PfadnavigationHomeKulturNetflix-Serie „Vladimir“Oh, wie sexy doch so ein Juniorprofessor ist!Veröffentlicht am 11.03.2026Lesedauer: 5 MinutenKüss mich, Captain: Rachel Weisz und Leo Woodall in „Vladimir“Quelle: Courtesy of Netflix © 2026Sex auf dem Campus? Verliebt in Vlad, den Pfähler? Was zuletzt vor allem als Missbrauchsgeschichte erzählt wurde, wird in der Netflix-Serie „Vladimir“ zur dunklen, aber schreiend komischen Komödie.Der schöne Beruf des Literaturprofessors hat ja, seit wir alle, also wir Älteren, „Der Club der toten Dichter“ gesehen haben und unbedingt wie Robin Williams werden wollten, stark an Anziehungskraft verloren. Sich in einer Welt fernab der Welt allein mit Büchern zu beschäftigen, junge Leute für Henry James und Thomas Mann zu begeistern und durch Literatur zu besseren Menschen zu machen, bis sie auf ihren Tischen stehen und „Oh Captain! My Captain“ skandieren – ein Traum.Der ist ausgeträumt. Die gelehrte Welt fernab der Welt ist ein Brennpunkt für Debatten geworden. Das spiegelt sich in Dutzenden von Filmen und Serien. Statt der toten Dichter ist auf dem geisteswissenschaftlichen Campus gegenwärtig die Diskurs-Hölle los – Rassismus, sexueller Missbrauch, Cancel Culture, Hexenjagden, Verbot von Büchern. Auf der Kinoleinwand und in den Mehrteilern der Streamer war das alles bisher tragisch, dramatisch und – anders als in der möglichkeitsversessenen Literatur – vor allem wahnsinnig realistisch. Eine Art Satyrspiel hat da unbedingt gefehlt. Ein Lust- nach all den Trauerspielen. Und hier kommt jetzt M. ins Spiel.Die liegt, als „Vladimir“ losgeht, die neue Campus-Serie von Netflix, mit derart roten Wangen am Pool ihres fabelhaften Hauses fernab der Welt, dass Margot Robbie in „Wuthering Heights“ vor Neid darüber erblassen würde. Sie liegt da und raucht und fabuliert übers Alter und den Verlust der Macht über ihre Studierenden und überhaupt der Fähigkeit, Männer zu fesseln. Rachel Weisz spielt M. Sie schaut uns an, während sie so ihren Gedanken nachhängt, nimmt uns mit in das, von dem wir glauben sollen, dass es ihre Geschichte sei. Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin. Mit denen kennt sie sich aus. M. lehrt Literatur. Aus dem Haus hinter ihr dringen derweil Schreie. Ein verhältnismäßig junger Mann sitzt da auf einem Stuhl in einem eher absurden Bademantel. Er ist gefesselt. Und jener Vladimir, der schon der ziemlich erfolgreichen Romanvorlage der Serie von Showrunnerin Julia May Jonas den Namen gab.Lesen Sie auchDoch zurück zu M. Die lehrt schon seit Jahrzehnten an dem College lehrt, an dem man nicht tot überm Lyrikregal hängen mag. M.s Debütroman war vor Jahrzehnten mal gefeiert worden. Ihre Kurse – über die Frau in der amerikanischen Literatur zum Beispiel – waren mal beliebt. Sie lebt an der Seite eines charismatischen Silberrückens, der mal unbestrittener Dekan war. Lesen Sie auchJetzt hat sie seit anderthalb Jahrzehnten eine handfeste Schreibblockade. An den Roman erinnert sich niemand mehr. Die Bewerbungen für ihre Kurse lahmen. M.’s Tochter – Rechtsanwältin und queer – findet ihre Mutter doof. Zu allem Überfluss droht John, ihrem Gatten, der sie offenbar für beschränkt hält und für nicht mehr so attraktiv, der Rausschmiss, weil zumindest er ihre offene Beziehung so ausgelebt hat, wie sie es untereinander vereinbart