PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftPraga BohemaDie reinste Form der RasereiVon Thomas GeigerVeröffentlicht am 02.04.2026Lesedauer: 7 MinutenJe schneller der Praga Bohema fährt, desto ruhiger liegt er auf dem Asphalt Quelle: Lucas Martin/PragaEin Hypercar aus Tschechien? Ganz recht: Die lange vergessene Traditionsmarke Praga meldet sich zurück mit einem Rennwagen für die Straße, der selbst einen Bugatti bieder aussehen lässt. Ein Faktor sticht dabei besonders heraus.Es liegt gleich um die Ecke und ist auf der automobilen Weltkarte trotzdem eine große Unbekannte: Außer Skoda verbindet die PS-Branche nicht viel mit Tschechien. Nur Nerds kennen vielleicht noch Tatra und die eingefleischten Fans erinnern sich womöglich daran, dass Ferdinand Porsches Karriere nicht in Gmünd begann oder in Stuttgart, sondern dass sein Elternhaus in Maffersdorf in Böhmen stand und dass er mit seinen ersten Konstruktionen wie dem elektrischen Lohner-Porsche gerne von Wien in seinen Heimatort fuhr. „Heute weiß keiner mehr, dass zwischen den beiden Kriegen jedes sechste Auto der Welt im heutigen Tschechien gebaut wurde, dass wir damals drei Dutzend kleine und ein Dutzend große Autohersteller hatten“, sagt Jan Martinek, Chief Engineer bei Praga, einem tschechischen Hersteller, der zwar schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat, aber trotzdem in Vergessenheit geraten ist – und das, obwohl die Firma in den 1930ern mehr Autos gebaut hat als Skoda und Tatra zusammen. Wenn es nach Martinek geht, wird sich das bald ändern. Fast trotzig lenkt er den Blick auf einen Boliden, der die Marke wie mit einem Donnerhall in Erinnerung bringen soll. Den Bohema.Lesen Sie auchFür ihr Comeback haben sich die Tschechen die Spitze des Sportwagensegments ausgesucht und ein Geschoss entwickelt, das selbst einen Bugatti brav aussehen lässt. Der Bohema ist ein Le-Mans-Rennwagen mit Straßenzulassung: im Windkanal gezeichnet, auf der Waage konstruiert, im Karbon-Ofen gebacken und nichts anderem verpflichtet als der Raserei in ihrer reinsten Form.Das ist keine Anmaßung, auch wenn Praga in der sozialistischen Planwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zum Lastwagenhersteller und Getriebelieferanten degradiert wurde. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs lebt die Firma für den Motorsport, und zwar ausschließlich. Zunächst allerdings in einer anderen Kategorie: Praga hat Motocross-Motorräder gebaut und Rallye-Trucks für die Dakar. Vor allem aber hat sich das Unternehmen als Kart-Hersteller einen Namen gemacht, der bei der entsprechenden Weltmeisterschaft so klangvoll ist wie Ferrari in der Formel 1. Ab 2012 folgten zwei reine Track-Cars für streng definierte Rennserien, bevor irgendwann die verrückte Idee aufkam, einen eigenen Hypercar mit Straßenzulassung zu ersinnen. „Seitdem hat unsere Mannschaft nicht mehr viel geschlafen“, erzählt Martinek von fast zehn Jahren der Konstruktion und Entwicklung, von Wochen im Windkanal und davon, wie man sich allein mit einem Lenkrad und dessen Ergonomie mehrere Monate lang beschäftigen kann. Radikales Konzept„Damals, 2016, war das ein radikales Konzept, an das sich kein Großserienhersteller herantraute“, denkt Martinek zurück an die Konzeptphase. Dumm nur, dass Aston Martin und Mercedes-AMG ebenfalls auf die Idee kamen, mit dem Valkyrie und dem One einen Formel-1-Boliden in das Korsett der Straßenverkehrsordnung zu zwängen. Und obwohl auch die vermeintlich Großen damit so ihre liebe Mühe hatten und obendrein von der Pandemie ausgebremst wurden, waren sie am Ende doch schneller und der Bohema wurde nur zum dritten im Bunde.Lesen Sie auchDas kann Martinek gut verschmerzen. Auch wenn sein Bolide weder der erste in dieser Liga ist, noch der stärkste oder der schnellste, ist er wahrscheinlich der radikalste und sicher der rarste Raser für die linke Spur. Vom AMG One gibt es schließlich 275 Exemplare und die Valkyrie baut Aston Martin immerhin 230 Mal, während Bugatti die Produktion des Chiron erst nach 500 Exemplaren gestoppt hat und vom Tourbillon mindestens 250 Autos bauen will. „Den Bohema wird es nur 89 Mal geben“, sagt Martinek – ein Exemplar für jedes Jahr, das seit dem berühmten Sieg eines Praga-Rennwagens bei den „1000 Meilen der Tschechoslowakei“ im Jahr 1933 bis zur Premiere des Bohema im Jahr 2022 vergangen ist. Auch der Preis ist heiß: 1,7 Millionen Euro verlangen die Tschechen für ihr Hypercar, etwa