angehoben werden. Der Wal solle dann auf einer Plane zwischen zwei Pontons gelagert und transportiert werden.Angesichts der Stimmen, ihn sterben zu lassen, hatte sich in sozialen Medien heftiger Zorn geregt, einige Menschen hatten direkt vor Ort protestiert. Auf Pappschildern war von «unterlassener Hilfeleistung» die Rede, Helfer wurden bedroht und die Sängerin Sarah Connor wurde für einen einordnenden Beitrag zum Wal bei Instagram heftig angefeindet. Warum war das passiert?Bei politischen Krisen hänge das Mitgefühl für die Kontrahenten von den persönlichen Ansichten ab - das Mitgefühl für den Wal hingegen sei von niemandem infrage stellbar, erklärte Roman Rusch von der Hochschule Ansbach vor der Zustimmung Backhauses zum erneuten Rettungsversuch. «Menschen sind komplex, der Wal nicht.» Hinzu komme menschliches Mitverschulden an der Lage des Tieres, dem ein Fischernetz aus dem Maul hängt. «Der Mensch ist Täter - und nun tut dieser Täter nichts, das ist schwer zu ertragen.»Anders als viele andere Herausforderungen unserer Zeit zeichne sich ein vermeintlich klarer Weg ab, für den man sich starkmachen könne, sagte Jan-Philipp Stein von der TU Chemnitz. «Diese Art von Komplexitätsreduktion übt auf viele Menschen in unserer heutigen Zeit einen großen Reiz aus.»Der Fall ist ja wirklich einfach - oder?Augenscheinlich sei der Vorfall sehr klar gestrickt, erklärte Stein vor der Entscheidung zum neuen Rettungsversuch. «Ein beeindruckendes und bekanntermaßen auch sehr intelligentes Lebewesen leidet, und alles, was - vermeintlich - zur Rettung erforderlich ist, ist der Transport einige Hundert Meter ins offene Meer hinaus.» Der intuitive Eindruck sei, dass das mit allen Möglichkeiten heutiger Technik doch möglich sein sollte.«Die Frage ist, was tatsächlich gut ist für das Tier», sagte Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros in Stralsund vor der aktuellen Entscheidung Backhauses. Im vor einigen Tagen veröffentlichten Gutachten zum Zustand des rund zwölf Meter langen Wals heißt es, dass nach den vier Strandungen bei Niendorf, Wismar und vor Poel mit einer erneuten gerechnet werden müsse. Die wiederholten Strandungen wiesen auf ein ernsthaftes Gesundheitsproblem hin. Nun soll der Wal jedoch mit anderer Technik als bisher geschehen geborgen werden und in die Nordsee und gegebenenfalls bis in den Atlantik gebracht werden.Seit dem 31. März liegt der Buckelwal in etwa 1,50 Meter Wassertiefe vor Poel. Bis zum südlichen Ende des Kattegats sind es rund 200 Kilometer und bis zum Skagerrak weitere etwa 250 - erst dann wäre das Tier wieder in den Tiefen der Nordsee und könnte weiter ins offene Meer schwimmen. «Transportmöglichkeiten für einen Wal dieser Größe existieren nicht», heißt es noch in dem tagealten früheren Gutachten. Zudem wäre schon ein Anheben mit Schlaufen mit extremem Stress und wahrscheinlich großflächigem Abreißen der schwer geschädigten Haut verbunden.Das Tierschutzgesetz verbiete zusätzliches Leid ohne vernünftige Erfolgsaussichten. Methoden zur Euthanasie eines Großwales in solchen flachen Gewässern gebe es derzeit nicht. Der Wal solle darum in Ruhe gelassen sterben. Bei dem nun eingesetzten Verfahren soll das Tier jedoch per Luftkissen angehoben werden.Es geht um Moral und AufmerksamkeitStein zufolge geht es Social-Media-Usern - ohne besorgten Stimmen ihre Gutmütigkeit absprechen zu wollen - auch um sogenanntes Virtue Signalling: öffentlichkeitswirksam inszenierte Verhaltensweisen, mit denen Menschen die eigene moralische Tugendhaftigkeit zum Ausdruck bringen und zugleich die moralische Verwerflichkeit anderer abwerten wollen.
Demos & Connor im Shitstorm: Woher kommt die Wut um den Wal? - WELT
Emotion schafft Aufmerksamkeit: Kaum ein Beispiel zeigt das besser als das Drama um den Wal vor Poel. Sein Schicksal berührt viele - einige aber lässt es hasserfüllt geifern. Warum geschieht das?








