PfadnavigationHomePanoramaHeilbronnDoppelgänger zu Führerschein-Prüfungen geschickt – Fahrschulinhaber mit Komplizen vor GerichtVeröffentlicht am 11.04.2026Lesedauer: 3 MinutenBundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) stellt Reformpläne für einen bezahlbaren Führerschein vor. Jürgen Kopp, Vorsitzender der Bundesvereinigung Fahrlehrerverbände, hat seine Zweifel an dem Vorhaben.Vor dem Landgericht Heilbronn beginnt ein Prozess gegen eine mutmaßliche Bande von Führerscheinbetrügern: Fahrschulinhaber sollen mit Doppelgängern und Täuschungssystemen theoretische Prüfungen verkauft und hohe Summen eingenommen haben.Mehr als zwei Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr die theoretische Führerscheinprüfung abgelegt, so viele wie nie zuvor. Dabei handelt es sich um 20 bis 40 Multiple-Choice-Fragen, die beantwortet werden müssen – fast jeder zweite Prüfling fällt dabei durch. Das nutzen organisierte Banden aus, die gegen Geld unter anderem Doppelgänger für die Tests organisieren. Bundesweit soll es Tausende Fälle dieser Art pro Jahr geben – und eine hohe Dunkelziffer, glaubt der TÜV-Verband. Vor dem Heilbronner Landgericht hat nun einer der bislang wohl spektakulärsten Prozesse gegen eine mutmaßliche Bande von Führerscheinbetrügern begonnen. Auf der Anklagebank sitzen insgesamt fünf Männer, darunter Inhaber von zwei Fahrschulen, die über ein Netzwerk Doppelgänger vermittelt haben sollen. Als sogenannte Stellvertreter übernahmen diese laut Anklage Dutzende theoretische Fahrprüfungen im Raum Heilbronn und Göppingen, mindestens zwei auch in Bayern. Lesen Sie auchDie Männer mit deutscher, bulgarischer und syrischer Staatsangehörigkeit sollen ein aufwendiges Betrugssystem aufgebaut haben: Demnach organisierten die Fahrschulinhaber den Betrug, ihre mutmaßlichen Komplizen kümmerten sich um die Stellvertreter und waren deren Ansprechpartner am Tag der Tat. Für Interessenten, vor allem aus Bulgarien, wurden passende, möglichst ähnlich aussehende Doppelgänger gesucht. Nicht in allen Fällen waren diese aber bei den Prüfungen erfolgreich. Gezahlt werden musste trotzdem. Insgesamt sind die Männer wegen 59 Taten angeklagt. Die Prüfungen seien eine „Einnahmequelle von erheblichem Umfang und einiger Dauer“ gewesen, sagte der Staatsanwalt in seiner rund zweistündigen Anklageverlesung zum Prozessauftakt. Prüflinge hätten im Normalfall etwa 2000 Euro gezahlt. Es seien aber auch deutlich höhere Beträge gezahlt worden. Gemeinsam sollen die Männer mehr als 179.000 Euro eingenommen und das Geld aufgeteilt haben. Lesen Sie auchEs ist nicht der erste, aber der größte Prozess gegen die Gruppe: Ein mutmaßlicher Komplize war bereits im März in Heilbronn rechtskräftig zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er wurde des Betrugs in 31 Fällen schuldig gesprochen, weil er sich als Doppelgänger ausgegeben hatte. Lesen Sie auchIm aktuellen Fall gab es ein Verständigungsgespräch vor dem Auftakt. Darin brachte die Staatsanwaltschaft Haftstrafen zwischen drei und fünfeinhalb Jahren ins Spiel, sollten die Angeklagten nicht gestehen. Die Verteidigung ging aber von deutlich geringeren Strafen aus. Eine Entscheidung über Geständnisse oder Einlassungen, die den Prozess deutlich verkürzen könnten, ist noch nicht gefallen. Die Betrüger gehen bei ihren Taten stets nach dem gleichen Muster vor: Hatte ein interessierter Prüfling Sprachprobleme, wusste er schlicht zu wenig oder war zu nervös, wurde aus einem Pool ein ähnlich aussehender Doppelgänger ausgesucht. Dieser wies sich mit dem Dokument des Prüflings aus und absolvierte anstelle des Kunden den Test – und bestand ihn im besten Fall auch. „Das ist ein gut organisiertes Netzwerk, in dem die Stellvertreter regelrecht Termine abarbeiten“, sagt Marcellus Kaup vom TÜV Süd. „Manche absolvieren bis zu acht Prüfungen am Tag und im ganzen Land.“ Auch Mini-Kameras im EinsatzBei den Täuschungen werden häufig auch versteckte Ohrhörer, Mini-Kameras oder – ganz traditionell und oft auf eigene Faust – Spickzettel benutzt. Mehr als 4200 Täuschungsversuche wurden nach Verbandsangaben im vergangenen Jahr bei theoretischen Prüfungen registriert. Bereits seit Jahren fordert der TÜV-Verband klare Regeln, die auch konsequent von den Behörden angewendet werden. Um wirklich abzuschrecken, sollten Instrumente wie Sperrfristen oder Medizinisch-Psychologische Untersuchungen (MPU) bei organisierten Täuschungsversuchen bundesweit dazugehören. Aus Sicht des Verbands müssen organisierte Täuschungsversuche künftig als Straftat gelten – auch für die Auftraggeber.dpa/nw