Olivenhaine, Obstgärten, Wassernetze: Über Jahrhunderte war die Tramuntana auf Mallorca eine blühende Kulturlandschaft. Dann kam der Tourismus, und sie verwilderte. Auf der Finca Son Moragues wird sie nun neu interpretiert.Das Timing ist perfekt. Da fährt Joe Holles im offenen Vintage-Landrover durch das Gelände der Finca Son Moragues, vorbei an den Oliventerrassen, deren Trockensteinmauern, so sagt er, zusammen 50 Kilometer lang sind. Er erwähnt, dass die Art der Anlage auf dem Erbe der Mauren fußt, genau wie die Bewässerungssysteme, und wie beides die Kultivierung Mallorcas geprägt und aus der Insel das landwirtschaftliche Powerhouse des Mittelmeerraumes machten, „bis ins 17. Jahrhundert hinein“. Er spricht und schaltet, manövriert den Wagen über die steilen, kurvigen Wege und seine Erklärungen durch den Motorenlärm. Die Böden der Finca seien so fruchtbar wie sonst nur im tropischen Regenwald, betont er, und gerade als er die Rolle der Schafe dabei erläutern will, kreuzt blökend und bimmelnd eine Herde den Weg. „Die haben wir so bestellt“, sagt Holles und lacht. Es ist natürlich nur ein Zufall, aber man hätte es trotzdem sofort geglaubt, so sinnfällig greifen hier Ursache und Wirkung, Geschichte und Gegenwart, Natur und Menschenwerk ineinander.Joe Holles, geboren in England, aufgewachsen nahe der Farm in Valldemossa, ist nach Literaturstudium und Ausflügen in die Tech-Branche heute Vorsitzender diverser Umweltstiftungen auf Mallorca und ein Experte für nachhaltiges Landmanagement, also die strategische Nutzung von Boden, Wasser und Pflanzen.Er hat Son Moragues in den vergangenen 16 Jahren von einem vernachlässigten Anwesen zu einer lebendigen regenerativen Landwirtschaft entwickelt, die ihre Erzeugnisse selbst verarbeitet und seit 2022 unter der eigenen Marke Sonmo verkauft – Olivenöl, Marmeladen, Keramik und unterschiedliche Wollprodukte. Kulturlandschaft ist Welterbe der UnescoDie Finca liegt bei Valldemossa in der Serra de Tramuntana, der Gebirgsregion im Nordwesten Mallorcas. Dort ist das Klima rauer und kühler, der Wind schärfer als auf dem Rest der Insel, die Umgebung aber umso spektakulärer. Jahrhundertelang bauten Menschen hier die erwähnten Terrassen und Bewässerungssysteme in die felsigen Täler. So entstand eine einzigartige Kulturlandschaft, die seit 2011 zum Welterbe der Unesco gehört. Son Moragues (übersetzt: „Besitz der Familie Moragues“) ist mit ihren 500 Jahren Geschichte und mehr als 300 Hektar Eichen- und Kiefernwäldern, Trockensteinterrassen, Obstgärten und Olivenhainen nicht nur eine der ältesten und größten Fincas hier. Sie ist auch ein Projekt mit einem Auftrag: nämlich jenen Einklang zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen und zu erhalten, der in der Region herrschte, bevor Industrialisierung und vor allem Tourismus Fuß fassten. „Es funktioniert“, sagt er – und lädt ein, es selbst zu erleben.San Moragues hatte die besten Tage lange hinter sich, als ein Geschäftsmann aus Madrid das Anwesen 2008 kaufte, mit seiner Familie einzog und es – unterstützt und beraten von Holles – peu à peu wiederbeleben ließ. Die Trockensteinmauern wurden erneuert, die Bewässerungskanäle und Zisternen renoviert, die Oliventerrassen vom Wildwuchs der leicht brennbaren Pinien befreit. „Menschen können eine Landschaft tatsächlich verbessern, wenn sie Dinge