PfadnavigationHomePolitikDeutschlandEnergiepolitik„Die meisten können diese höheren Spritpreise verkraften“ – Streit in der Koalition weitet sich ausVeröffentlicht am 11.04.2026Lesedauer: 4 MinutenNach einem offenen Schlagabtausch über die richtige Strategie in der Energiekrise ringt die schwarz-rote Koalition um einen Kompromiss. Während die SPD auf eine Übergewinnsteuer und Preisdeckel pocht, zerpflückt CDU-Wirtschaftsministerin Reiche die Pläne als wirkungslos.In Berlin berät am Wochenende die Koalition aufgrund der hohen Energiepreise über Entlastungen für die Bürger. In der Debatte über hohe Energie- und Spritpreise hatte sich zuletzt der Ton verschärft – auch innerhalb der Koalition.Nach Streit über mögliche Entlastungsmaßnahmen in der Energiepreiskrise sind die Spitzen der schwarz-roten Koalition in Berlin zu Beratungen zusammengekommen. In Koalitionskreisen wurde ein Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), CSU-Chef Markus Söder und den beiden SPD-Chefs Lars Klingbeil und Bärbel Bas bestätigt, Details wurden nicht genannt. „Bild“ berichtete, die Gespräche fänden in der Villa Borsig statt, dem Gästehaus des Auswärtigen Amts im Norden der Hauptstadt am Tegeler See.Zuvor hatte die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer vor Entlastungen „mit der Gießkanne“ gewarnt. „Das ist eine Krise, wie sie immer wieder mal vorkommt“, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Samstag. „Die meisten Menschen können diese höheren Spritpreise verkraften.“ Für die wenigsten Menschen seien die Mehrkosten existenzbedrohend. „Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, dass der Staat immer für alle alles auffängt“, fuhr die Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in der „NOZ“ fort. Es müsse stattdessen jenen geholfen werden, die wirklich bedürftig seien.Lesen Sie auchEs sei außerdem grundsätzlich „verkehrt“, in den Spritpreis einzugreifen, „denn die Leute sollen ja jetzt weniger fahren oder zumindest langsamer fahren“. Öl sei wegen des Iran-Kriegs knapp, der Verbrauch müsse gesenkt werden. Die Ölkrise müsse zudem dazu genutzt werden, „um von den fossilen Energieträgern unabhängiger zu werden“, sagte Schnitzer. „Wenn wir beim Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Elektromobilität weiter wären, wären wir jetzt nicht so verletzbar.“Diese Vorschläge werden diskutiert Mehrere Verbände des Verkehrsgewerbes haben Bundeskanzler Merz zudem in einem offenen Brief zu schnellem Handeln in der Kostenkrise aufgerufen. Zahlreiche Unternehmen befinden sich demnach am Rand ihrer Existenz, warnten sie. „Die Zeit des Zögerns ist vorbei“, heißt es in dem Schreiben.Die Vorstellungen über die richtige Vorgehensweise gehen innerhalb der schwarz-roten Koalition aber auseinander. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) pocht auf Markteingriffe und verweist dabei auf andere europäische Länder. „Das Wirksamste ist gerade der Eingriff in den Markt. Das sehen wir in anderen europäischen Ländern“, sagte der Finanzminister der „Süddeutschen Zeitung“. „Und ich finde, wir sollten diesen Mut auch haben.“Kanzler Friedrich Merz (CDU) dagegen sieht Markteingriffe skeptisch. Doch auch in der Union wird der Druck größer. „Wir brauchen jetzt spürbare Entlastungen, die schnell bei den Verbrauchern und den Unternehmen ankommen, die auf ihre Fahrzeuge angewiesen sind“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) dem Berliner „Tagesspiegel“. Merz hatte deshalb Klingbeil und Reiche beauftragt, gemeinsam Vorschläge zu erarbeiten. Lesen Sie auchWirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plädiert ihrerseits für eine temporäre Anhebung der Pendlerpauschale. Für die Güter- und Logistikbranche sollte aus ihrer Sicht die Dieselsteuer gesenkt und die Entlastungen sollten mit Mehrwertsteuereinnahmen finanziert werden, die wegen der hohen Preise gestiegen seien, erklärte sie. Doch die angeordnete Zusammenarbeit hatte sich offenbar als problematisch erwiesen: Reiche hatte den Koalitionspartner düpiert, indem sie sich am Freitag in mehreren öffentlichen Auftritten offen gegen Klingbeil und die SPD aussprach. „Der Koalitionspartner ist in den letzten Wochen damit aufgefallen, Vorschläge zu unterbreiten, die teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig sind“, sagte sie in Berlin. „Das führt zu Verwirrung und hilft den Verbrauchern nicht.“ Der CDU-Sozialflügel forderte wegen dieser Kritik bereits Reiches „Auswechslung“.Mit Blick auf die Stromsteuer schlägt Wirtschaftsweise Schnitzer vor, sie für alle zu senken. Zudem sei jetzt ein guter Zeitpunkt, das seit Langem diskutierte Klimageld einzuführen und „die CO₂-Abgabe an die Bürger zurückzugeben“. Im Gegenzug könne die Regierung Maßnahmen streichen, „die wenig wachstumswirksam sind“.Opposition attestiert Regierung „Kontrollverlust“Dies entspricht der Forderung der Grünen, wonach die Stromsteuer für alle gesenkt werden müsse. Außerdem sollen Übergewinne der Ölkonzerne abgeschöpft werden und neben einem Tempolimit auf Autobahnen sollte ein 9-Euro-Ticket für Bus und Bahn kommen. Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch hatte zudem Bundeskanzler Merz (CDU) im Koalitionsstreit um die Energiepolitik einen Kontrollverlust vorgeworfen. „Der Bundeskanzler verliert die Kontrolle, der Streit zwischen Katherina Reiche und Lars Klingbeil eskaliert“, sagte Audretsch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Statt Chaos bräuchte es jetzt einen klaren Krisenplan des Kanzlers und des Vize-Kanzlers. Nichts liegt vor.“AFP/dpa/ceb/kami/jho