haben – blöderweise unter anderem mit Studentinnen.Nabokov wird umgekehrtJohn und sein möglicher sexueller Machtmissbrauch – das unterscheidet „Vladimir“ übrigens von der Mehrheit aller von Männern erzählten Literaturprofessorenlegenden – ist für Julia May Jonas aber nur eines der Rädchen, das ihre unheimlich lustige dunkle Romanze in Gang hält. Eigentlich geht es ihr nämlich um was ganz anderes: um die Umkehrung von Vladimir Nabokovs „Lolita“, der wahrscheinlich folgenreichsten aller Literaturprofessorenlegenden.Denn da steht M. bei einem Fakultätsumtrunk Vladimir gegenüber – kurz Vlad genannt, wie der Pfähler, auf den der Dracula-Mythos zurückgeht. Vlad ist Juniorprofessor und eine fesselnde Figur (sieht man mal von seiner vagen Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Vizepräsidenten ab). M. jedenfalls ist hin und weg von seinen Muskeln und den Gesten. Sie liest sie wie – sagen wir – Thomas Hardys „Tess von den d’Urbervilles“ oder Daphne du Mauriers „Rebecca“. M. wird von erotischen Fantasien überfallen, die immer stärker die Grenzen von Wunsch und Wirklichkeit verwischen. Das Begehren ist erwacht und noch etwas ganz anderes. Doch das darf hier nicht verraten werden, weil es die Geschichte hinter der Geschichte dieser Serie ist. Nur soviel: „Vladimir“ ist auch die Erzählung einer weiblichen Selbstermächtigung.Und natürlich ist sie auch eine Literaturgeschichte. Julia May Jonas erklärt nebenbei, warum der schöne Beruf des Literaturprofessors und nicht der des Soziologen ganz oben auf der Liste der meist verfilmten Universitätsdozenten steht. „Vladimir“ ist genauso sehr eine Geschichte über das Geschichtenerzählen wie es eine über das Älterwerden und das weibliche Verlangen ist.Mit dem Geschichtenerzählen und seinen Mitteln und Möglichkeiten kennen sich Literaturprofessoren schließlich aus. Und mit unzuverlässigen Erzählerinnen, die uns Leser mit in ihr Leben nehmen und uns glauben machen, was sie uns da auftischen, sei nichts als die Wahrheit. Und am Ende ist alles ganz anders. Manchmal schafft es „Vladimir“ innerhalb einer einzigen Szene Ebenen übereinanderzuschichten wie Folien auf Overheadprojektoren. Da steht M. zum Beispiel im Hörsaal und liest Edith Wharton vor und erklärt ihren verständnislosen Studierenden, was Wharton eigentlich meint, aber zu ihrer Zeit niemals so hätte schreiben dürfen. Sex. Begehren, Erotik. Und hinten im Hörsaal steht Vladimir. Und so reden M. und das Objekt ihrer Begierde über die Köpfe der jungen Leute hinweg über Wharton und meinen sich selbst. Das glaubt wenigstens M. Und reden übers Verlangen. Das Begehren füllt den Raum. Die Fantasie überfällt M. Und dann singt auch noch ein Tenor. „Vladimir“ und wie Julia May Jonas ihre Geschichte selbst auf den Arm nimmt, ist manchmal geradezu zum Schreien lustig.Literaturprofessor werden will man am Ende zwar nicht unbedingt. Aber Edith Wharton lesen vielleicht und Thomas Hardys „Tess of the d‘Urbervilles“. Aber das sollte man sowieso immer.„Vladimir“ läuft seit dem 5. März 2026 auf Netflix.
Netflix-Serie „Vladimir“: Oh, wie sexy doch so ein Juniorprofessor ist! - WELT
Sex auf dem Campus? Verliebt in Vlad, den Pfähler? Was zuletzt vor allem als Missbrauchsgeschichte erzählt wurde, wird in der Netflix-Serie „Vladimir“ zur dunklen, aber schreiend komischen Komödie.