richtig machen“, so Holles, das hat ihn die Kulturgeschichte der Tramuntana gelehrt. Lesen Sie auch„Wie die Region durch menschliche Eingriffe widerstandsfähiger gegen Brände wurde, dank der Brandschneisen, der zusätzlichen Wassertanks auf den Terrassen und der Versickerung; wie dieses Wasser für mehr Oliven, Trauben, Gemüse sorgte und sich durch den Überfluss an Nahrung plötzlich das Migrationsverhalten der Vögel änderte, es zu einem Boom der Artenvielfalt kam, der Boden fruchtbarer wurde – das war für mich eine faszinierende Lektion.“ Sein Enthusiasmus ist ungebrochen, er hat ihn nur mit immer mehr Recherchen angereichert. Stets steckt er knietief in der Materie, zitiert aus Studien, jongliert mit Zahlen, mischt sie mit Geschichten, streut Fun Facts ein („Mallorca ist die letzte Insel auf der Welt, auf der Rabengeier noch permanent leben“, „Manche unserer Olivenbäume sind 1500 Jahre alt“) – und all das mit einer Eloquenz, die irgendwo zwischen TED Talk und „Willi wills wissen“ oszilliert, je nach Zielgruppe. Spielend erfasst man so die Zusammenhänge und erfreut sich am eigenen Verstehen. Buchbares GlückEs ist ein Glücksmoment mit Lerneffekt, und den kann man sogar buchen: Die Finca bietet (kostenpflichtig und mit vorheriger Anmeldung) geführte Besuche an, sogenannte „Experiences“. Die macht zwar nicht der Chef persönlich, die Farm hat ein eigenes, ebenso engagiertes Team dafür – die Bewertungsplattformen im Internet sind voll mit lobenden Beiträgen.Es gibt Touren durch die Olivenhaine oder zur Geschichte der Serra de Tramuntana, Olivenölverkostungen und jetzt auch ein Paket, das alles zur Entstehung der auf Son Moragues produzierten Teppiche, Decken, Kissen, Taschen, Schals und Kleidungsstücke umfasst.Bei dieser „Textile Experience“ kommen die Schafe ins Spiel, die anfangs bereits ihren Auftritt hatten. Gut 200 gibt es auf der Finca, sie bewegen sich frei auf den Oliventerrassen, als vierbeinige Landschaftspfleger, die Unkraut und vor allem junge Baumschösslinge fressen und mit ihrem Mist den Boden düngen.Aber sie sind auch Wolllieferanten, was wiederum einiges aussagt über die Konsequenz, mit der auf der Finca in Kreisläufen gedacht wird. Denn Rohwolle gilt in der EU meist nicht als Rohstoff, sondern als Abfallprodukt der Fleischproduktion. Nach den Regeln des Weltmarkts ist Scheren nur im großen Stil profitabel, in Australien, China oder Südamerika. Son Moragues aber lässt noch selbst scheren, neben den eigenen Schafen auch auf anderen Höfe auf Mallorca, 2700 Tiere sind es inzwischen.Die Finca schickt und bezahlt die Scherer und behält im Gegenzug die Wolle, immer vorausgesetzt, die Tiere werden gut gehalten und die Wolle ist in gutem Zustand; „einen Neustart für diese kleine Branche“, nennt Holles das. Gewaschen und gesponnen wird das Material auf dem spanischen Festland, der Insel fehle dazu die Infrastruktur.Was dann aber in kiloschweren Garn-Kegeln zurückkommt, wird vor Ort verarbeitet, auf Webstühlen aus Massivholz und Eisen, mehr als 100 und sogar 150 Jahre alt. Diese stammen, klar, aus einer Weberei von der Insel, die in den 1960er-Jahren geschlossen wurde. Sie standen seither noch voll bespannt und mit unvollendetem Gewebe in der alten Industriehalle wie ein gespenstischer Schlusspunkt der mallorquinischen Textilindustrie. Neues Leben für alte BiesterBis sie Son Moragues zum Kauf angeboten wurden und von Daniel Harris, einem eigens aus London eingeflogenen Weber und Experten für historische Webstühle, zerlegt, mit dem Mobilkran aus der Fabrikhalle gehoben, zur Finca transportiert und dort wieder zusammengebaut wurden. „Das Alter ist nicht das Problem bei diesen Maschinen“, sagt Harris, auch so Enthusiast reinsten Wassers, „sondern der lange Stillstand.