das 80-fache eines Skoda Fabia. Dafür gibt es lupenreine Renntechnik: Das Monocoque wird aus Karbon gefertigt und die Karosserie so geformt, dass bei 250 km/h über 900 Kilo Abtrieb auf dem Auto lasten – fast so viel wie das Gesamtgewicht von gerade mal 980 Kilo. Vorne hat das Fahrwerk liegende Federbeine, was für einen tieferen Schwerpunkt sorgt und die Aerodynamik verbessert. Das Getriebe ist sequentiell und hat eine automatisierte Kupplung. Die Auspuffanlage besteht aus Titan und hat eine Mündung wie eine Jet-Turbine, die sich während der Fahrt weiter öffnet und ihren heißen Atem hoch aus dem Heck bläst. Nur beim Motor beweisen die Tschechen Bodenhaftung. Sie ignorieren den Trend zur Elektrifizierung und bauen statt überzüchteter Formel-1-Triebwerke oder eines verkünstelten 16-Zylinders das 3,8 Liter große V6-Triebwerk aus dem Nissan GT-R ein. Warum? Weil es tausendfach seine Zuverlässigkeit bewiesen hat und weil es auch ein paar erfahrene Tuner dafür gibt. Wem die 700 PS und 780 Nm ab Werk nicht reichen, dem kann deshalb mühelos geholfen werden, sagt Martinek und erzählt von Umbaukits, die vierstellige Leistungsdaten erzielen.Nötig ist das aber nicht. Die Leistung ist ja nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht das Gewicht, bei dem keiner seiner Konkurrenten dem Praga etwas vormacht. Das sogenannte Leistungsgewicht liegt bei mageren 1,4 Kilo pro PS, und so ist es auch kein Wunder, dass der Wagen aus dem Stand in weniger als 2,5 Sekunden auf Tempo 100 schießt, die 200er-Marke in weniger als acht Sekunden reißt und auch jenseits von 300 km/h so schnell nicht aus der Puste kommt. Ungezügelte KraftZudem, und das ist viel wichtiger, lässt der Bohema den Fahrer seine Kraft so roh und ungezügelt spüren, dass man sich mehr Power nur schwerlich vorstellen kann. Das kommt offenbar dabei heraus, wenn ein Formel-1-Profi wie Romain Grosjean als Testfahrer bei der Feinabstimmung des Autos hilft. Bei einer Testfahrt im Vorfeld eines Events für potenzielle Kunden zeigt sich: Je schneller der Bohema wird, desto wohler fühlt sich der Wagen, desto ruhiger liegt er auf der Straße und desto weiter lässt er den Alltag hinter sich. Wie zur Kanzel eines Jets öffnen die Türen nach oben, der Fahrer kauert förmlich auf dem Asphalt, und weil es im Cockpit keinen Platz mehr gab für ein paar Schalter, sind viele Bedienelemente wie im Flieger ins Dach gerückt. Das Gefühl am Steuer ist mit Fahren nur unzulänglich beschrieben, wenn man im Tiefflug über den Asphalt jagt und einem das Zischen und Fauchen der Turbos bei jedem Gasstoß eine Gänsehaut über den Körper treibt. Das Überraschende dabei: Man ist im Praga halbwegs bequem unterwegs, denn das Fahrwerk wahrt einen Hauch von Komfort. So bequem jedenfalls, wie es in einem Schraubstock sein kann, wenn direkt im Nacken ein Monster mit 6000 Touren tobt.Lesen Sie auchObwohl nur 89 Autos gebaut werden sollen, hat Praga mit dem Bohema noch ein bisschen was zu tun. Für einen Nobody ist es nicht einfach, das mit großem Abstand teuerste Auto im Land zu verkaufen. Deshalb haben längst nicht alle Exemplare einen Abnehmer gefunden, und bei einer Bauzeit von drei Wochen pro Auto und 20 Autos im Jahr sind die 30 Mann in der Manufaktur des Partners Kresta-Racing noch eine Weile ausgelastet. Und was kommt dann? Dann sehen wir weiter, sagt Martinek und gibt sich gelassen. Schließlich schreit der Bohema förmlich nach einer noch radikaleren Version für die Rundstrecke, bei der auch der letzte Rest Zurückhaltung fallengelassen wird – und mit ihr das Kennzeichen. An Ideen für einen möglichen Nachfolger mangelt es nicht, zumal sich Martinek nicht mit leidigen Themen wie der Elektrifizierung auseinandersetzen muss. „Als Kleinstserienhersteller dürfen wir auch nach 2035 noch Verbrenner bauen“, freut sich der Chefentwickler. Und anders als beim Start des Bohema muss er sich dann auch um den Bekanntheitsgrad keine Sorgen mehr machen. Zumindest bei reichen Rasern ist Praga mittlerweile in aller Munde. Autotester Thomas Geiger reiste nach Paris, um im Vorfeld eine Kunden-Events eine Probefahrt mit dem Praga Bohema machen zu können.
Praga Bohema: Der Hypercar, der Bugatti bieder aussehen lässt - WELT
Ein Hypercar aus Tschechien? Ganz recht: Die lange vergessene Traditionsmarke Praga meldet sich zurück mit einem Rennwagen für die Straße, der selbst einen Bugatti bieder aussehen lässt. Ein Faktor sticht dabei besonders heraus.