“ Harris und seine Kollegin schlachteten einen Webstuhl nur für Ersatzteile aus, schweißten, feilten, improvisierten mit Lederriemen und erweckten die alten Biester zu neuem Leben. Diese in Aktion zu erleben ist ein Spektakel, das jedem Ingenieur Tränen des Glücks in die Augen treibt und allen anderen Respekt einflößt. So ohrenbetäubend laut sind sie, und so rasend schnell führen die Weberschiffchen die Schussfäden durch die Kettfäden.Wann erlebt man so was noch, und dann als Teil eines echten Herstellungsprozesses? „Das ist selten“, sagt Daniel Harris. „Und in den nächsten fünf Jahren wird es noch seltener werden. Nicht nur in Spanien, in ganz Europa. Wir leben in komischen Zeiten“.Auf Son Moragues aber geht es weiter. Die Sonne scheint, man hört die Schafe, Vogelgezwitscher und ein paar Landmaschinen und ist, nach kaum zehn Minuten zu Fuß, im neuen Textilstudio von Sonmo. Hier werden die Stoffe aus der Weberei weiterverarbeitet, zu Taschen, Schürzen, Kissen gemacht und oft auch gefärbt.Lesen Sie auchDie Pigmente dafür sind aus Pflanzen gewonnen, die auf dem Anwesen wachsen, Kreuzdorn etwa, Rosmarin oder Quitten. Die Entwürfe sind meist auch Ausflüge in die Traditionen der Insel. Die robuste Wolle mallorquinischer Schafe wurde früher für Decken in Krankenhäusern oder der Armee verwendet. Deren dezente Muster – vertikale oder diagonale Streifen, Fischgrat in Uni – finden sich jetzt auch auf den Plaids von Sonmo. Nur ist die Wolle von Mallorca jetzt mit der weichen Merinowolle vom spanischen Festland gemischt. Es gibt auch wunderbar schlichte Jacken, die ein wenig nach Landarbeit und zugleich nach Jil Sander aussehen, und die kleine Tasche aus Lammfell mit dem bronzefarbenen Griff, der von Weitem wie Horn wirkt, tatsächlich aber aus Keramik aus der Sonmo-Werkstatt besteht, hat nun wirklich das Zeug zum It-Piece.Unvorstellbar heute, dass Son Moragues ursprünglich nur Olivenöl und ein paar – übrigens köstliche – Marmeladen im Angebot hatte. „Wir haben irgendwann erkannt, dass wir auch mit unseren Produkten zurückkehren müssen in die Zeit, in der man mit allem arbeitete, was das Land zu bieten hat“, so Joe Holles.Olivenöl allein machte die Finca anfällig. „In einem guten Jahr produzieren wir 15.000, die Marken auf dem Festland eher 200.000 Liter“, rechnet er vor. Das ist zu unsicher für ein Unternehmen, das, bei aller Geduld des Besitzers, keine Gentleman-Farm ist, sondern sich selbst tragen soll. Nur so kann Son Moragues zur Blaupause werden für die Region, in der mehr als 90 Prozent des Landes in Privatbesitz sind. Nichts Geringeres ist das Ziel.
Kulturlandschaft auf Mallorca: Wie eine Finca mit Uralt-Webstühlen Textilien fertigt und Touristen lockt - WELT
Olivenhaine, Obstgärten, Wassernetze: Über Jahrhunderte war die Tramuntana auf Mallorca eine blühende Kulturlandschaft. Dann kam der Tourismus, und sie verwilderte. Auf der Finca Son Moragues wird sie nun neu interpretiert.









